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„Wir Frauen bohren öfter nach“

Das Interview: Rosely Schweizer, Tochter von Marlene und Rudolf-August Oetker, aus Murrhardt wird heute 80 Jahre alt und nicht müde, für die Präsenz des weiblichen Geschlechts, aber auch der Älteren in politischen und wirtschaftlichen Gremien zu trommeln.

Rosely Schweizer genießt es dieser Tage, einfach auch Zeit zu haben. Als Landtagsabgeordnete und wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion hat sie genau das vermisst – genug Zeit, um Problemlagen und Themen intensiv und ausführlich zu durchdenken. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Rosely Schweizer genießt es dieser Tage, einfach auch Zeit zu haben. Als Landtagsabgeordnete und wirtschaftspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion hat sie genau das vermisst – genug Zeit, um Problemlagen und Themen intensiv und ausführlich zu durchdenken. Foto: J. Fiedler

Von Christine Schick

Was, würden Sie sagen, finden Sie gut am Älterwerden?

Ganz viel, also wenn man von den Zipperlein, die mal mehr oder weniger eine Rolle spielen, absieht. Man wird mit Sicherheit gelassener, man wird dankbarer für die Dinge, die man alle noch machen kann. Man bleibt neugierig, und man hat für manche Dinge mehr Zeit als früher. In der Familienzeit mit meinen drei Kindern, da sind manche Dinge an mir vorbeigegangen, die auch sehr wichtig waren. In der Zeit meiner politischen Ämter musste ich mich sehr auf das konzentrieren, was zu tun war, und das war viel. Als ich dann im Landtag aufgehört habe, habe ich am meisten genossen, morgens die Zeitung auch mal von vorne bis hinten lesen zu können.

Das heißt, jetzt ist Zeit, wirklich alles wahrzunehmen, was Sie interessiert?

Früher ist vieles liegen geblieben. Jetzt kann ich auch mal Fotos aufräumen, Briefe schreiben und in Ruhe über manche Probleme nachdenken. Ich glaube, das hat mich in der Landespolitik immer am meisten gestört. Bei der Fraktionssitzung am Nachmittag hieß es dann, Sie, Frau Schweizer, sprechen morgen früh im Plenum zu dem und dem Thema. Es ist schon möglich, auch mal eine Nacht durchzuarbeiten, aber man wird den Gedanken nicht los, dass man nicht wirklich alle Fakten erfasst hat, die für dieses Thema wichtig sind, und das ist einfach kein gutes Gefühl. Da ist man auch im Plenum auf Fragen und Zwischenrufe nicht genügend vorbereitet.

Sie feiern nun Ihren 80. Geburtstag und das heißt, Sie haben unglaublich viel Erfahrung gesammelt. Blicken Sie mittlerweile mit viel emotionalem Abstand auf das politische Geschehen, oder gibt es auch noch Situationen, in denen Sie sich aufregen?

Ja, absolut. Was mich ja die letzten 50 Jahre begleitet hat, war die Überzeugung, dass Frauen mehr gehört werden müssen in der Politik und genauso in der Wirtschaft, über die eine oder andere Vorzeigefrau hinaus. Es braucht Gremien, in denen Männer und Frauen, Alte und Junge sowie Menschen verschiedener Nationalitäten sitzen. Erst dann kann man in einer globalen Welt wirklich die richtigen Entscheidungen treffen. Wir sind bei der Beteiligung von Frauen weitergekommen, aber es geht so wahnsinnig langsam. Ich bin überzeugt davon, dass es jedem Gremium guttäte, mehr Frauen zu haben. Ich habe aber auch erlebt, dass es an den Frauen selbst hängt, sie trauen es sich oft nicht zu, obwohl sie es könnten.

Stimmt.

Wir Frauen denken etwas anders, diskutieren etwas anders und bohren öfter nach, wenn uns etwas nicht ganz klar ist. Männer können schon ihrer Natur nach weniger nachbohren und weniger fragen, weil jemand, der fragt, zu erkennen gibt, dass er etwas nicht weiß. Das ist mir als Frau ziemlich egal, weil ich will einfach wissen, was Sache ist. Aber bei einem Mann ist es wohl oft so, dass er sich nicht den Anschein geben will, etwas nicht zu wissen. Ich bin überzeugt, dass Männer in den ganzen oberen Etagen Angst vor Frauen haben. Wenn ein Mann mit einem Mann konkurriert, weiß er besser, wie der andere tickt. Gleiche Schule, gleiche Herkunft, gleicher Golfklub, gleiches Auto. Bei einer Frau weiß er das sehr selten, oft noch nicht mal bei der eigenen Ehefrau. Wir ticken anders.

Aber Sie denken, dass dieses Nachfragen auch ein Stück weit zu einer besseren Lösung führen kann, weil man sich in Themen und in Fragestellungen vertieft?

Unbedingt. Als ich im Beirat von Henkell angefangen habe, da hat mein Mann mir immer wieder den Rücken gestärkt und hat gesagt, wenn du was nicht verstanden hast, frag! Die Hälfte der anderen haben es dann nämlich auch nicht verstanden. Und die sind gottfroh, wenn du fragst. Und das ist auch so, das habe ich immer wieder erlebt.

Das heißt, fragen hat auch mit Mut zu tun?

Unbedingt. Zu sagen, ich weiß es nicht. Was denkt ihr? Und es hat auch manchmal damit zu tun, dass man das Gefühl hat, hier steckt mehr dahinter, als die im Augenblick gewillt sind, zu sagen. Manchmal, wenn man nachfragt, werden ein paar Nebelkerzen geworfen, und man hat das Gefühl, hier muss man noch mal nachbohren. Und das ist sehr gesund für ein Unternehmen und auch für die Politik.

