„Wer wenig schläft, wird leichter krank“

Das Interview: Die in Oppenweiler aufgewachsene Schlafwissenschaftlerin Christine Blume hält heute beim Diakonieverein Oppenweiler einen Vortrag im evangelischen Gemeindehaus. Wir sprachen mit ihr über die Erkenntnisse der Schlafforschung.

„Unsere Lichtumgebung hat sich insbesondere mit dem Aufkommen von Smartphones in den letzten 20 Jahren stark verändert“, sagt Christine Blume. Foto: M. Brauer

„Unsere Lichtumgebung hat sich insbesondere mit dem Aufkommen von Smartphones in den letzten 20 Jahren stark verändert“, sagt Christine Blume. Foto: M. Brauer

Oppenweiler. Die Chronobiologin Christine Blume, die aus Oppenweiler stammt, spricht heute Abend um 19 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in der Sturmfedergemeinde über die gesundheitlichen Aspekte von regelmäßigem Schlaf, gibt Tipps, die bei Schlafproblemen helfen, und erklärt, was uns den Schlaf rauben kann. Wir sprachen mit ihr vorab über verschiedene Aspekte der Schlafforschung.

Was versteht die Schlafforschung unter Schlaf?

Schlaf zeigt sich als Verhalten: Die Augen sind geschlossen und das Aktivitätsniveau sinkt deutlich. Auch die Reaktionen auf Umweltreize nehmen ab. Weniger sichtbar sind Prozesse und Veränderungen im Körperinneren. Zum Beispiel verlangsamt sich die Gehirnaktivität, der Gehirnstoffwechsel wird zurückgefahren, bestimmte Hormone werden ausgeschüttet, die Gewebereparatur läuft auf Hochtouren.

Wie messen Sie Schlaf?

Im Schlaflabor mit einer sogenannten Polysomnographie. Dabei werden verschiedene Körperfunktionen über die Nacht hinweg gemessen, die mindestens die Aufzeichnung von Gehirnaktivität, Augenbewegungen und Muskelspannung umfassen. Je nach Fragestellung können zusätzlich die Herzaktivität, Atmung oder Sauerstoffsättigung gemessen werden. Die Ergebnisse erlauben uns, zu bestimmen, wann jemand einschläft, wie oft jemand aufwacht oder wie viel Tiefschlaf jemand hat.

Warum schlafen wir in der Nacht und nicht am Tag?

In unserem Gehirn gibt es eine zentrale innere Uhr. Die ist eigentlich recht ungenau, wird jedoch täglich durch das Tageslicht neu gestellt und so im Takt gehalten. Unser Körper weiß also, wann Tag und Nacht ist, und reguliert körperliche Prozesse entsprechend. So beginnt etwa die Zirbeldrüse im Gehirn rund drei Stunden vor dem Zubettgehen, Melatonin auszuschütten. Das Hormon hilft uns beim Einschlafen. In der Nacht befinden wir uns in einem Zustand, der optimal für den Schlaf ist. Wir können zwar auch am Tag schlafen, das ist aber nicht so erholsam und oft auch gar nicht so leicht.

Warum ist Schlaf so wichtig?

Evolutionär gesehen ist Schlaf gar keine so gute Idee, denn wir sind in diesem Zustand sehr verletzbar. Dennoch schlafen alle Lebewesen, es muss daher einen Sinn haben. Aus vielen Studien kennen wir die Konsequenzen von zu wenig Schlaf oder Schlaf zur falschen Zeit wie bei Schichtarbeit. Schlaf ist essenziell für die mentale und körperliche Gesundheit.

Welches sind die gesundheitlichen Hauptrisiken von zu wenig Schlaf?

Schlaf ist immer nur ein Faktor unter vielen. Studien zeigen aber, dass Schlafmangel das Risiko für einige Erkrankungen erhöht. Das beginnt bei banalen Erkältungen, wer wenig schläft, wird leichter krank. Doch auch das Risiko für Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Typ 2 oder auch ein Verlust der kognitiven Leistungsfähigkeit im Alter bis hin zur Demenz ist erhöht.

Wann weiß ich, dass ich gesund schlafe?

Gesunder Schlaf findet in der Nacht statt und umfasst zwischen sieben und neun Stunden. Zentral ist auch, dass der Schläfer oder die Schläferin den Schlaf als erholsam und gut empfindet.

Was sind die häufigsten Schlafprobleme?

Sie betreffen Ein- und Durchschlafen oder ein zu frühes Erwachen am Morgen. Der Schlaf wird als zu kurz und als nicht erholsam wahrgenommen, die Konsequenzen sind mitunter auch am Tag spürbar. Über solche klinisch relevanten Probleme berichten 20 bis 30 Prozent der Deutschen. Alle diagnostischen Kriterien einer sogenannten Insomnie erfüllen zwischen sechs und neun Prozent der Bevölkerung.

Wann wurden Schlafstörungen als Krankheit eingestuft?

Erste historische Berichte von Schlafstörungen wie der Insomnie gibt es erst seit Beginn der Industrialisierung, als plötzlich zwischen Arbeitszeit und Freizeit unterschieden wurde und erwartet wurde, dass Menschen zu bestimmten Zeiten leistungsfähig sind. Wann die Insomnie erstmals als Krankheit eingestuft wurde, ist nicht so leicht zu ergründen, da sich erst im Laufe des 20. Jahrhunderts die international anerkannte Klassifikation von Erkrankungen entwickelte, wie sie heute weltweit eingesetzt wird.

