Wer? Wie? Und was?

Beim FC Bayern geht es vor dem Viertelfinalhinspiel in der Champions League beim FC Arsenal drunter und drüber. Der neue Sportvorstand Max Eberl muss nicht nur die Krise moderieren – sondern auch einen neuen Trainer finden und den Kader neu ausrichten.

Trainer Thomas Tuchel steht ebenso in der Kritik wie die Spieler um Thomas Müller und Joshua Kimmich (von links).

© imago/Langer/Sven Simon (2)Montage: Sebastian Ruckaberle

Trainer Thomas Tuchel steht ebenso in der Kritik wie die Spieler um Thomas Müller und Joshua Kimmich (von links).

Von Marco Seliger

Stuttgart/München - Es gibt Zehntausende Wettoptionen für die geneigten Fußballfreunde, die gerne mal spekulieren und dabei Geld verdienen wollen. Die Wette wird dann platziert, so wie ein Schuss auf dem Platz. Und nicht selten (eher verdammt oft) verfehlt sie das Ziel, weshalb man lieber selbst irgendwo auf dem Platz schießen sollte, als im Internet die Dinge zu platzieren. Manchmal aber landet man auch mit einer Wette einen Volltreffer.

Hat also jemand vor der Saison darauf spekuliert, dass der FC Bayern sechs Spieltage vor Schluss mit dem punktgleichen VfB Stuttgart um die Vizemeisterschaft kämpft (und dass Bayer Leverkusen an der Spitze der Bundesliga hoffnungslos enteilt ist)?

Wenn es diesen einen jemanden gibt, dann kann er oder sie womöglich bald als Mäzen oder Investor bei einem Proficlub einsteigen – das Szenario für die einstigen Fantasten ist nun spätestens nach dem Münchner 2:3 beim 1. FC Heidenheim am Samstag Realität. Und einige bangen beim erfolgsverwöhnten Serienmeister sogar um die Teilnahme an der Champions League in der nächsten Spielzeit. Sieben Punkte Vorsprung auf die Verfolger Borussia Dortmund und RB Leipzig? Wenig bis nichts ist das – könnte man meinen, wenn man dem neuen Sportvorstand Max Eberl so zuhörte am Wochenende. „Soll ich dem neuen Trainer sagen, wir spielen auf jeden Fall Champions League?“, fragte Eberl und ergänzte leicht fatalistisch dies: „Das will der neue Trainer wahrscheinlich wissen, aber das kann ich ihm nicht versprechen.“

Der alte Trainer Thomas Tuchel wiederum, das ist klar, wird beim FC Bayern niemandem mehr etwas versprechen. Höchstens den Reportern, dass er sich in der Öffentlichkeit weiter so gibt, wie er es seit seinem Amtsantritt macht: ratlos und desillusioniert.

Dieser Tuchel soll nun an diesem Dienstag (21 Uhr) das tun, worauf man jetzt auch wetten könnte, wenn man eine hohe Gewinnchance will. Der Coach soll mit seinem Team beim groß aufspielenden Premier-League-Spitzenreiter FC Arsenal in London irgendetwas retten in dieser vermaledeiten Saison – und dann ins Halbfinale der Königsklasse einziehen. Wie auch immer das gehen soll.

Wenn Tuchel aber eine Klatsche im Hinspiel erleidet, dann könnte es hinterher schon schnell vorbei sein für ihn und nicht erst im Sommer. Bis dahin könnte Hermann Gerland, einst der treue Co-Trainer von Jupp Heynckes, Pep Guardiola und Hansi Flick, die Mannschaft irgendwie bei Laune halten. Darüber wird längst spekuliert rund um die Säbener Straße in München – die gerade eine Sackgasse für den Eigentümer der Gebäude mit den ausgezeichneten Hausnummern 51-57 darstellt. Denn auf allen Ebenen im Club gibt es Baustellen, es geht kaum voran. Und oft, so scheint es, stehen sich die Protagonisten selbst im Weg.

Was also ist nur los beim FC Bayern?

Aus Sicht des neuen Sportvorstands Eberl stellt sich die Baustellenlage mit dem Blick nach vorne so dar: Er muss in der Krise den Fokus auf das Viertelfinale der Champions League gegen Arsenal richten – und nebenher einen neuen Trainer suchen und an die Struktur der Mannschaft ran. „Ich glaube“, sagte Eberl jüngst, „dass im Kader schon einiges geändert werden muss.“

Die Nationalspieler Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané etwa wurden im Gesamten mal als Goldene Generation ausgerufen, in München und in der DFB-Elf. Aktuell ist bei diesem Quartett eher alles blechern als golden (außer die jeweiligen Gehälter der vier), und das seit Jahren. Viele Altinternationale äußern sich gerade zur Bayern-Krise – Michael Ballack, von 2002 bis 2006 ein Münchner, widmete sich nun den Problemen des Kaders. Gerade die „Themen Hierarchie und Gehaltsgefüge“ seien instabil, sagte Ballack, überhaupt sei die Struktur problematisch. „Selbst für sehr kommunikative und intelligente Trainer wie Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel“ sei es deshalb „sehr schwer, klarzukommen und erfolgreich zu sein.“

So bringen Topverdiener wie Sané selten konstante Leistungen und rechtfertigen ihren hohen Rang im Team kaum – und die Trainer sind der Macht der Kabine und der Bosse offenbar ausgeliefert. Schon Pep Guardiola, von 2013 bis 2016 in München, stellte fest, dass die Clubchefs immer das Sagen haben und der Einfluss des Trainers auf den Kader arg begrenzt ist. Der FC Bayern ist demnach kein Trainerverein, und so verbrauchte der Club jüngst drei deutsche Topkräfte namens Hansi Flick, Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel – wobei bei Letzterem nicht ganz klar ist, wer wen verbraucht hat. Die Bayern Tuchel oder Tuchel die Bayern.

Wer also sitzt in der neuen Runde auf dem Münchner Schleudersitz, wen zaubert Max Eberl aus dem Hut? Wunschkandidaten wie Jürgen Klopp oder Xabi Alonso stehen nicht zur Verfügung, gehandelt wird nun auch ein gewisser Julian Nagelsmann. So weit ist es gekommen. Als weitere Kandidaten gelten der österreichische Nationaltrainer Ralf Rangnick und Roberto De Zerbi (Brighton & Hove Albion).

Eberls Problem: Wenn er mit einem möglichen neuen Spieler spricht, will der wissen, wer sein neuer Trainer wird. Und der will wissen, welche Spieler er zur Verfügung haben wird. Und das ist: alles noch offen. Schwieriger kann so ein Umbruch wohl nicht sein.

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Erstellt:
8. April 2024, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
9. April 2024, 21:59 Uhr

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