Wiederentdeckung von Schwarz-Rot-Gold

Demokraten sollten die Farben der Demokratie pflegen, forderte Martin Schulz anlässlich der Gründung des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold vor 100 Jahren.

Kämpferisch: Festredner Martin Schulz im Stuttgarter HospitalhofKämpferisch: Festredner Martin Schulz im Stuttgarter Hospitalhof

© Lichtgut/Max Kovalenko

Kämpferisch: Festredner Martin Schulz im Stuttgarter HospitalhofKämpferisch: Festredner Martin Schulz im Stuttgarter Hospitalhof

Von Jan Sellner

Stuttgart - Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold? Wie kann es sein, dass ich in der Schule und auch später nie etwas davon gehört habe?“, rätselt eine Zuhörerin laut. Rätselhaft in der Tat. Soeben hat Marcel Böhles, der in Weimar das Haus der Weimarer Republik leitet, vor einem großen Publikum im Hospitalhof seinen Vortrag beendet. Darin skizzierte er, wie bedeutend das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, ein am 22. Februar vor 100 Jahren in Magdeburg gegründetes überparteiliches Bündnis, in den Jahren der Weimarer Republik war.

Mit geschätzt rund 1,5 Million Mitgliedern stellte das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold eine echte Größe dar; es war größer als der rechtsextreme „Stahlhelm“, größer als Hitlers SA und größer als der kommunistische Rotkämpferbund. Auch in Stuttgart war die Massenorganisation stark vertreten. Unmöglich, daran vorbeizusehen. Zumal dem Reichsbanner Persönlichkeiten wie der spätere SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher, der erste Bundespräsident Theodor Heuss oder Fritz Bauer angehörten. Letzterer, der spätere Generalstaatsanwalt von Hessen und bekannte Nazi-Ankläger, so fand seine Biografin Irmtrud Wojak heraus, war in Stuttgart stellvertretender Vorsitzender des Reichsbanners.

Wie erklärt sich dann das verbreitete Nichtwissen? Ist es der Name? Dabei hat das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold so gar nichts mit sogenannten Reichsbürgern oder sonstigen Rechtsextremen zu tun. Es verstand sich vielmehr als Bündnis zum Schutz der jungen Demokratie, die nach rechts- und linksextremistischen Umsturzversuchen von 1923 höchst gefährdet war. Vielleicht ist es auch sein zum Teil paramilitärischer Charakter, der die Nachwelt einen Bogen um das Reichsbanner machen lässt? Aufmärsche, Schießübungen – das gehörte dazu.

Anders als von Rechts- und Linksextremisten gingen vom Reichsbanner jedoch keine Angriffe aus, wie Böhles betonte. Das sozialdemokratisch dominierte Bündnis, ein reiner Männer-Verein, habe bewusst eine „defensive“ Haltung eingenommen – bei aller Entschiedenheit, mit dem es sich, wenn letztlich auch erfolglos, für die Republik einsetzte. 1933 wurde das Reichsbanner von den Nazis zerschlagen. 1953 gelang die Neugründung; es existiert bis heute, führt als Zusatz den Titel „Bund aktiver Demokraten“ und widmet sich politischer Bildungsarbeit.

Bei dem von Schülern des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums musikalisch begleiteten gemeinsamen Festakt der Stuttgarter SPD, des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, der Arbeitsgemeinschaft Stadtgeschichte und des Erinnerungsorts Hotel Silber wurde die Aktualität des Themas betont: „Mehr denn je ist der Gedanke des Reichsbanners aktuell, dass die Demokratie geschützt werden muss“, sagte Festredner Martin Schulz, der Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung ist. Kämpferisch erklärte der frühere SPD-Chef und Präsident des Europäischen Parlaments: „Wir werden nicht zulassen, dass die Feinde der Demokratie sie zerstören und die Verankerung Deutschlands in der EU infrage stellen.“ Die Großdemonstrationen für die Demokratie ließen hoffen, „dass die Blütenträume der AfD nicht aufgehen werden“.

Für ein langjähriges Versäumnis hält Schulz es, dass man die Farben Schwarz-Rot-Gold – die Farben der Revolution und später der Republik und der Demokratie, die auch das Reichsbanner vertritt – der AfD überlassen habe. Die Demokraten müssten sie sich wieder zu eigen machen und diese Farben ebenso hochhalten wie die europäische Fahne. „Für uns war der Willy (Brandt) das Symbol“, sagte Schulz. „Wir können aber auch stolz sein auf Schwarz-Rot-Gold.“

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Erstellt:
6. März 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
7. März 2024, 21:47 Uhr

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