Ist die Insomnie heilbar?

Bei der sogenannten primären Insomnie, bei der wir keine definitive Ursache für die Schlafstörung finden, gehen wir davon aus, dass Patienten irgendwann im Leben, oft in einer besonders stressigen oder belasteten Lebensphase, verlernt haben, gut zu schlafen. So gesehen können sie das Schlafen auch wieder erlernen. Auf dem Verständnis basiert die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie, die erste Wahl sein sollte.

Was kann man tun? Was rät die Wissenschaftlerin?

Schlafmedikamente versprechen zwar eine schnelle Lösung der Probleme, die sind aber nicht nachhaltig. Die Behandlungsleitlinie empfiehlt eine kognitive Verhaltenstherapie mit speziellem Schlaffokus. In Studien ist die Wirksamkeit gut belegt und einer rein medikamentösen Therapie überlegen – sogar als digitale Therapie. Ziel ist es, das Verhalten und die schlafbezogenen Gedanken so zu verändern, dass guter Schlaf wieder möglich wird.

Entspannung am PC? Runterkommen beim Fernsehen? Schlaffördernde Ideen?

Nein. Wer spät am Abend noch vor Computer oder Tablet sitzt und keinen Blaulichtfilter eingeschaltet hat, verwirrt die innere Uhr und beeinflusst seinen Schlaf. In unserer Netzhaut gibt es spezielle Rezeptoren, die auf das helle Licht reagieren und in direkter Verbindung mit unserer „inneren Uhr“ stehen. Als es noch kein künstliches Licht gab, hat das Tageslicht mit seinem hohen kurzwelligen Anteil der inneren Uhr signalisiert, dass es Tag ist, also die Zeit für uns, wach und aktiv zu sein. Am Abend fehlte dieses Signal, also wusste die innere Uhr, dass es Zeit zu schlafen ist. In unserer modernen Umgebung hat leider auch Bildschirmlicht einen hohen kurzwelligen Anteil. Zusätzlich zum Kunstlicht halten uns soziale Medien vom Schlafen ab. Sie sind ja so gestaltet, dass Ausschalten schwerfällt.

Was kann Ihnen den Schlaf rauben?

Eigentlich schlafe ich ziemlich gut, aber in der Wissenschaft sind es oftmals Sorgen um die berufliche Zukunft. An der Ursache kann ich da leider nicht viel ändern. Gegen Einschlafprobleme wende ich aber kognitive Strategien an. Eine schöne Übung ist es, sich beim Einschlafen vorzustellen, man schaut in einen schönen Sommerhimmel, irgendwo tauchen Quellwolken auf. Jeden Gedanken, der kommt, setzt man auf eine Wolke und lässt ihn ziehen. Mit dem Ziel, nicht an den Gedanken festzuhalten, sondern sie zu verabschieden und dabei eine gedankliche Ruhe einkehren zu lassen.

Das Gespräch führte Heidrun Gehrke.

Faszination fürs Thema Schlaf

Schlaf und Corona Corona bringt uns um den Schlaf? Stimmt nur teilweise. Aus Sicht der Schlafforschung lassen sich durchaus positive Auswirkungen beobachten. „Viele Studien fanden heraus, dass der Lockdown prinzipiell erst einmal gar nicht so schlecht für den Schlaf war, denn im Homeoffice konnten wir den Arbeitsalltag oft relativ flexibel entsprechend unseren Bedürfnissen gestalten“, sagt die Psychologin Christine Blume, die an der Uni Basel zu Schlaf und künstlichen Lichtquellen forscht. Heute um 19 Uhr informiert die ehemalige Oppenweilerin im dortigen evangelischen Gemeindehaus über ihre Erkenntnisse zur Schlafforschung und gibt Tipps für eine gesunde Nachtruhe. Alle Interessierten sind eingeladen. Einen Kartenvorverkauf gibt es nicht.

Die Wurzeln Christine Blume hat 2006 am Tausgymnasium Abitur gemacht. Sie studierte Psychologie in Würzburg und in Cambridge. Zwischen 2013 und 2016 promovierte sie an der Universität Salzburg. Seit 2019 forscht die 35 Jahre junge Wissenschaftlerin am Zentrum für Chronobiologie der Universität Basel zum Thema Schlaf und künstlichem Licht. Für ihre Arbeiten hat sie mehrere Preise und namhafte Stipendien erhalten. Ihre Kontakte in die schwäbische Heimat pflegt sie: „Mein Lebensmittelpunkt ist in der Schweiz, aber der Familienlebensmittelpunkt bleiben Oppenweiler und Aspach, wo mein Patenkind mit seiner Familie lebt.“

Arbeitsfeld Schlafforschung Zur Schlafforschung kam sie durch die Promotion in Salzburg. Dort arbeitete sie zunächst in einem Forschungsprojekt mit schwer hirngeschädigten Patienten, entdeckte jedoch schnell auch die Faszination für den Schlaf, den zweiten Schwerpunkt der Arbeitsgruppe. Besonders in den Blick nimmt sie die gesellschaftliche Relevanz.

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Erstellt:
13. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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