Streit mit Krankenkasse
Wenn plötzlich der Kinderpflegedienst wegbricht
Der Kinderpflegedienst Hotzenplotz mit Sitz in Pforzheim steht vor dem Aus. Das hat Folgen für betreute Familien im Land: Es ist kaum Zeit, neue Pflegekräfte zu finden.
© imago images/Frank Sorge
Familien, deren Kinder aufgrund von Fehlbildungen, schweren Atemwegserkrankungen oder nach einem Unfall intensivmedizinisch betreut werden müssen, nutzen einen Kinderintensivpflegedienst vor Ort.
Von Regine Warth
Sechzehn Monate ist die kleine Sophia (Name geändert) alt. Ein Mädchen, das selbstverständlich noch viel Hilfe braucht. Aber Sophia braucht mehr als elterliche Fürsorge: Das Mädchen kam mit einer seltenen Schluckstörung auf die Welt. „Rund um die Uhr müssen wir aufpassen, dass sie sich nicht verschluckt“, erklärt die Mutter. Beim Essen, beim Trinken aber auch beim Spielen oder Schlafen. Denn auch der eigene Speichel kann plötzlich lebensgefährlich werden, weil das Mädchen ihn nicht schlucken kann.
Viermal die Woche erhält die Familie daher Unterstützung vom Kinderpflegedienst Hotzenplotz. Die Mitarbeiterinnen, die dem Mädchen zugeteilt sind, leisten weit mehr als nur die medizinische Pflege: Ohne Pflegekraft könne ihre Tochter als „intensivpflichtiges Kind“ nicht zuhause betreut werden, sagt die Mutter. Nur durch Hotzenplotz gebe es ein Familienleben und die Möglichkeit, auch mal Eltern für Sophia zu sein – statt nur auf die medizinischen Bedürfnisse eingehen zu müssen.
Betroffene Eltern sind verunsichert – und stark belastet
Umso schockierter war die Familie, die nahe Pforzheim wohnt, als sie erfahren musste, dass die Zukunft des Kinderintensivpflegedienstes Hotzenplotz derzeit mehr als ungewiss ist: „Wir haben wirklich Sorge, dass wir am Ende ohne Hilfe dastehen – gerade jetzt, wo wir und Sophia uns so an die Mitarbeiterinnen gewöhnt haben“, sagt die Mutter. Diese seien inzwischen ein Teil der Familie.
Die betroffenen Eltern sind verunsichert und stark belastet – und sie fühlen sich als Spielball in einem Streit, der schon jahrelang zwischen Krankenkassen und Pflegedienstanbietern schwelt. Da ist zum einem die Gesetzeslage: Das seit 2024 geltende Intensivpflege- und Rehabilitationsstärkegesetz sieht unter anderem vor, dass Pflegekräfte inzwischen mehr Qualifikationen als zuvor vorweisen müssen; Teilzeitkräfte dürfen zudem einen Stellenanteil von 50 Prozent nicht unterschreiten. Beides stellt die Dienste, die unter Fachkräftemangel leiden, vor ein Problem.
Pflegedienste müssen neue Verträge abschließen
Der Bundesverband der Häuslichen Kinderkrankenpflege fordert daher vehement die Politik zum Handeln auf: „Wir stehen vor einem schleichenden Zusammenbruch der Versorgung“, warnt die Geschäftsführerin Corinne Ruser. „Der Fachkräftemangel, die geringe Bekanntheit des speziellen Berufsfelds, mangelnde Spezialisierungsmöglichkeiten und unzureichende politische Unterstützung bringen viele Familien an ihre Grenzen und gefährden ganz akut schwerstkranke Kinder und Jugendliche.“
Hinzu kommt, dass die Krankenkassen mit den Pflegediensten seit der Gesetzesänderung neue Verträge abschließen sollen. Doch hier gibt es seit dem Jahr 2024 Uneinigkeiten zwischen dem Pflegedienst Hotzenplotz und der AOK Baden-Württemberg, die federführend für allen Krankenkassen die Verhandlungen leitet. „Wir kommen zu keinem Konsens“, kritisiert Corinna Erxleben, die Geschäftsführerin von Hotzenplotz – einem Pflegedienst, der dem Unternehmen Kidizeit mit Sitz in Hannover angehört. Beispielsweise seien die Refinanzierungskosten von der Kasse viel zu gering angesetzt, sagt Erxleben.
