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Wenn der Burgherr durchs Gemäuer spukt

Sagenhaft In Ringingen auf der Schwäbischen Alb geht die Mär von einem Toten, der keine Ruhe findet

ringingen Die Geschichte erinnert ein bisschen an ICE-Fahrten im Sommer: Alle Fenster zu, die Klimaanlage kaputt, die Sonne heizt den Zug zur Sauna auf. Aber das ist kein Bahn-Novum – so etwas gab es auch schon im Mittelalter. Damals stand im Dorf Ringingen auf der Schwäbischen Alb das Schloss leer – der letzte Besitzer mit dem Namen Schmeller war gestorben. Für die Dorfjugend war dieser „lost place“ genau die richtige Location für ein Abenteuer: Eines Winterabends zogen sie zu einem Gelage in das Gemäuer und schlossen sich zur Sicherheit ein.

Plötzlich hörten sie Schritte – und dass sich jemand im Nebenzimmer am Kamin zu schaffen machte. Es wurde warm, es wurde heiß, die Jungs hatten schließlich das Gefühl, zu ersticken. Rauszugehen zu dem unheimlichen Einheizer traute sich aber auch niemand.

Da krachte plötzlich die verschlossene Tür auf – und im Rahmen stand der verstorbene Burgherr. Ob es ihnen denn warm genug sei, fragte er süffisant. Keiner der zu Tode Erschrockenen wagte zu antworten. Dann schloss sich die Tür, der Schlüssel drehte sich, und der Schmeller war wieder weg. Ein Toter, der keine Ruhe findet im Grab – das ist ein Klassiker unter den Gruselsagen. Und ist auch eine Moral von der Geschicht: Irgendwann wird jeder gestraft.

Das hatte der Schmeller nämlich reichlich verdient. Als klassischer Feudalherr hatte er seine Untertanen getriezt und ausgebeutet ohne Ende. Mit seinen Jagdgesellschaften hatte er die Felder seiner Untertanen verwüstet, er hatte ihnen das Brotbacken verboten und sie überteuertes Brot von seinem Bäcker kaufen lassen, er hatte die Abgaben über die Belastungsgrenze getrieben und sich Weideland des Dorfes angeeignet. Dagegen gerichtlich vorzugehen war zwecklos: Richter war er selber, und seine Urteile fielen zu seinen Gunsten oder zugunsten seiner Freunde aus.

Deshalb wurde es mit seiner Himmelfahrt nichts. Die einzige Chance war, das geraubte Kapital für seine Erlösung einzusetzen: fleißig Messen lesen lassen, ordentlich Spenden an die Kirche machen. Darauf hatte jetzt aber die Witwe mit ihren drei Töchtern keine Lust.

Also beschloss der Schmeller, mal ordentlich rumzuspuken. Fairerweise ließ er seine Ex-Untertanen in Ruhe (außer sie machten einen auf Hausbesetzer). Die gewöhnten sich bald daran, ihn durch die Gegend spazieren zu sehen, und grüßten höflich.

Frau und Kinder aber wurden so mit Spuk überzogen, dass sie aus dem Schloss nach Rottenburg flohen. Aber auch dort wütete der Schmeller und griff wieder auf seinen ICE-Trick zurück: An einem Sommertag mit Bruthitze sperrte er die Familie in einem Zimmer ein und ließ den Kamin glühen.

Als auch das nichts nützte, wickelte er seine Frau in ein Leintuch und hängte das an der Außenmauer auf. Portaledge nennt man das heute in Bergsteigerkreisen, aber der Schmeller hatte es sicherungstechnisch höchst unkorrekt an einem Holznagel befestigt. Da lenkte die Frau ein. Sie zahlte, der Pfarrer sprach die Absolution – und der Schmeller verschwand für immer.

Woher wir das wissen? Die Zimmerische Chronik aus dem 16. Jahrhundert berichtet das. Andererseits: Die Burg hatte wechselnde Besitzer, von den Herren von Ringingen über den Truchsess von Urach bis zum berühmten Affenschmalz – unter diesem Kriegsnamen firmierte Heinrich von Killer, ein berühmter Landsknechtführer. Von einem Schmeller erzählen die Urkunden nichts. Vermutlich verschmelzen in seiner Gestalt die schlechten Erfahrungen mit der Feudalherrschaft – und die ohnmächtige Hoffnung auf Vergeltung wenigstens nach dem Tode.

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Erstellt:
14. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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