Maschinenbau Baden-Württemberg
Wie der Krieg die Südwest-Industrie schwächt
Der Nahost-Konflikt treibt nicht nur die Preise für Öl und Gas hoch. Er schürt mittlerweile auch so große Unsicherheiten, dass der Maschinenbau in Baden-Württemberg darunter leidet.
© -/The Visible Earth/NASA/dpa
Eine Satellitenaufnahme der Straße von Hormus: Es ist nicht allein die Blockade dieser Meerenge durch den Iran, die der Wirtschaft hierzulande gerade so sehr zu schaffen macht.
Von Matthias Schiermeyer
Vordergründig geht es um Öl und Gas, die wegen der Blockade der Straße von Hormus knapper und teurer werden. Doch zieht der Nahost-Krieg immer weitere Kreise und ist selbst in der baden-württembergischen Kernindustrie schon angekommen. Es sind nicht nur der Mangel an Rohstoffen, höhere Kosten oder geringere Frachtkapazitäten, die durchschlagen. Es sind auch die globalen Unsicherheiten, die die exportorientierte Wirtschaft schwächen.
„Die Erholung des Maschinenbaus wird sich verzögern“
„Ein militärischer Konflikt in dieser energiewirtschaftlich sehr relevanten Region hat auch auf den Maschinenbau unmittelbaren Einfluss “, sagt Dietrich Birk, der Geschäftsführer des Verbandes VDMA Baden-Württemberg. Bis zu dem Angriff auf den Iran sei eine leichte Verbesserung in den Auftragsbüchern festzustellen gewesen, die Auslastung sei besser geworden. „Nun könnte diese anfängliche Erholung langsamer vonstatten gehen, als wir es bisher in unseren Prognosemodellen abgebildet haben“. Der VDMA gehe weiterhin von der Erholung aus, weil in den nächsten Jahren „eine große Bugwelle an Modernisierungsinvestitionen ansteht“ – doch werde sich diese, abhängig von der Dauer des Kriegs und dem weiteren weltweiten Konjunkturverlauf, verzögern.
Die Unternehmenszahlen zeigen sich stets zeitlich versetzt in der Verbandsstatistik. Doch weiß Birk schon von Mitgliedsfirmen, „dass sich Kundengespräche und Geschäftsabschlüsse derzeit hinziehen und Kaufentscheidungen aufgeschoben werden“. Schon verhandelte, unterschriftsreife Projekte werden auf Eis gelegt, weil die Kunden vorsichtig geworden sind und abwarten möchten. Insofern höre er, „dass sich das Geschäft im März im Vergleich mit den Vormonaten beruhigt hat“. Dies betreffe beispielsweise nicht Bestellungen auf dem Feld Verteidigung und Sicherheitstechnologie, doch in konjunkturanfälligeren Bereichen werden Investitionen in neue Maschinen wegen der konsumdämpfenden Wirkung des Kriegs überdacht.
„Verunsicherung wirkt bis in die Versorgungsketten hinein“
Hinzu kommt, dass Werkzeughersteller von Engpässen bei Vorprodukten für die Produktion berichten – etwa im Hartmetallbereich. Dies hängt mit Zulieferungen aus China zusammen: Wolfram zum Beispiel – wobei Peking schon vorher begonnen hatte, kritische Rohstoffe zu verknappen. Dies sei jetzt in besonderem Maße zu spüren, so Birk.
Bei Magneten sind deutsche Firmen nach wie vor in hohem Maße auf Importe aus Fernost angewiesen, sodass sich Probleme bei der Materialbelieferung auf die Produktionsfähigkeit auswirken. Hartstahl wiederum ist noch am Markt erhältlich, doch gehen die Preise hoch, weil Vorräte knapper werden. „Wenn ein so großes geopolitisches Ereignis für Verunsicherung sorgt, spürt man das schnell auf der Rohstoffseite – bis in die Versorgungsketten hinein“, sagt Birk. „Falls wir da nicht eine Entspannung bekommen, kann das im Laufe des Jahres ein höheres Beschaffungs- und Lieferrisiko nach sich ziehen.“
Selbst die Chipproduktion ist gefährdet
Helium ist ein wichtiger Grundstoff für die Halbleiterfertigung – und gewöhnlich kommen 40 Prozent des weltweiten Heliums aus Katar. Birk hat noch keine Sorgen über einen neuen Chipmangel vernommen. Nach den schlechten Erfahrungen aus der Coronazeit zeigten die Unternehmen eine höhere Wachsamkeit für die Beschaffungsrisiken – die Lieferketten werden breiter aufgestellt. Bei Chips und Rohstoffen sei dies wegen der teils hohen Abhängigkeiten von wenigen Lieferanten und Ländern schwieriger.
Ebenso unter Druck steht die chemische Industrie im Südwesten. Auch wenn die Rohstoffversorgung im Moment gesichert sei, treffe der aktuelle Preisschock die Chemiebranche „mit erhöhter Wucht, weil sich die Unternehmen seit geraumer Zeit in einer sehr angespannten Lage befinden“, sagt ein Sprecher des Verbands VCI. Bereits vor der Ölpreiskrise hätten sich fast 60 Prozent der Chemie- und Pharmaunternehmen durch die hohen Energiepreise schwer belastet gesehen. Mit den erneut massiv gestiegenen Energiepreisen verschärfe sich die Situation abermals. „Dies kann zur Einstellung von Produktion führen“, warnt der Sprecher. Betroffen seien nahezu alle Unternehmen der Branche.
Den Verbrauchern drohen steigende Lebensmittelpreise
Auch der VCI sieht zunehmende Versorgungsengpässe bei Rohstoffen – gerade bei Ammoniak und Phosphat, Helium und Schwefel. Es gebe Hinweise auf Störungen bei internationalen Lieferketten. Betroffen sind zum Beispiel Düngemittel, denn 20 Prozent des Welthandels mit Ammoniak würden aus Nahost durch die Meerenge von Hormus geliefert. Bei Schwefel seien es 50 Prozent des Seehandels – Schwefelsäure wird für Düngemittel und Chemikalien benötigt.
Folglich beeinträchtigt der Krieg auch die Landwirte am Ende der Lieferkette: Ausgerechnet jetzt, zur Frühjahrsbestellung, seien die Preisexplosionen bei Dünger und Diesel besonders schmerzhaft, hat Joachim Rukwied, Präsident des Landesbauernverbandes Baden-Württemberg, schon geklagt. Im Endeffekt muss sich der Verbraucher auf weiter steigende Lebensmittelpreise einstellen.
Die Golfstaaten – „eine dynamische Wachstumsregion“
Dass in diesen Monaten der Handel mit den Golfstaaten am Boden leidet, ist logisch. Die Region ist für den Maschinenbau wichtiger, als es bisher schien. „Diese Staaten wollen ihre Wertschöpfungsbasis verbreitern und investieren viel stärker in die Verarbeitung von Rohstoffen, weil sie sehr günstige Energie haben“, sagt Birk. Saudi-Arabien hat 2025 baden-württembergische Maschinen im Wert von 524 Millionen bekommen, was einem Anteil an den Exporten des Maschinenbaus von 1,1 Prozent entspricht – die VAE haben für 338 Millionen Euro (0,7 Prozent) eingekauft. Das ist im Vergleich mit dem Gesamtexport von 45,9 Milliarden Euro noch sehr wenig. „Doch ist es für uns eine dynamische Wachstumsregion, die als Absatzmarkt in jedem Fall interessant bleibt.““
