Anschlag in Berlin

Wie verwundbar ist das deutsche Stromnetz?

Nach dem Anschlag auf das Berliner Stromnetz fragen sich viele, wie anfällig die Stromleitungen in Deutschland sind – und wie man sie besser schützen kann.

Höchstspannungsleitungen sind oft redundant ausgelegt – viele andere Teile des Netzes nicht.

© IMAGO/Arnulf Hettrich

Höchstspannungsleitungen sind oft redundant ausgelegt – viele andere Teile des Netzes nicht.

Von Tobias Heimbach

In diesen Tagen bleibt es dunkel im Berliner Südwesten, der Stromausfall vom 3. Januar ist noch immer nicht behoben. Zeitweise waren 45.000 Haushalte ohne Strom; bis alle Reparaturen abgeschlossen sind, dauert es wohl noch bis zum Donnerstag. Behörden gehen davon aus, dass es die linksextremistische „Vulkangruppe“ war, die mit einem Brandanschlag einige wichtige Stromleitungen zerstört hat.

Es ist ein einzelner Anschlag mit großer Wirkung. In Zeiten hybrider Bedrohungen ist aus dem Fall in der Hauptstadt mehr als eine Lokalnachricht geworden. Man stellt sich unweigerlich die Frage: Wie anfällig ist das deutsche Stromnetz?

An welchen Stellen die kritische Infrastruktur verwundbar ist, bekommt man recht leicht heraus. „Im Internet sind viele Daten zum Stromnetz verfügbar. Nicht nur Linksextremisten dürften diese haben, sondern auch der russische Geheimdienst“, sagt Christof Wittwer. Er leitet den Geschäftsbereich „Leistungselektronik, Netze und intelligente Systeme“ am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme in Freiburg.

Ein resilientes Stromnetz kostet Geld

Er sagt, lange Zeit hätte es kaum eine Rolle gespielt, die Stromnetze in Deutschland resilienter zu machen. Die großen Übertragungsleitungen seien häufig redundant ausgelegt, die Ebenen darunter – wie in Berlin – meist nicht. Aus Kostengründen habe man schlicht darauf verzichtet, sagt Wittwer.

Er regt eine Art „Eingreiftruppe“ an, die bei Schäden am Netz schnell handeln kann. „Sabotage ist schwer zu verhindern, aber mit geeigneten Reparaturmaßnahmen sollte es gelingen, solche Stromausfälle auf weniger als 24 Stunden zu beschränken“, sagte er. Dazu könnten auch mobile Trafos auf Lastwagen gehören, die zügig die Stromversorgung wiederherstellen, bis die eigentlichen Leitungen repariert sind.

Unter dem Strich sei Resilienz eine Frage des Geldes: „Sicherheit kostet, und diese Kosten werden als Netzentgelte auf die Verbraucher umgelegt. Wir haben ja schon seit Jahren eine Diskussion über die hohen Strompreise in Deutschland. Man muss also einen Mittelweg zwischen Robustheit des Systems und Wirtschaftlichkeit finden“, sagt Wittwer.

Um die kritische Infrastruktur besser zu schützen, hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr das „Kritis-Dachgesetz“ verabschiedet. Derzeit wird es im Bundestag beraten. Mit diesem Gesetz soll es für alle Sektoren der kritischen Infrastruktur eine Risikoanalyse geben, die dann in einen Resilienzplan und entsprechende Schutzmaßnahmen mündet. Damit sollen Ausfälle minimiert und schnell wieder behoben werden.

Wenn es nicht gerade sabotiert wird, gehört das deutsche Stromnetz übrigens zu den stabilsten der Welt. Die durchschnittliche Dauer von Stromausfällen in Deutschland lag 2024 laut Bundesnetzagentur pro Verbraucher im Schnitt bei 11,7 Minuten. Wohl nur ein geringer Trost für die Menschen im Berliner Südwesten.

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Erstellt:
6. Januar 2026, 14:02 Uhr

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