Ausstellung in der Villa Merkel

Wenn die Schlange von der sterbenden Welt singt

Um Macht, die Ausbeutung des globalen Südens und Raubbau in der chilenischen Atacama-Wüste geht es in Ivana de Vivancos Schau in Esslingen. Zudem: Junge Kunst der Generation Z.

Das Schlangenkostüm der Künstlerin Ivana de Vivanco in der Villa Merkel.

© Roberto Bulgrin

Das Schlangenkostüm der Künstlerin Ivana de Vivanco in der Villa Merkel.

Von Elisabeth Maier

Die giftgrüne Farbe der Lithium-Becken gräbt sich in die Bilder aus der Atacama-Wüste. Mit dem Rohstoff, der in riesigen Anlagen in der chilenischen Ödnis extrahiert wird, werden Akkus für Mobiltelefone hergestellt. Dazu werden Massen an Wasser aus den Oasen abgepumpt, was den Menschen dort ihre Lebensgrundlage raubt. In diesem postkolonialen Kosmos bewegt sich die Künstlerin Ivana de Vivanco. Die Esslinger Galerie Villa Merkel widmet der chilenisch-peruanischen Grenzgängerin zwischen Malerei, Video, Skulptur, Installation und Performance eine Ausstellung. „Wie klingt das Weinen einer Schlange?“ ist bis zum 7. Juni zu sehen. Die Vernissage findet am 7. März, um 17 Uhr statt

Im oberen Stockwerk zeigt der ehemalige Esslinger Bahnwärter-Stipendiat Grischa Hyazinth Kaczmarek Arbeiten, die während seines Aufenthalts entstanden sind. Die Ausstellung „Anti Heroes“ kombiniert die künstlerischen Dekonstruktionen des 33-Jährigen mit Exponaten des jungen Sammlers Lukas Jakob. Er erkundet in seiner Auswahl Zeichen der Generation Z in der Kunst. Geschlecht und Männlichkeit zu dekonstruieren und in alternativen Heldenfiguren jenseits der Geschlechtergrenzen neu zu definieren, prägt die Gruppenausstellung.

Obwohl sich beide Schauen inhaltlich wie ästhetisch stark unterscheiden, ist die Dekonstruktion patriarchaler Machtstrukturen ein gemeinsamen Thema. Die Kunstschaffenden wie auch der Sammler erzählen Gegenwart und Vergangenheit neu. Ivana de Vivanco lädt die Besucher ein, sich mit der Ausbeutung des globalen Südens auseinanderzusetzen.

Im Foyer der Gründerzeit-Villa ist ein riesiger Sandhaufen aufgeschüttet. Fünf Stahl-Skulpturen zeigen Bilder, die an die indigenen Völker erinnern. Dieser erste Weg durch die künstlich erschaffene Wüste führt in den ersten Raum der ein lebensgroßes Schlangenkostüm zeigt. Bunt schillernde Leinwandschuppen hat die Künstlerin mit der Hand ausgeschnitten. Das gibt der Schlangengestalt eine natürliche Anmutung.

Das metallene Dröhnen der Ausbeutung gegen Wasser und Wind

Die Fenster der Villa hat die Künstlerin mit bunter Folie beklebt. Bei Sonnenlicht hat der Lichteinfall etwas Magisches. Diese surreale Atmosphäre überträgt sich auch auf die Bäume im Merkelpark, aus denen erste Blätter sprießen. Um das Kostüm stehen die vier „Tektonische Blumen“. Die Blütenblätter sind ebenfalls mit Leinwandschuppen beklebt. Aus Lautsprechern tönen die Klanglandschaften der Soundkünstlerin Pama C. Hapette. Sie konfrontiert in der Komposition die Geräusche des Wassers, des Windes und der Wüste mit dem metallenen Lärm der Lithium-Förderanlagen. Der Schmerz, den die Ausbeutung der globalen Ressourcen der Natur zufügt, dröhnt in den Ohren. Auf sinnliche Erfahrungen wie diese setzt die 37-jährige Künstlerin und Kunstprofessorin, die in Esslingen ihre erste umfassende Einzelausstellung zeigt.

