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Wenn die Stressspirale sich immer weiterdreht

Das Interview: Eine Beraterin für Opfer häuslicher Gewalt im Rems-Murr-Kreis erzählt von ihrer Arbeit in Zeiten der Coronapandemie und geht auch auf die Frage ein, ob nun mit gestiegenen Fallzahlen in diesem Bereich zu rechnen ist. Aus Sicherheitsgründen muss unsere Interviewpartnerin anonym bleiben.

Bei vielen Betroffenen von häuslicher Gewalt bewirkt Stressüberflutung eine Starre: Sie können sich nicht mehr wehren. Bei Tätern bewirkt es vielfach Gewaltausbrüche mit oft schlimmen Folgen. Im Rems-Murr-Kreis kümmert sich ein ganzes Netzwerk um die Opfer. Foto: Polizei

Bei vielen Betroffenen von häuslicher Gewalt bewirkt Stressüberflutung eine Starre: Sie können sich nicht mehr wehren. Bei Tätern bewirkt es vielfach Gewaltausbrüche mit oft schlimmen Folgen. Im Rems-Murr-Kreis kümmert sich ein ganzes Netzwerk um die Opfer. Foto: Polizei

Von Bernhard Romanowski

Dieser Tage ist häufiger die Rede davon, dass die Fälle von häuslicher Gewalt in Zeiten der Coronakrise mit ihren Beschränkungen ansteigen werden. Können Sie das aus Ihrer Warte der Opferberatung bestätigen?

Es ist natürlich eine große Herausforderung für alle Familien in dieser Zeit, den ganzen Tag zusammen zu sein und sich um die jeweiligen Aufgaben kümmern zu müssen, ohne die Wohnung oder das Haus zu verlassen. Einen größeren Zulauf als in der Vergangenheit haben wir nicht erfahren. Der Falleingang ist gleichbleibend hoch.

Woran könnte das liegen?

Die Vermutung liegt nah, dass die Angst vor der Ansteckung mit dem Virus zu groß ist. Der Überlebenswunsch der Menschen rückt in den Vordergrund, das Notsystem wird aktiviert, und plötzlich ist das, was nicht möglich war, möglich geworden. Nämlich die gewalttätigen Partner können ihre Gefühle etwas stärker im Griff halten, als es vor der Corona der Fall war. Trotz aller Vermutungen können wir nicht wissen, wie viele Menschen in der Coronakrise tatsächlich häuslicher Gewalt ausgesetzt sind und wie viele nach der Lockerung der Beschränkungen auf uns zukommen, wenn die Beratungsstellen für die persönlichen Gespräche wieder geöffnet sind.

Es sind also keine coronabedingten Veränderungen für Sie in Ihrem Berufsfeld zu verzeichnen?

Was zugenommen hat, das sind die telefonischen Beratungen in den laufenden Fällen. Wo bereits vor der Coronakrise das Vertrauen der Opfer in die Beraterin bestand, wurde bei Bedarf nach Unterstützung gerufen. In ein paar Fällen gab es tatsächlich eskalierende Situationen zu Hause, die dazu führten, dass die Opfer der häuslichen Gewalt mehrmals in der Woche psychologische Unterstützung am Telefon erfahren haben.

Spielt tatsächlich die aktuelle Situation, etwa das vermehrte Zusammensein auf mehr oder weniger engem Raum, eine große Rolle, oder hat die häusliche Gewalt mehr mit der grundsätzlichen Disposition der Täter zu tun? Anders gefragt: Wäre ein gewalttätiger Mann unter anderen Umständen weniger gewalttätig?

Natürlich, je enger die Wohnräume, je weniger Rückzugsmöglichkeiten es in der Familie gibt, desto größer die Gefahr einer Eskalation der Gefühle. Je nach Stabilität der Psyche der Familienmitglieder, je nach Beziehung untereinander verlaufen die Konfliktklärungsgespräche unterschiedlich. Wenn der Druck in der Familie zu groß wird, der zum Beispiel aus der existenziellen Angst herrührt, kann es auch zu Gewalteskalation kommen. In der Coronakrise sind viele Menschen von Existenzängsten betroffen. So sind die finanziellen Engpässe in der Familie nicht selten ein Grund für vermehrte Konflikte. Was aber nicht zwangsläufig zur Eskalation mit Gewaltausbruch führt.

Wie hat sich Ihre Arbeit in Zeiten der Coronapandemie verändert?

Die telefonische Beratung, auf die wir derzeit beschränkt sind, empfinden einige Menschen als nachteilig und wünschen sich, dass es bald wieder möglich werde, eine persönliche Beratung zu erfahren. Andere wiederum stören sich nicht daran, nur telefonisch beraten zu werden. Sie alle aber nehmen die Beratung dankbar an und sind froh, in einer schwierigen Situation jemanden zu haben, der einen Außenblick hat. Gemeinsam die notwendigen Schritte und die Handlungsmöglichkeiten durchzugehen, die dem Betroffenen in der Situation aufgrund des erhöhten Stresslevels nicht sichtbar sind, empfinden Menschen als hilfreich. Es ist eine große Erleichterung für sie, mit ihrem Problem nicht alleine dazustehen.

