Weiter Weg in die Disko, kurzer Weg in den Wald

Leben auf dem Land Jugendliche in ländlichen Gebieten haben weniger Auswahl bei ihrer Freizeitgestaltung, auch wenn sich Gemeinden um betreute Jugendtreffs und selbstverwaltete Jugendorganisationen bemühen. Doch das Aufwachsen auf dem Land kann auch Vorteile haben, das hat gerade die Pandemie deutlich gemacht.

Vor zwei Jahren ist der Aspacher Jugendtreff in das alte Schulgebäude in Rietenau gezogen. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Becher

Vor zwei Jahren ist der Aspacher Jugendtreff in das alte Schulgebäude in Rietenau gezogen. Archivfoto: A. Becher

Von Kristin Doberer

Oppenweiler/Althütte. Keine Kinos, keine Diskos, kaum Bars und keine Hallenbäder: Im ländlichen Raum gibt es gerade für Jugendliche deutlich weniger Angebote zur Freizeitgestaltung im Vergleich zur Stadt. Noch dazu kommen häufig schlechte Verbindungen der öffentlichen Verkehrsmittel und lange Wege zu den Angeboten. Doch das Aufwachsen im ländlichen Raum muss nicht unbedingt nur Nachteile für die Jugendlichen haben. Ein großer Vorteil auf dem Land, so Denise Moser, die verantwortliche Jugendarbeiterin der offenen Jugendarbeit in Oppenweiler: „Jugendliche fallen nicht so schnell durchs Raster.“ Bei weniger Kindern sei es schlicht schwieriger, abzutauchen, gerade in der Pandemie sei das definitiv ein Vorteil gewesen. Zu ihr in den Jugendtreff kommen vor allem jüngere Jugendliche zwischen zehn und 14 Jahren, erzählt Moser. Und der Treff hat nur an bestimmten Wochentagen und zu bestimmten Zeiten geöffnet. „In der Stadt ist das Angebot natürlich größer. Auch gibt es viel längere Öffnungszeiten von Jugendtreffs und mehr Mitarbeiter in der offenen Jugendarbeit“, sagt Moser. Viele Jugendliche wollen sich auch abends oder am Wochenende treffen, doch in Oppenweiler zum Beispiel ist der Jugendtreff in diesen Zeiten nicht geöffnet. „Viele fahren dann mit dem Zug schnell nach Backnang, um sich mit Freunden zu treffen oder zu feiern“, sagt Moser. Gerade in abgelegeneren Orten sei die Mobilität für die Jugendlichen aber ein größeres Problem, nachts komme man eigentlich nur mit einem Ruftaxi nach Hause.

Ohne einen eigenen Rückzugsort fühlen sich Jugendliche schnell unerwünscht

Trotzdem sieht sie einen großen Vorteil des Aufwachsens im ländlichen Raum in der Nähe zur Natur und einer starken Vereinsstruktur, in die zumindest in Oppenweiler viele Kinder und Jugendliche eingebunden sind. Doch nicht alle Jugendlichen wollen Verpflichtungen eines Vereins eingehen, weiß Moser. „Und obwohl der Jugendtreff total niederschwellig ist, ist selbst das manchen Jugendlichen zu viel. Die wollen auch einfach unter sich sein.“ Diese Jugendlichen treffen sich dann eher bei Freunden zu Hause und im Garten oder an öffentlichen Plätzen, wie einem Hartplatz, Skatepark, auf Spielplätzen oder im Freibad.

Das kann zu Problemen führen, weiß Aspachs Bürgermeisterin Sabine Welte-Hauff. „Der Jugendtreff bei uns macht tolle Arbeit“, sagt die Bürgermeisterin. Vor zwei Jahren ist dieser nach Rietenau umgezogen, im alten Schulhaus gibt es jetzt viel Platz für Airhockey und Tischkicker sowie einen Mattenraum zum Toben, einen Raum mit Fitnessgeräten und einen Gaming-Raum. Doch das Angebot in Rietenau sei vor allem für Jugendliche bis 14 Jahre interessant. „Bis 14 ist das bei uns wunderbar, aber danach gibt es nichts mehr, da fehlt einfach ein Angebot.“ Auch gebe es Jugendliche, die den Jugendtreff nicht besuchen wollen. Häufig treffen sich diese dann an öffentlichen Plätzen, immer wieder komme es dabei auch zu Konflikten mit den Anwohnern, zum Beispiel wenn Müll hinterlassen wird. „Dort werden sie immer wieder weggeschickt, sie fühlen sich überall unerwünscht und haben keinen eigenen Rückzugsort“, sagt Welte-Hauf. In Aspach wurde der Wunsch nach einem Rückzugsort von den Jugendlichen auch schon persönlich an das Rathaus getragen, einige Jugendliche passten die Bürgermeisterin nach einem Arbeitstag ab und sprachen sie darauf an. Die Verwaltung sucht gerade nach einem passenden Ort, an dem sich die Jugendlichen selbstverwaltet treffen können, beispielsweise in einem einfachen Bauwagen. Möglich sei zum Beispiel eine Fläche beim Skatepark an der Mühlfeldhalle, da sich gerade im Sommer hier ohnehin schon viele Jugendliche aufhalten. Die Anlage selbst sei für die Jugendlichen schon ein großer Gewinn gewesen, doch will die Verwaltung das Angebot noch weiter ergänzen.

