Welche Politiker wir wollen
Winfried Kretschmann ist das Rollenmodell für ein Regieren, das Vertrauen schafft.
Von Eidos Import
Eine leise Melancholie umweht den Abschied Winfried Kretschmanns von der Villa Reitzenstein. 15 Jahre lang hat der bald 78-Jährige das Land regiert; immer gab es ein gutes Gefühl, ihn dort oben zu wissen, auf Stuttgarter Dreiviertel-Höhenlage. Er ist ein Mann wie das Land: mal Weltgeist, mal Kleingeist, grummelig, gelegentlich feurig, dann wieder störrisch, immer verlässlich.
Andere Ministerpräsidenten haben Universitäten hinterlassen, Akademien und Museen. Erwin Teufel fusionierte Energieerzeuger (EnBW), Banken (LBBW) und Rundfunkanstalten (SWR). Er gründete das Haus der Geschichte und bewerkstelligte eine große Verwaltungsreform. Kretschmann mag den Nationalpark im Schwarzwald auf der Habenseite verbuchen, am Cyber Valley und am entstehenden KI-Campus in Heilbronn hat das Land seinen Anteil. Doch geprägt wurde Kretschmanns Amtszeit durch Krisen: vom Stuttgart-21-Konflikt über die Flüchtlingskrise und die nachfolgende Pandemie bis zur Industriemalaise, die das baden-württembergische Wirtschaftsmodell im Kern trifft. Auch das Klima wollte er retten.
Bleiben wird von Kretschmann das Rollenvorbild, das er als Regierungschef und überhaupt als Politiker gab. Das ist nichts, was sich mit Händen greifen und mit Blicken erfassen ließe. Dennoch erzielt es Wirkung. Hinter dem Politiker Kretschmann blieb immer der Mensch kenntlich. Er verzapfte – in aller Regel – keine Phrasen, sondern redete wie ein normaler, wenn auch gescheiter Mensch. Er versuchte erst gar nicht, eine Art Hochglanzversion seiner selbst zu simulieren, sondern gab sich als Ministerpräsident im Wesentlichen, wie er ist. Dazu kommt eine profunde Bildung, die im Milieu aufgeregter, netzwerkpflegender und digitalaffiner Karrierepolitiker selten geworden ist. Dass Kretschmann mit seiner unzeitgemäßen Art bei Wahlen Erfolge errang, öffnet vielleicht die Augen mancher Nachwuchskraft dafür, worauf es wirklich ankommt.
Dabei verhielt er sich der Macht gegenüber keineswegs keusch. Im Gegenteil. Um sein zentrales Ziel zu erreichen – die Grünen fest als Regierungspartei zu etablieren –, machte er sich mit den Mächtigen in Wirtschaft und Gesellschaft vertraut. Jedes Gespräch mit einem Wirtschaftsgewaltigen – ob Mittelständler oder Großmanager – war für Kretschmann ein Fest, je wichtiger, umso besser. Sogar einen Adelsgipfel richtete er aus. Aber das waren immer ernsthafte Unternehmungen. Schließlich soll Politik „nicht Spaß, sondern Sinn“ machen, wie Kretschmann in Anlehnung an seine Hausheilige Hannah Arendt gern sagt. Die Prosecco-Fraktion der Stuttgarter Möchtegern-Society saß bei ihm auf dem Trockenen.
Diese Nähe hatte aber auch ihren Preis. Bei all den vielen Strategiedialogen, die er mit Managern, Verbandsvertretern und Wissenschaftlern zu den allfälligen Herausforderungen führte, sind durchschlagende Erfolge nicht bekannt geworden. Das ist auch nicht verwunderlich. Denn in solchen Runden sitzen die arrivierten Vertreter des Status quo. Es wird Geld verteilt, von einem Silicon Valley ist das viel gelobte Cyber Valley indes Lichtjahre entfernt. Technisch und ökonomisch gesehen verhält es sich nach wie vor so: Baden-Württemberg erleidet Disruptionen, gestaltet sie aber zu wenig zum eigenen Nutzen.
Als Politikertypus ist Kretschmann nicht nur eine Rarität, er ist singulär. Er hat das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger gewonnen. In einer Zeit, in der die Demokratie angefochten ist wie seit der NS-Diktatur nicht mehr, bräuchte es sehr viel mehr von solchen Politikern. Mit einem Schuss mehr Dynamik. Dann wäre es top.