Dennoch bringt diese Situation auch Nachteile mit sich.

Die Nachteile in der Coronakrise sind ganz klar: Die von Gewalt betroffenen Menschen können nicht einfach die Wohnung verlassen, ohne dass sie sich erklären und sagen müssen, wohin sie gehen. Denn für viele ist es ja momentan nicht möglich, arbeiten zu gehen und dann eventuell auf dem Weg den Termin in der Beratungsstelle wahrzunehmen. Denn sehr oft werden die Opfer der häuslichen Gewalt durch den gewalttätigen Partner oder die Partnerin bis ins Kleinste kontrolliert und überwacht. Da ist es schwer für sie, sich der Kontrolle zu entziehen und mal einfach ungestört zu telefonieren. Das ist die größte Hürde, die die Ratsuchenden am Telefon mitteilten. Auch für uns Beraterinnen bedeutet das, in der Coronakrise noch flexibler mit der Zeit umzugehen, um auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingehen und ihnen helfen zu können.

Wie entsteht Ihr Kontakt zu den Betroffenen?

Die Opfer häuslicher Gewalt werden durch den Polizeivollzugsdienst über das Unterstützungsangebot informiert. Sie müssen aus datenschutzrechtlichen Gründen eine Einverständniserklärung zur Weitergabe ihrer Kontaktdaten an die Beratungsstellen unterschreiben. Oder sie erfahren über unsere Öffentlichkeitsarbeit von dem Angebot und wenden sich direkt an uns.

Wie läuft so ein Beratungskontakt ab?

Wenn ein Opfer häuslicher Gewalt – in meinen Fällen die Frauen – sich an mich wendet, dann besprechen wir die Situation, in der die Frau sich gerade befindet, nachdem sie die Gewalt durch ihren Partner erlebt hat. Dadurch, dass die Plätze in Frauenhäusern begrenzt zur Verfügung stehen, vergehen manchmal einige Stunden, bis wir einen freien Platz gefunden haben. Manche schlüpfen bei Freundinnen unter, andere verbringen diese Zeit in Beratungsstellen oder einfach irgendwo draußen, um dem gewalttätigen Partner nicht zu begegnen. Wieder andere rufen aus der gemeinsamen Wohnung an, wenn der gewalttätige Partner nach der Gewaltausübung mithilfe der Polizei die Wohnung bereits verlassen hat.

Kommt es vor, dass die Verlassenen sich zu rächen versuchen?

Während die Frauen, die sich nicht in der gemeinsamen Wohnung befinden, auf einen freien Platz im Frauenhaus warten, passiert es in manchen Fällen, dass der gewaltausübende Partner in dieser Zeit die Türschlösser zur gemeinsamen Wohnung austauscht. Und so passiert es schon mal, dass die Frau dann mit einem oder mehreren kleinen Kindern vor verschlossener Tür steht und nicht die Möglichkeit hat, ihre Dokumente oder Kleidung für sich oder das Kind zu holen. Diese Frauen gehen dann ins Frauenhaus, nur mit dem Kind und dem, was sie anhaben. In dem Moment verliert die Frau, aber vor allem das Kind, das gewohnte Umfeld und alles, was ihnen lieb war.

Wie kommen die Kinder mit so etwas zurecht?

Kinder leiden besonders unter der Gewaltausübung des Elternteils, egal ob Mann oder Frau. Denn sie bekommen alles immer mit. Zuerst spüren sie den Druck der Eltern untereinander, dann hören oder gar sehen sie Konflikte, die dann aber auch eskalieren. Die Gewaltausübung bleibt den Kindern wirklich nicht verborgen. Seit Jahrhunderten ist es bekannt, dass die Kinder sehr feine Antennen für die Stimmungen der Eltern haben, und so kriegen sie alles mit, auch wenn sie der Gewalttat nicht beiwohnen.

Kooperieren Sie als Opferberaterinnen mit anderen Stellen?

Zum Wohle der Kinder arbeiten wir mit vielen Kooperationspartnern wie der Polizei, dem Jugendamt, dem Kinderkrisendienst, den Frauenhäusern und vielen anderen Beratungsstellen zusammen. Die Polizei als erste agierende Institution hat eine gewichtige Rolle in der weiteren Entwicklung des Konflikts. Mit dem Blick aufs Kind werden hier nicht nur Hinweise auf die weiteren Beratungsstellen für das Paar gegeben, um den Konflikt zu deeskalieren und dann bearbeiten zu können, sondern von hier aus wird auch das Jugendamt direkt informiert. Die Opferberatung und der Kinderkrisendienst werden indessen erst auf Wunsch und mit Einverständnis des Opfers informiert, nachdem das Opfer auf diese Möglichkeit von dem Polizeibeamten hingewiesen wurde.

Wie geht es dann weiter?