Selbstverwaltete Jugendtreffs gibt es nur noch in wenigen Gemeinden

Was Aspach gerne hätte, gibt es in Althütte in einer ähnlichen Form bereits seit vielen Jahren. „Das Revier“ ist ein Treffpunkt vor allem für ältere Jugendliche zwischen 17 und 26 Jahren, feste Öffnungszeiten oder Betreuer gibt es nicht. Stattdessen wird in einer Whatsapp-Gruppe ausgemacht, wann Leute Lust haben, sich zu treffen. Gemeinsam unternimmt man Ausflüge, beispielsweise Maiwanderungen oder Skifahrten, aber man arbeitet auch zusammen an Projekten, zum Beispiel wurde eine Hütte für den Weihnachtsmarkt in Althütte gebaut und betrieben. Wobei das Treffen seit Corona auch im „Revier“ nur selten der Fall war. Ins „Revier“ könne eigentlich jeder kommen, sagt Leon Obertautsch, der als eine Art Vorstand agiert. Viele kennen sich aber schon länger, aus anderen Vereinen, aus der Schule oder aus der Nachbarschaft.

Wer tatsächlich in die Disko gehen will, der hat mittlerweile keine andere Wahl mehr, als nach Stuttgart zu fahren. „Das ist dann natürlich immer mit einem Riesenaufwand verbunden“, sagt Leon Obertautsch. „Obwohl die Busverbindung in Althütte top ist, ist man ewig unterwegs.“ Mit den Öffentlichen nach dem Feiern nach Hause zu fahren dauere sehr lang, doch wer in die Disko gehen will, nehme das in Kauf, erzählt er. Viele in seinem Freundeskreis seien vor Corona aber immer eher in der näheren Umgebung feiern gegangen, auf Festen im Umkreis oder eben einfach mit Freunden im „Revier“. Obertautsch zumindest war gerade in den vergangenen zwei Jahren froh, dass er eben nicht in der Stadt wohnt. Während der Weg in die Disko sehr lang ist, ist der in die Natur umso kürzer. „Wir können einfach mal schnell zum Ebnisee fahren, Lockdown in einer kleinen Wohnung in Stuttgart will ich mir gar nicht vorstellen.“

Neben Treffen in den eigenen Räumen gibt es auch immer wieder verschiedenen Ausflüge. Foto: privat

Neben Treffen in den eigenen Räumen gibt es auch immer wieder verschiedenen Ausflüge. Foto: privat

„Das Revier“ in Althütte ist ein selbstverwalteter Jugendtreff. Eine Hütte für den Weihnachtsmarkt haben sie selbst gebaut. Foto: privat

„Das Revier“ in Althütte ist ein selbstverwalteter Jugendtreff. Eine Hütte für den Weihnachtsmarkt haben sie selbst gebaut. Foto: privat

Jugendarbeit und Corona

Geschlossen Im Jahr 2021 waren auch die Jugendtreffs von den Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie betroffen. In Sulzbach an der Murr zum Beispiel waren die Sozialarbeiter der Offenen- und Mobilen Jugendarbeit aufgrund der Schließung dafür viel draußen unterwegs und haben sich intensiv um die schulischen und beruflichen Entwicklungen der Kinder und Jugendlichen gekümmert.

Zusätzliche Stellen Um die Folgen der Coronapandemie für Kinder und Jugendliche abzumildern, fördert das Land den Ausbau der mobilen Kinder- und Jugendsozialarbeit mit insgesamt rund 4,5 Millionen Euro. So wird das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona“ umgesetzt, das Kinder und Jugendliche im Alltag, in der Freizeit und bei der Bildung unterstützt.

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Erstellt:
8. Januar 2022, 11:30 Uhr

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