Zugunglück bei Barcelona
Wieder Zugunglück in Spanien - Banges Warten auf Gewissheit
Nach zwei tödlichen Bahnunglücken in kurzer Folge geht in Spanien die Angst vor dem Zugfahren um. Angehörige von Vermissten warten verzweifelt auf die Identifizierung der Todesopfer.
© Joan Mateu Parra/AP/dpa
Polizeibeamte sind nach der der Entgleisung eines Pendlerzuges in der Nähe von Barcelona im Einsatz.
Von red/dpa
Nur gut zwei Tage nach dem verheerenden Zugunglück mit mindestens 43 Todesopfern im Süden Spaniens erschüttert ein neuer tödlicher Unfall das Land. In Katalonien stürzte am Dienstagabend eine Stützmauer nahe Gelida östlich von Barcelona während eines heftigen Sturms auf die Gleise und traf dabei einen Nahverkehrszug. Einer der Lokführer, ein 28-Jähriger, der noch in der Lernphase war, kam dabei ums Leben. 37 Passagiere wurden laut Rettungsdienst verletzt, 5 davon schwer.
Erst am Sonntagabend waren im beliebten Urlaubsland beim Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge nahe der Ortschaft Adamuz in der Provinz Córdoba mindestens 43 Menschen ums Leben gekommen und Dutzende verletzt worden. Nach amtlichen Angaben wurden zuletzt neun Verletzte auf Intensivstationen behandelt. Keiner von ihnen schwebt mehr in Lebensgefahr.
Die Identität der Toten von Adamuz wurde von den Behörden immer noch nicht bekanntgegeben. Auch wenn Medien bereits die Namen zahlreicher Opfer enthüllt haben, warten zahlreiche Angehörige von Vermissten weiterhin verzweifelt auf offizielle Angaben zu Toten.
Viele beklagen fehlende Informationen. Die junge Maria del Mar beschwerte sich im Fernsehen: „Mein Bruder Agustín hat im Café-Waggon gearbeitet. Er hatte Uniform an. Es ist doch nicht normal, dass wir noch keine Informationen über ihn haben“. Die Bolivianerin Osiris vermisst ihren Ehemann Víctor und hofft auf ein Wunder: „Die Verzweiflung ist riesig. Aber ich sage mir, vielleicht lebt er noch und liegt schwer verletzt irgendwo, wurde nur noch nicht gefunden.“
Wohl auch Deutsche unter den Opfern
Die Behörden betonten mehrfach, die zweifelsfreie Identifizierung sei nicht einfach. Am Mittwochnachmittag teilten sie aber mit, man habe bereits die Identitäten von 41 Todesopfern ermittelt. „Sämtliche Todesopfer wurden vom kriminaltechnischen Dienst der Guardia Civil anhand von Fingerabdrücken identifiziert“, teilte die Regionalregierung Andalusiens mit.
Die Namen und die Herkunft der identifizierten Opfer wurden zunächst aber nicht veröffentlicht. Man sei dabei, die Familien zu benachrichtigen, hieß es. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin gibt es auch deutsche Opfer. Unklar blieb zunächst, ob es sich um Tote oder Verletzte handelt.
Auch die Ursache der Katastrophe ist noch unklar. Der andalusische Gesundheitsminister Antonio Sanz sagte vor Journalisten, man dürfe davon ausgehen, dass die Zahl der Todesopfer nicht mehr deutlich ansteigen werde.
Debatte über Sicherheit auf der Schiene
Die Zahl der geborgenen Leichen komme jener der seit dem Unfall insgesamt eingegangenen Vermisstenanzeigen (45) sehr nahe, hatte er gesagt, als die offizielle Zahl der Todesopfer noch bei 42 lag. Die Einsatzkräfte entdeckten wenig später am frühen Mittwochnachmittag die 43. Leiche. Die Behörden wollten danach weiterhin nicht ausschließen, dass in den Waggon-Trümmern noch Leichen liegen könnten. Zwei vermisste Personen würden noch gesucht, sagte der zuständige Einsatzleiter der Polizeieinheit Guardia Civil, Luis Ortega.
Bereits der erste Unfall hatte eine Debatte über die Sicherheit auf der Schiene ausgelöst, das neue Unglück hat die Diskussion noch einmal verstärkt. Laut Medien lösten die Unfälle Ängste vor Zugfahrten aus. Sehr viele Buchungen seien nach dem ersten Unfall storniert worden, hieß es. Zahlen gab es zunächst nicht, dafür Berichte über halbleere Züge.
Aber nicht nur Fahrgäste machen sich Sorgen. Die Gewerkschaft der Lokführer kündigte einen Streik an und forderte, dass „die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Netzes gewährleistet werden“. Die „Häufung tödlicher Unfälle“ habe „unter den Lokführern eine starke emotionale Belastung ausgelöst“, hieß es. Der Ausstand soll zwischen dem 9. und dem 11. Februar stattfinden. Wegen der von der spanischen Gesetzgebung vorgeschriebenen sogenannten „Mindestdiensten“ haben Streiks im öffentlichen Verkehr in dem Land vergleichsweise geringe Konsequenzen für die Passagiere.
Minister schließt Sabotage aus
Der katalanische Nah- und Regionalzugverkehr wurde nach dem Unfall vom Dienstagabend mindestens bis Mittwochnachmittag ausgesetzt, um die durch das Unwetter beschädigte Infrastruktur zu prüfen. Bereits am Dienstag hatte der spanische Schienennetzbetreiber Adif die Höchstgeschwindigkeit für Züge, die normalerweise mit bis zu 300 Kilometern pro Stunde und mehr unterwegs sind, auf einem Teilstück der wichtigsten Verbindung des Landes zwischen Madrid und Barcelona auf 160 Kilometer pro Stunde beschränkt. Zugführer hätten von Unebenheiten in den Schienen berichtet, teilte Adif mit.
Unterdessen wurde an der Unglücksstelle in Adamuz die Suche nach möglichen weiteren Opfern fortgesetzt. Dabei würden vor allem die Trümmer zweier Waggons durchsucht, die beim Unfall eine vier Meter hohe Böschung hinuntergestürzt und dabei völlig zerstört worden waren.
Innenminister Fernando Grande-Marlaska schloss inzwischen Sabotage als Ursache der Tragödie aus. Es sei aber noch zu früh, um über die Ursache zu spekulieren. Man sei noch in der Phase der Informationsgewinnung. Laut Medien schließen die Behörden einen Gleisschaden oder einen Fehler an einem der Züge nicht aus. Aber alle technischen Hypothesen seien offen, hieß es.
