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Wenn krank sein zu teuer ist

80 000 Menschen leben ohne Krankenversicherung

Eine Krankenversicherung muss in Deutschland jeder haben. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Was tun, wenn solche Leute zum Arzt müssen? In Stuttgart gibt es Hilfe für sie.

Stuttgart Dimitrios sieht mitgenommen aus. Der Mann Mitte 50, der eigentlich anders heißt, trägt Kleider, die dringend mal wieder gewaschen gehören. Er hustet und tut sich schwer beim Gehen. „Ich brauche Antibiotikum“, sagt er mit leiser Stimme, den Blick nach unten gerichtet, als er ins ­Behandlungszimmer kommt und höflich den Arzt begrüßt. Er nimmt Platz und packt allerhand Dinge aus. Medikamente, die er einnimmt, liegen genauso auf dem Tisch wie Rechtsanwaltsschreiben und persönliche Dokumente. Sein ganzes Schicksal. „Was sind Ihre Beschwerden?“, fragt der Arzt. „Ich brauche Antibiotikum“, antwortet der Mann aus Griechenland in brüchigem Deutsch. „Haben Sie Schmerzen?“, will der Mediziner wissen. Und wieder: „Ja. Ich brauche Antibiotikum.“

Mit dem normalen Alltag in einer Arztpraxis hat das nicht viel zu tun, was sich an diesem kalten Mittwochvormittag in der Stuttgarter Böheimstraße abspielt. Schräg gegenüber des Marienhospitals betreiben die Malteser eine Anlaufstelle für all diejenigen, die durch das soziale Netz fallen. Leute, die nicht krankenversichert sind, was es in Deutschland so eigentlich gar nicht geben dürfte. Laut Sozialministerium leben bundesweit dennoch 80 000 Betroffene in dieser Situation. Dazu kommen noch Ausländer, die nur vorübergehend im Land sind.

Im Stuttgarter Süden heißt die Anlaufstelle Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung. Sieben Internisten, ein Kinderarzt und eine Frauenärztin gehören zum Team. Die meisten von ihnen hatten früher eine eigene Praxis und engagieren sich jetzt im Ruhestand ehrenamtlich für das Projekt, das es seit zehn Jahren gibt. Jeden Mittwochvormittag öffnen sich die Türen der kleinen Praxis. Zudem gibt es eine gesonderte Sprechstunde für Schwangere. Wer hier behandelt wird, ist in keiner Krankenversicherung und muss nichts bezahlen. ­Medikamente, aufwendigere Untersuchungen und alles andere, was Geld kostet, muss über Spenden finanziert werden.

Eine halbe Stunde nach Öffnung ist das Wartezimmer voll. Menschen aus aller ­Herren Länder sind dort versammelt. Eine ­Familie aus Kamerun, die zu Besuch in Deutschland ist, sitzt in der Ecke. Eine junge Frau, die ein Baby erwartet. Eltern mit ­Kindern. Ein Mann mit seinem Vater, der schnell ungeduldig wird, wenn er warten muss. Termine gibt es hier nicht.

„Manchmal kommen drei, an anderen ­Tagen 15 Leute“, sagt Regine Martis-Cisic, die Projektleiterin der Malteser. Sie hat an diesem Tag gemeinsam mit Susanne ­Will-Khayar Dienst am Empfang. Wobei der anders abläuft als in gewöhnlichen Arztpraxen. Feste Patienten gibt es hier nicht, die Menschen kommen im Schnitt zweimal. Nämlich dann, wenn sie akute Probleme haben und sich nicht anders zu helfen wissen.

Die beiden Damen bitten alle zunächst einmal zum Gespräch an einen Tisch, bevor sie sie zum Arzt weiterschicken. „Wir versuchen ein paar wichtige Daten zu erheben und auch soziale Informationen zu bekommen. Das ist immer wieder spannend“, erzählt die Projektleiterin. In welcher Sprache ist überhaupt eine Verständigung möglich? Welche Beschwerden haben die Leute? Wo wohnen sie, in welcher Situation befinden sie sich? Es wird auch abgeklärt, ob eine Schuldnerberatung notwendig sein könnte oder schlicht ein Platz zum Duschen gebraucht wird.

