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Weitere Details zum Entführungsfall

Kriminalbeamte stellen Asservate vor und berichten von der Vernehmung des Entführungsopfers.

Der Fall machte über die Landesgrenzen hinweg Schlagzeilen: Eine in Aspach arbeitende Pflegekraft war entführt worden. Nun müssen sich die mutmaßlichen Täter vor Gericht verantworten. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Der Fall machte über die Landesgrenzen hinweg Schlagzeilen: Eine in Aspach arbeitende Pflegekraft war entführt worden. Nun müssen sich die mutmaßlichen Täter vor Gericht verantworten. Foto: A. Becher

Von Hans-Christoph Werner

ASPACH/STUTTGART. Am zweiten Verhandlungstag im Gerichtsverfahren wegen der Entführung einer Pflegefachkraft (wir berichteten) standen die Aussagen von drei Polizeibeamten im Vordergrund. Ein 38-jähriger Kriminal-Hauptkommissar hat das Opfer der Entführung in Bautzen (etwa 40 Kilometer vor der deutsch-polnischen Grenze) ausführlich vernommen. Wie schon mitgeteilt hatten sich die Angeklagten im Juni letzten Jahres unter dem Vorwand, ein Auto zu kaufen, nach Deutschland begeben. Von der 47-jährigen Pflegekraft, der Ex-Partnerin des Angeklagten Maciej I., erbaten sie sich leihweise 200 Euro. Diese nutzte ihre Mittagspause, um das Geld abzuheben. Ihr Ex-Partner fuhr sie mit dem Renault Laguna zur Bank. Dann ging’s gemeinsam zum Wohnmobilparkplatz im Fautenhau. Zum Verhängnis wurde der Frau, dass sie die Einladung, sich das Wohnmobil doch anzuschauen, annahm. Der 24-jährige Krzystof T. schloss die Tür. Ihr Ex-Partner fesselte sie mit Kabelbinder und Klebeband.

Just als ein anderes Wohnmobil in den Parkplatz einbog, gaben die Entführer Gas. Die Anfahrenden hörten noch die Schreie der Frau. Nonstop ging es über die Autobahn nach Rastatt, dort dann über die Grenze nach Frankreich. Die Fahrtroute konnte anhand der Handydaten des Entführungsopfers rekonstruiert werden. Während der Fahrt wurde die 47-jährige gezwungen, eine WhatsApp-Nachricht an die Familie in Aspach zu senden, bei der die Frau als Pflegerin arbeitete. Die Empfänger nahmen gleich an, da sei etwas passiert.

Es bleibt ein Rätsel, warum die Entführer mit ihrem Opfer in Hagenau in Frankreich landeten. Ein Rechtsanwalt mutmaßt, dass die Entführer vielleicht Hegnach im Remstal ins Navi eingeben wollten, daraus aber dann Hagenau wurde. Als das Wohnmobil in Frankreich im Wald festsaß, irrten die Entführer mit ihrem Opfer durch den Wald. Durch die ihr zugefügten Verbrühungen am Fuß habe die 47-Jährige schlecht laufen können. Die Verletzung habe sich auch entzündet. Immer wieder habe ihr Ex-Partner sie eingeschüchtert, sodass sie sich nicht traute, nach Hilfe zu rufen. Kurz durfte sie mit ihrer Tochter telefonieren. Die Tochter sagte später über das Gespräch, es habe wie ein letztes Wort geklungen.

Die Beziehung der Entführten zu Maciej I. war schon zuvor stark von Gewalt geprägt gewesen. So berichtete der Kommissar aus der Vernehmung der Tochter der 47-Jährigen. Ferner sei Maciej I. sehr eifersüchtig gewesen. So soll er einmal gesagt haben, dass „er sie besitze oder keiner“. Die Frau sagte gegenüber dem Kriminalbeamten, dass sie sich schon im Januar 2019 von dem 52-Jährige getrennt habe. Damals habe die Liaison zu dem Deutschen noch nicht bestanden. Nach ihrer Befreiung hat sich die 47-Jährige in therapeutische Behandlung begeben. Eine posttraumatische Belastungsstörung war diagnostiziert worden. Zudem gab sie an, dass sie als Neunjährige missbraucht worden war.

Ein weiterer Polizeibeamter berichtet über die Habseligkeiten der Entführer, die von den französischen Ermittlern den deutschen Kollegen zur Verfügung gestellt wurden. All diese sogenannten Asservate wurden fotografiert. Insgesamt 173 Ablichtungen werden in der Verhandlung im Schnelldurchgang in Augenschein genommen. Zu sehen sind: Unterwäsche, Medikamente, Zahnpasta, Handschuhe, Seile, Klebeband, Schuhe, Plastikbesteck, Papierfetzen...

Beide Angeklagten erscheinen an diesem Verhandlungstag ohne Mundschutz. Mit stoischer Miene verfolgt der Jüngere den Gang der Verhandlung. Auch dem Älteren ist nichts anzumerken, besonders auch zu den Gelegenheiten, da der Kriminalbeamten von den Ängsten der Entführten redet. Nur manchmal spielt er mit seiner Unterlippe.

Die drei Berufs- und die zwei Laienrichter sind im Landgericht von einer mobilen Glaswand umgeben. Die Protokollantin spricht vor der Verhandlung scherzhaft davon, dass man nun im Verhandlungssaal ein Aquarium habe.

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Erstellt:
3. Juni 2020, 06:00 Uhr

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