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Wie Winnenden die Polizeiarbeit verändert hat

Helme aus Titan, neue Dienstwaffen, bessere Einsatzpläne – das haben die Ermittler aus dem Amoklauf gelernt

Stuttgart

Frage: Wie war die Polizei vor Winnenden auf Amokläufe eingestellt?

Antwort: Schon nach dem Amoklauf von Erfurt im Jahr 2002 hatte sich die Polizeitaktik entscheidend geändert – auch in Baden-Württemberg. Statt auf Spezialkräfte zu warten, rücken seitdem im Ernstfall auch gewöhnliche Streifenbeamte vor, sobald mindestens zwei Polizeiautos vor Ort sind. Drei Polizisten sichern sich gegenseitig ab, während ein vierter beim Wagen bleibt, um den Kontakt zum Lagezentrum zu halten und den Einsatz zu koordinieren. Peter Hönle, 59 Jahre alt und Leitender Polizeidirektor beim Präsidium Aalen, war 2009 beim Amoklauf in Winnenden vor Ort und ist noch heute überzeugt, dass diese Taktik verhindert hat, dass damals noch mehr Menschen sterben mussten. „Der Täter hat nur die Hälfte seiner Munition verschossen. Wer weiß, was noch passiert wäre, wenn die Kollegen nicht das Töten unterbrochen hätten“, sagt er.

Frage: Was haben die Einsatzkräfte aus Winnenden gelernt?

Antwort: Eine der Lehren aus Winnenden ist, dass die Opfer eines Amokläufers so schnell wie möglich Erste Hilfe brauchen. „Vor Winnenden haben Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr separate Einsätze gemacht“, so Hönle. Heute gibt es regelmäßiges gemeinsames Training. Schon in der sogenannten Phase Gelb, in der unklar ist, ob im Gebäude noch jemand um sich schießt, sind Polizisten nun angewiesen, Sanitäter zu den Verletzten zu eskortieren. Auch die Polizisten selbst tragen nun kompakte Erste-Hilfe-Päckchen bei sich. Darin enthalten ist unter anderem ein Druckverband, wie er bei der israelischen Armee verwendet wird – selbst ein Opfer mit einem abgetrennten Arm könnte ein Polizist damit erstversorgen.

Frage: Was passiert bei der Polizei, wenn Amok-Alarm ausgelöst wird?

Antwort: Geht ein Amok-Alarm in einem Führungs- und Lagezentrum (FLZ) ein, können sich die Polizisten dort Infos zu der betroffenen Schule auf den Bildschirm holen – inklusive Karten mit möglichen Sammelpunkten und Telefonnummern von Vertrauenslehrern und Schulleitern. Das Einsatzleitsystem zeigt in Echtzeit an, welche Fahrzeuge mit welchen Beamten und mit welcher Ausrüstung an Bord am schnellsten am Einsatzort sein können.

Frage: Wie stellen Behörden während einer Großlage die störungsfreie Kommunikation sicher?

Antwort: „Damals in Winnenden sind Handy- und Funknetze zusammengebrochen“, erklärt der Polizeisprecher Holger Bienert. „Heute würde uns das nicht mehr passieren.“ Denn vor einigen Jahren wurde bei der Polizei der Digitalfunk eingeführt. Während Polizisten früher über ihr Walkie-Talkie nur mit ihrem Streifenpartner kommunizieren konnten, sind sie heute auch durch das FLZ erreichbar.

Frage: Was hat sich nach Winnenden an der Ausrüstung der Polizei verändert?

Antwort: Die Beamten, die sich in der Albertville-Realschule in Winnenden dem Amokläufer entgegenstellten, hatten MP5-Maschinenpistolen aus den 1960er Jahren und kugelsichere Westen. Heute sind sie ausgestattet wie Elitesoldaten. Seit dem Jahr 2011 verfügt die Polizei Baden-Württemberg über Titanhelme, Splitterschutzbrillen und Panzerung für Hals, Schultern und Oberschenkel für Beamte. Nach den Terroranschlägen von Paris und Berlin wurde auch ein sogenanntes ballistisches Plattenträgersystem angeschafft – eine Art Körperrüstung, die sogar Kugeln aus Sturmgewehren abhalten kann.

Die MP7-Maschinenpistole, mit der die Streifenwagen in Baden-Württemberg heute ausgerüstet sind, ist viel leichter als ihr Vorgänger. Wegen ihres deutlich kleineren Kalibers von 4,6 Millimetern können die Beamten mehr Munition mitnehmen. Der geringe Rückstoß und ein Rotpunkt-Visier sollen den Polizisten auch in extremen Situationen genaues Treffen ermöglichen.

Im Fall der Fälle zählt jede Sekunde. Um die einzusparen, braucht es nicht immer Hightech: Eigentlich profane Dinge wie eine elektrostatische Folie, die auf ein Autofenster geklebt werden kann und als Tafel fungiert, und laminierte Schilder mit Hinweisen wie „Kräftesammelstelle“ sind direkte Lehren aus Winnenden. Jeder eintreffende Beamte sieht sofort, welche der antrainierten Aufgaben seine Kollegen übernehmen und was er selbst zu tun hat.

Frage: Wie bewerten Einsatzkräfte die Ernsthaftigkeit von Amokdrohungen?

Antwort: Die Polizei greift auf wissenschaftliche Expertisen zurück, anhand deren sich echte Amokdrohungen erkennen lassen sollen. Wichtig ist, welche Person die Drohung ausspricht. „Das Problem sind nicht die Raufbolde – sondern die Stillen, bei denen sich selbst die Lehrer nicht sicher sind, ob sie überhaupt zur Klasse gehören“, sagt Hönle. Ein anderes Indiz für die Ernsthaftigkeit einer Drohung: „Wenn derjenige auf frühere Amokläufe Bezug nimmt.“

Dennoch: Immer wieder rückt die Polizei wegen falschen Alarms aus. Etwa 2018, als eine Frau meinte, auf dem Gelände der Psychiatrie Winnenden einen Bewaffneten gesehen zu haben. 2017 hielten in Backnang Polizisten einen 13-Jährigen in Schach – ein Zeuge hatte geglaubt, bei einem Gymnasium einen Mann mit Pistole gesehen zu haben. Solche Einsätze sind für die Polizei eine Gratwanderung: Auf der einen Seite steht die Gefahr, Unschuldige zu traumatisieren, auf der anderen Seite die Möglichkeit eines Blutbads.

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Erstellt:
7. März 2019, 09:11 Uhr

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