So wie bei Dimitrios. Der sitzt derweil im Behandlungsraum und unterhält sich mit Händen und Füßen mit Michael Fietzek. Der Ärztliche Leiter der Praxis ist von Anfang an dabei und hört sich jetzt geduldig die Geschichte des Mannes an. Der lebt seit einigen Monaten in Deutschland, ist der Arbeit wegen hergekommen. Als Lkw-Fahrer war er unterwegs, hat aber sein Geld nicht bekommen. Als er sich deswegen beschwert hat, hat ihn der Arbeitgeber kurzerhand rausgeworfen. Auch die Krankenversicherung ist seither weg. Zurück nach Hause kann er derzeit nicht, weil er gegen seine frühere Firma vors Arbeitsgericht gezogen ist. „Knie kaputt, brauche später OP“, sagt Dimitrios fast entschuldigend. In die Praxis gekommen ist er aber wegen seines üblen Hustens. Kein ­Wunder: Er schläft in einer Unterkunft ohne Heizung, die ihm Landsleute besorgt haben. Immerhin hat er soziale Kontakte. „Ich brauche Antibiotikum“, sagt er, als ihn Fietzek zur Untersuchung auf die Liege bittet.

Über 4000 Behandlungen zählt das Team seit Beginn der Praxis. 2000 verschiedene Patienten sind hier gewesen. Die Zahl ist im Lauf der Jahre gestiegen. Weil sich das Projekt herumgesprochen hat, aber auch wegen der politischen Lage. Denn über die Hälfte der Besucher kommt aus Europa, vorwiegend aus EU-Ländern. Seit der Osterweiterung hat die Migration aus dem Südosten des Kontinents stark zugenommen – und damit auch die Zahl der Patienten. „Flüchtlinge ohne legalen Aufenthaltsstatus machen nur noch zehn Prozent aus“, weiß Fietzek. Arbeiter aus Osteuropa seien unter den Patienten, Roma, Besucher aus Afrika, Touristen aus Asien oder Einheimische. „Wir sehen hier auch den Ingenieur von den Fildern, der privat versichert war, aber pleitegegangen ist und sich das nicht mehr leisten konnte. Er hat Haus und Hof verpfänden müssen. Wenn er dann schwer krank wird, wird es eng“, sagt der Arzt.

Und auch ein neues Phänomen macht sich breit: Leute aus dem Ausland, die hier Angehörige besuchen und dabei die Chance nutzen wollen, sich mal im deutschen Gesundheitssystem kostenlos und gründlich durchchecken zu lassen. „Dafür aber sind wir nicht da“, sagt Fietzek. Man schicke solche Patienten zwar nicht weg, schließe jedoch bei der Untersuchung nur aus, dass nichts Lebensbedrohliches vorliegt.

19 solcher Praxen der Malteser gibt es mittlerweile in Deutschland. In Baden-Württemberg bietet noch Mannheim eine Anlaufstelle. Für die Betroffenen sind die Einrichtungen ein Segen. Die Teams besorgen über ihre Kontakte Fachärzte oder Krankenhausplätze, wo immer das nötig ist. „Das Netz in Stuttgart ist zum Glück großartig. Die Stadt hat eine fantastische soziale Ader“, lobt Fietzek. Stefan Spatz, der Sozialamtsleiter der Stadt, betont die Bedeutung der Malteser-Praxis, die als einzige ein solches Angebot macht: „Wir versuchen hier alle gemeinsam, Menschen, die keinen Zugang zum System haben, zu versorgen.“ Dazu gehören weitere Angebote wie das MedMobil der Ambulanten Hilfe, das Stationen anfährt, an denen sich Obdachlose aufhalten oder andere Menschen, die von allein gar nicht erst zum Arzt gehen würden.

In der Praxis im Stuttgarter Süden wird es langsam eng. Menschen drücken sich auf den Gängen aneinander vorbei. Und Regine Martis-Cisic hat einen Glücksmoment. Eine schwangere junge Afrikanerin kommt strahlend zur Tür herein. In der Praxis war man sich nicht sicher, ob sie sich nach ­den vorhergegangenen Besuchen noch einmal blicken lassen würde. Denn manchmal sind die kulturellen Unterschiede so groß, dass die Mitarbeiter den Eindruck gewinnen, die Patienten kämen tatsächlich aus einer völlig anderen Welt. „Das beginnt damit, dass man manchen erklären muss, dass man in Deutschland Leitungswasser trinken kann. Das hält nicht jeder für möglich“, erzählt die Projektleiterin. Oder das medizinische ­Verständnis: Die Schwangere sollte beim Besuch davor zum Blutzuckertest – und saß mit einer Tüte Capri-Sonne in der Hand im Wartezimmer.

Dimitrios ist derweil glücklich. Er hat das Antibiotikum bekommen. Freundlich lächelnd verlässt er die Praxis und geht hinaus in die Kälte. Was aus ihm wird oder ob sie ihn noch einmal wiedersehen werden, wissen die Helfer in der Praxis nicht.

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Erstellt:
24. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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