Sobald wir in der Opferberatung diese Einverständniserklärung bekommen, rufen wir die Betroffene an und unterstützen sie auf dem Weg ins neue, gewaltfreie Leben. Das erfolgt psychologisch wie auch ganz konkret durch das Finden einer vorübergehenden Bleibe und das Sicherstellen der finanziellen Unabhängigkeit. Hier ist die Kooperation mit dem Jobcenter und den psychologischen Beratungsstellen von großer Bedeutung. Sehr oft haben wir es aber mit Selbstmelderinnen zu tun, die von Beratungsstellen, Internet oder Bekannten unsere Telefonnummer erfahren und uns kontaktieren, ohne dass es vorher einen Polizeieinsatz gegeben hat.

Fällt es den Betroffenen nicht schwer, sich an offizielle Stellen zu wenden?

Das Sich-Öffnen ist für ein Opfer der häuslichen Gewalt eine große Hürde, denn außer den Betroffenen selbst und ihren Kindern weiß in den meisten Fällen niemand von ihrem Leid, das sie zu Hause in den vier Wänden durchleben. Oft geben sie sich selbst die Schuld für die Gewaltausbrüche des Partners und denken, dass sie nicht richtig damit umgehen können. Sehr oft werden sie vom gewaltausübenden Partner jahrelang psychisch unter Druck gesetzt oder so weit bearbeitet, dass sie selbst daran glauben, an allem schuld zu sein.

Hat das auch etwas mit der sozialen Situation zu tun? Geraten Familien mit geringem Einkommen eher in diese Gefahr?

Diese Frage ist nicht mit einem Satz zu beantworten. Nicht allein das geringe Einkommen setzt die Familien ziemlich unter Druck. Natürlich führen manchmal die existenziellen Ängste zu Spannungen unter den Familienmitgliedern. Einen Gewaltausbruch setzt es aber nicht voraus. Es gibt vielerlei Gründe für die Gewaltausübung eines Partners.

Welche Gründe meinen Sie?

Die eigene seelische Verfassung ist immer bedingt durch die Ausprägung der eigenen Resilienz (psychische Widerstandskraft, Anmerkung der Redaktion) und hat sehr viel mit erlernten Verhaltensweisen zu tun. Die Konflikte gewaltfrei zu lösen, beherrschen die gewaltausübenden Menschen nicht. Hinzu kommt der immense Druck, dem heutzutage viele Menschen ausgesetzt sind.

Woher kommt dieser Druck?

Allein wenn wir den zeitlichen Faktor betrachten, wird uns klar, dass wir Menschen heute viele Fähigkeiten haben müssen, um diesem Druck gesund standhalten zu können. Die Neuen Medien, ermöglichen es uns einerseits, viele Dinge schneller erledigen zu können, andererseits bringen sie uns aber tagtäglich in eine Situation, permanent erreichbar zu sein, und schwächen uns damit. Denn die Informationsflut, mit der unser Gehirn fertigwerden muss, überrollt uns und bewirkt in uns das ständige Gefühl, am Ende des Tages etwas nicht erledigt, etwas nicht zu Ende gebracht zu haben. Das verbucht unser Gehirn als täglich durchlebte Misserfolge und versetzt uns in eine Stresssituation.

Zu welchen Reaktionen führt das?

Der Kreislauf der Stressspirale beginnt und hört nicht mehr auf. Das Gehirn sieht sich davon überwältigt. Durch die Stressüberflutung gerät der Betroffene in einen Ausnahmezustand. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich. Bei vielen Opfern von Gewalt bewirkt diese Stressüberflutung eine Starre, sie können sich nicht mehr wehren. Bei Tätern bewirkt es vielfach die Gewaltausbrüche mit oft schlimmen Folgen für die Opfer. Um also auf die Frage von vorhin zurückzukommen: Sowohl einkommensschwache als auch einkommensstarke Familien geraten in diese Gefahr der häuslichen Gewalt.

Beratung im Rems-Murr-Kreis

Seit dem Jahr 2004 gibt es den runden Tisch „Häusliche Gewalt im Rems-Murr-Kreis“. Ständige Mitglieder des runden Tischs sind Vertreter von Institutionen, die in Fällen von häuslicher Gewalt zusammenarbeiten und auf eine Optimierung der Strukturen hinwirken. Das Ziel ist, durch eine aufeinander abgestimmte Kooperation der beteiligten Institutionen im Rems-Murr-Kreis einen effektiven Opferschutz sicherzustellen.

Beratung rund um die Uhr wird über das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter 08000/116016 und über die Website www.hilfetelefon.de angeboten.

Zuständige Beratungsstellen im Raum

Backnang und Murrhardt:

Für das Polizeirevier Backnang: Caritas- Centrum Backnang, Albertstraße 8, 71522 Backnang, Telefon 0171/3434610.

Für männliche Opfer im Rems-Murr-Kreis: Pro Familia Waiblingen, Postplatz 17, 71332 Waiblingen, Telefon 07151/982248940.

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Erstellt:
5. Juni 2020, 11:30 Uhr

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