Inspiriert von den Forschungsarbeiten der bolivianischen Soziologin Silvia Rivera Cusicanqui, erzählt Vivanco vom Kampf der indigenen Völker gegen die erneute Kolonisierung durch die Weltwirtschaft. Dazu hat sie Ilya Reyes Aymani gewonnen, die in der Atacama-Wüste die lange unterdrückte und vergessene Sprache der Lickanantay lehrt. Ein Interview mit ihr, das auf Video zu sehen ist, steckt den politischen Kontext ab. Was der Kampf des Westens gegen die Natur bedeutet, vermittelt sie stark.

Herzstück ist das Video „Wie klingt das Weinen einer Schlange?“ In der 30-minütigen Arbeit leuchtet die Künstlerin die Komplexität des Themas aus. Langsam geht die Performerin im Schlangenkostüm durch die Wüste, vorbei an Felsformationen und verdorrter Erde. Dabei geht sie im Rückwärtsgang. Für die Betrachter scheint die Zeit stillzustehen. Das Video konfrontiert reale Bilder mit Studioaufnahmen. Eine Sängerin, die ebenfalls das Schlangen-Kostüm trägt, kündigt die Katastrophe an – diese Gabe der Vorhersehung wird in der Wüste dem mythischen Wesen, der Schlange, zugeschrieben.

Klug konfrontiert Ivana de Vivanco die alten Kulturen Chiles mit dem wirtschaftlichen Fortschritt, der die Menschen austrocknet. Die Künstlerin, die in Chile, Peru und Ecuador aufgewachsen ist, orientiert sich in ihrer Malerei am Realismus, den sie mit magischen Elementen anreichert. Dabei verwirrt sie die Betrachter mit allzu vielen Symbolen alter Kulturen. Ihre starke Botschaft schwächt das nicht. Das fünfteilige Ölbild „Anatomies of Water“ zeigt den Kampf der Menschen gegen die Ausbeutung auf einem fünfteiligen Panoramabild. Sie kämpfen um jeden Tropfen des lebensspendenden Wassers, das der Lithiumabbau verschlingt. Schlangenkörper stehen für die Mythologie. Daneben schlagen Protestierende auf Töpfe, die gegen die globale Wirtschaft kämpfen. Dieses Potenzial des Widerstands schwingt immer mit.

Kunst mit politischem Anspruch

Ivana de Vivanco Die chilenisch-peruanische Künstlerin ist 1989 geboren. Sie lehrt als Professorin an der Hochschule für Grafik und Druckkunst in Leipzig. Sie untersucht in ihrem Werk, wie sich Machtdiskurse in Bildern spiegeln. Dabei interessieren sie die Schnittstellen zwischen Kulturen.

Stipendiat 2025 hat Grischa Hyazinth Kaczmarek als Bahnwärter-Stipendiat in Esslingen gearbeitet. 2022 hat der Künstler aus Freiburg an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe gearbeitet und dort nach dem Abschluss 2022 vier Jahre lang als Assistent gearbeitet.

Sammler Der Kunstsammler Lukas Jakob, 1998 in Freiburg geboren, sammelt seit frühester Jugend. Er zeigt seine junge Kunst und Konzeptkunst auch in der internationalen Szene. Die Ausstellungen in der Villa Merkel sind bis 7. Juni in der städtischen Galerie, Pulverwiesen 25, zu sehen.

Ivana de Vivanco vor ihrer Installation in der Villa Merkel.

© Roberto Bulgrin

Ivana de Vivanco vor ihrer Installation in der Villa Merkel.

Wandbild der Künstlerin.

© Roberto Bulgrin

Wandbild der Künstlerin.

Die chilenisch-peruanische Künstlerin und ihr Schlangenkostüm

© Roberto Bulgrin

Die chilenisch-peruanische Künstlerin und ihr Schlangenkostüm

Weitere Eindrücke von der Ausstellung: „Wie klingt das Weinen einer Schlange?“

© Roberto Bulgrin

Weitere Eindrücke von der Ausstellung: „Wie klingt das Weinen einer Schlange?“

Wenn die Schlange von der sterbenden Welt singt

© Roberto Bulgrin

Wenn die Schlange von der sterbenden Welt singt

© Roberto Bulgrin

Wenn die Schlange von der sterbenden Welt singt

© Roberto Bulgrin

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Erstellt:
6. März 2026, 15:00 Uhr

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