Ab 1. März findet keine Versorgung mehr statt
Es kam zum Schiedsverfahren, dessen Ende die AOK Baden-Württemberg aber nicht abwarten wollte. Im Februar 2026 wurden alle bestehenden Verträge mit dem Dienst gekündigt. Die Kündigung wurde inzwischen vom Sozialgericht Karlsruhe bestätigt. Gleichzeitig wurde das Schiedsverfahren entschieden. Doch der Neuvertrag, der von der unparteiischen Schiedsperson aufgesetzt worden ist, wird von beiden Parteien kritisiert: „Um ehrlich zu sein, können wir auf Basis des neuen Vertrags nur defizitär arbeiten“, sagt Erxleben.
Für die AOK Baden-Württemberg ist inzwischen zu viel Vertrauen zerstört, weshalb sie Zweifel hegt, ob es trotz Schiedsspruch zu einer weiteren Zusammenarbeit der beiden Vertragspartner kommen wird: „Im Laufe dieses Schiedsverfahrens wurden nun Tatsachen bekannt, die die Unzuverlässigkeit des Leistungserbringers belegen“, sagte ein Sprecher der Kasse unserer Zeitung. Daher habe man die bestehenden Verträge gekündigt. Und auch der neue Vertrag wird nicht zustande kommen: Die AOK Baden-Württemberg hat dem Pflegedienst Hotzenplotz die neue Kündigung kurz vor Monatsablauf persönlich zugestellt. Mit der Folge, dass ab 1. März die 56 Mitarbeiter von Hotzenplotz die Pflege der bislang sieben anvertrauten Familien einstellen müssen.
Hotzenplotz prüft rechtliche Schritte
Die Geschäftsführerin Corinna Erxleben ist fassungslos über das Vorgehen und weist die Vorwürfe zurück: „Es hat nie Unregelmäßigkeiten gegeben“, sagt sie. Diese seien weder konkret belegt noch zuvor beanstandet worden. Man habe stets das Gespräch mit der AOK Baden-Württemberg gesucht – doch Anfragen seien unbeantwortet geblieben.
Erxleben vermutet daher finanzielle Gründe für das Vorgehen der Krankenkasse: „Dass wir jedes Jahr Vergütungsverhandlungen führen müssen, weil Löhne nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes steigen und auch Sachkosten wachsen, haben wir uns nicht ausgesucht. Dass uns dies nun offenbar zum Vorwurf gemacht wird, ist schwer nachvollziehbar.“ Nun müsse man weitere rechtliche Schritte prüfen: „Wir möchten, dass Hotzenplotz weiter für die Familien da sein kann, wie schon die ganzen 30 Jahre zuvor.“
Auswirkungen auf Kinderkliniken
Die Entwicklung um den Kinderintensivpflegedienst Hotzenplotz beobachtet auch das Klinikum Stuttgart mit Besorgnis – weil die kleine Sophia von den Ärzten im Kinderhospital Olgäle mitbetreut wird. „Es ist für alle vorteilhaft, stationäre Aufenthalte auf das notwendige Maß zu minimieren“, sagt Klinikvorstand Jan Steffen Jürgensen, der die ambulanten Kinderpflegedienste als „wertvolle Partner“ bezeichnet. „Ohne sichere ambulante Versorgung leidet entweder die Versorgungsqualität oder vermeidbare Hospitalisierungen in ohnehin stark beanspruchten Kinderkliniken nehmen weiter zu.“
Von der AOK Baden-Württemberg heißt es indes: man werde alles versuchen, dass die vertraglichen Uneinigkeiten nicht zu Lasten der betroffenen Familien gehen. „Wir unterstützen unsere Versicherten dabei, einen neuen Pflegedienst zu finden“, betont der Sprecher der AOK gegenüber unserer Zeitung. „Es ist uns wichtig, dass unsere Versicherten nicht im ökonomischen Eigeninteresse des bisherigen Leistungsträgers instrumentalisiert werden, sondern die Chance erhalten, sich entsprechend ihrer bestehenden Bedürfnisse nach einem verantwortungsvoll handelnden Partner umzusehen.“
