Fund an der Universität Tübingen

Wie gefährlich ist die chilenische Einsiedlerspinne?

In Deutschland gibt es rund 1000 verschiedene Spinnenarten. Vor einigen Monaten ist eine weitere dazugekommen: Loxosceles laeta – die chilenische Einsiedlerspinne. Ihr Biss kann  im Extremfall tödlich sein. Einige Expemplare wurden an der Universität Tübingen entdeckt. Was machen sie dort? Und wie kamen sie dorthin?

Eine chilenische Einsiedlerspinnen krabbelt auf einem Schuh (Archivfoto).

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Eine chilenische Einsiedlerspinnen krabbelt auf einem Schuh (Archivfoto).

Von Markus Brauer

„In Gebäuden der Universität Tübingen wurde die Spinnenart Loxosceles laeta gefunden. Die Spinne, auch Chilenische Einsiedlerspinne genannt, ist in Südamerika heimisch, wurde aber bereits in mehrere Länder verschleppt. In Europa gab es bisher nur eine bestätigte Population in Helsinki. Die Spinne gilt als menschenscheu, nachtaktiv und nicht bissfreudig. Ihr Biss kann allerdings giftig sein.“

Mit diesem Statement ging die Universität Tübingen am 18. November 2025 an die Öffentlichkeit. Warum? Weil Loxosceles laeta zu den für den Menschen gefährlichen Giftspinnen gehört.

Woher stammt die Einsiedlerspinne?

In Chile, von wo sie ursprünglich stammt, nennt man sie Winkelspinne (spanisch: araña de rincón chilena), was auf ihr Vorkommen in dunklen Ecken und Winkeln hinweist. Gebräuchlicher ist im Deutschen die englische Bezeichnung Chilean Recluse Spidern – Einsiedlerspinne. Aufgrund ihrer Körperform wird sie auch Braune Violinspinne genannt.

Die Art, die zur Familie der Sechsäugigen Sandspinnen gehört, erreicht bei Weibchen eine Körperlänge von 7 bis 15 Millimetern und bei Männchen 6 bis 12 Millimeter.

Wo gibt es neben Tübingen noch Populationen in Europa?

Bis zum Auftauchen in Tübingen fanden sich diese Spinnen bisher vornehmlich in Ländern rund um das Mittelmeer (Mediterrane Einsiedlerspinne, Loxosceles rufescens). Ihr Gift kann bei einem Biss im Extremfall zum Absterben des betroffenen Gewebes und/oder zu Nekrosen (unwiderbringlicher Zelltod in einem lebenden Organismus) der Haut führen, schlimmstenfalls sogar zum Tod.

Von Loxosceles reclusa, der Braunen Einsiedlerspinne, die im Mittleren Westen und in den südlichen Bundesstaaten der USA beheimatet ist, hat es bereits einzelne Sichtungen in Deutschland gegeben. Bis auch ihr chilenisches Pendant über den großen Teich emigriert, war es nur eine Frage der Zeit.

Wie wurde die Spinne entdeckt?

Im Oktober 2025 war es dann so weit. Eine chilenische Einsiedlerspinne wurde von einem Mitarbeiter der Universität in einem nicht öffentlich zugänglichen Kellerbereich des Hörsaalzentrums Morgenstelle in Tübingen gefunden.

Hubert Höfer, Leiter der Abteilung Biowissenschaften am Staatlichen Naturkundemuseum Karlsruhe, identifizierte das Exemplar als Loxosceles laeta. In den folgenden Wochen wurden 15 weitere Exemplare der Spinne in weiteren Bereichen auf der Morgenstelle sowie auf dem Campus Tal entdeckt.

Wie kam die Spinne nach Tübingen?

Höfer nimmt an, dass die Spinne zwischen den Fundorten innerhalb der Universität verschleppt wurde. Das Tier könnte zum Beispiel in einer Kiste als blinder Passagier innerhalb der Universität verschickt worden sein. Wie viele Spinnen insgesamt die Universität ihr Zuhause nennen, ist demnach unbekannt. Ebenso, wie lange die Spinnenart schon in Tübingen lebt.

Bisher war in Europa nur in Helsinki eine Population bekannt – wie in Tübingen in einem Gebäude der dortigen Universität. Dort lebt die Spinnenart seit rund 60 Jahren, ohne dass es jemals zu einem Biss gekommen ist. Mit der Universität Helsinki habe die Tübinger Uni nun Kontakt aufgenommen, erklärte ein Sprecher im Herbst.

Der Uni-Mitarbeiter habe „tatsächlich dieses Tier gefangen, was sehr, sehr wertvoll ist. Denn nur durch dieses Männchen, das da gefangen wurde, konnten wir überhaupt eine sichere Bestimmung machen“, erklärte Höfer in TV-Sender „mdr“.

Wie konnte die Spinne in der Universität überleben?

Weltweit gibt es rund 40.000 bisher entdeckte Spinnenarten, von denen einige auch hierzulande leben. Immer mehr exotische Spinnentiere (Arachnidae) finden als blinde Passagiere aus fernen Ländern ihren Weg nach Deutschland – als Mitbringsel aus dem Urlaub oder versteckt in Importgütern.

Die Tiere scheinen sich im universitären Keller über längere Zeit unbemerkt vermehrt zu haben, vermutet Spinnenexperte Höfer. „Bis sich aus Einzeltieren, die eingeschleppt werden, da was etabliert, das dauert in der Regel, beziehungsweise das schaffen überhaupt nur wenige Arten.“

Ist die Einsiedlerspinne aggressiv?

Die nachtaktiven Tiere sind sehr scheu, wenig aggressiv und verstecken sich mit Vorliebe in Schränken oder Schubladen, wenn sie in Häuser gelangen. Die Keller in Tübingen waren wohl nur ein behelfsmäßiges Domizil.

„Das ist keine Spinne, die schnell zubeißt, wenn man in die Nähe kommt, das ist ein sehr zartes Tier. Sie geht den Menschen aus dem Weg, sie ist nachtaktiv, kommt also tagsüber gar nicht raus“, erläutert Höfer.

Wie gefährlich ist ihr Gift?

Rein theoretisch: Binnen zwei bis 18 Stunden kann es nach einem Biss zu starken Schmerzen und zu einer Nekrose der umliegenden Haut kommen. Sollte der Biss unbehandelt bleiben, kann dies zu Nierenversagen, Amputationen und zum Tod führen.

Belastbare Studien zum Biss der Spinne sind der Universität Tübingen zufolge selten. Eine Studie aus Brasilien dokumentiert die Bisse der Spinne über einen Zeitraum von sieben Jahren. Das Ergebnis:

  • Zwei Prozent der dokumentierten Bisse führten zu schwereren kutanen Problemen (Schäden an der Haut).
  • 0,03 Prozent der Bisse (1 von 3000 Bissen) endeten tödlich.

Wie groß ist die Bedrohung?

Hubert Höfer schätzt die Gefahr durch die Spinne für den Menschen als „sehr gering“ ein, wie es seitens der Universität Tübingen hieß. Sollte es zu einem Biss kommen, könne es sein, dass die Spinnenart Gift absondert, was eine ärztliche Behandlung erforderlich mache. In seltenen Fällen könne es zu Gewebeschäden (Nekrosen) kommen.

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Erstellt:
15. April 2026, 14:18 Uhr
Aktualisiert:
15. April 2026, 20:00 Uhr

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