Stichwort Politik. Wie beurteilen Sie die Lage der CDU? Würden Sie sagen, sie ist mit Blick auf die Situation mit Corona ihrer Regierungsverantwortung gerecht geworden?

Das ist eine sehr schwierige Frage, weil es eine Situation war, die wir alle noch nicht kannten. Und dann wird von der Politik erwartet, dass sie aus dem Stand heraus die richtigen Entscheidungen trifft. Da ist die Politik schlicht überfordert, so wie jeder Einzelne von uns überfordert ist. Aber Sie haben vorhin gefragt, ob ich mich über manche Dinge noch ärgere.

Ja?

Neben den Frauen ist das das Thema Senioren. Die Senioren werden immer wieder unterschätzt. Da geht es in Reden immer wieder um den Rollator oder ums seniorengerechte Wohnen. Aber die Senioren haben auch noch einen Kopf und viel Erfahrung. Sie haben sehr oft ein großes Wissen, das sie einbringen können. Deswegen sollten auch sie in den ganzen Gremien mit vertreten sein. In der Politik werden Entscheidungen getroffen, die uns alle angehen, und daher sollten auch alle in den Entscheidungsprozess mit eingebunden sein. Vor den Wahlen werden die alten Menschen von den Parteien hofiert und danach gleich wieder vergessen. Auch wenn wir manchmal vielleicht langsamer sprechen, es lohnt sich oft, zuzuhören.

Zwischendurch ist das normale politische Geschäft in den Hintergrund getreten. Irgendwann taucht die Frage nach dem CDU-Parteivorsitz und der Kanzlerkandidatur wohl wieder auf. Wen würden Sie sich da wünschen?

Das ist ähnlich wie bei der Entscheidung über den Kandidaten für die Landtagswahl. Ich finde es einfach ein gutes Zeichen für eine Partei, wenn sie drei so gute Kandidaten hat. Das ist für mich Demokratie! Da hat man wirklich eine Wahl! Ich freue mich natürlich riesig, dass Murrhardt mit Georg Devrikis jetzt wieder die Chance hat, den neuen CDU-Landtagsabgeordneten zu stellen. Ich gebe zu, dass mir die Wahl zwischen Murrhardt und einer Frau sehr schwergefallen ist! Mit Blick auf die Bundesebene muss man halt verstehen, dass ich aus der Wirtschaft komme, aber auch in der Politik war. Und ich habe immer wieder festgestellt, dass in der Politik wirtschaftliches Denken zu wenig vertreten ist. Deswegen wäre es mir lieb, wenn jetzt nach der Tochter eines Pastors mal einer käme, der aus der Wirtschaft kommt und weiß, wovon er redet. Friedrich Merz ist gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, und die haben wir durch Corona sicher, der richtige Mann.

Sie kommen aus der wirtschaftlich einflussreichen Familie Oetker, haben sich aber auch stark als Politikerin engagiert. Wieso eigentlich? Der Einfluss als Unternehmerin ist direkter als auf politischem Parkett.

Ich glaube, das ist sehr einfach. Nachdem ich nicht die Möglichkeiten innerhalb des Unternehmens meiner Familie hatte, musste ich einen anderen Weg finden, um die Anerkennung meines Vaters, meiner Großmutter, meiner Familie zu bekommen. Und da war der politische Weg ein möglicher, weil mein Vater immer gesagt hat, man müsste denen mal vermitteln, was nicht gut läuft. Er selbst hatte dazu keine Zeit. Genauso ging es meinem Mann. Man hat als Vollblutunternehmer nicht die Möglichkeit, noch politisch voll aktiv zu sein. Dann ist man froh, wenn jemand anderer aus der Familie das übernimmt und die Problemlagen in die Gremien trägt.

Wir leben in einer Zeit, in der es im Zuge der Klimadebatte Stimmen gibt, die sagen, wir müssen umsteuern, um nicht mehr so zu wirtschaften, als hätten wir mehrere Planeten zur Verfügung. Das bedeutet, dass auch Unternehmer umdenken müssten. Ist das ein Thema, mit dem Sie sich beschäftigt haben?

Ich war ja lange genug Beiratsvorsitzende innerhalb unseres Familienunternehmens. Natürlich wissen wir alle, wir haben keine zweite Welt zur Verfügung. Was wir aber auch sehen, ist, dass immer mehr Menschen die Erde bevölkern bei einer konstanten Menge an Ressourcen. Klima ist für mich etwas, was wir kaum beeinflussen können. Den Naturschutz umso mehr, und das müssen wir auch. Aber dieser ganze Bereich Naturschutz, Umweltschutz, Ressourcen sparen, das machen wir schon ewig. Gerade in Familienunternehmen ist es uns klar, dass wir keine Überlebenschance haben, wenn wir uns nicht danach ausrichten. Oetker hat diverse Preise im Naturschutzbereich erhalten. Energie zu sparen, ist schon aus eigenem Interesse sinnvoll.

Obwohl Sie aus einer privilegierten Unternehmerfamilie kommen, habe ich Sie immer als unglaublich nahbar erlebt. Wie haben Sie sich das erhalten können?

Sie werden es nicht glauben, aber wir sind sehr einfach aufgewachsen. Meine Eltern haben sich kurz nach meiner Geburt getrennt. Meine Mutter war Ärztin, hat später einen Arzt geheiratet und fünf weitere Kinder gekriegt. So eine nette Geschichte war, dass sie uns Kindern immer gesagt hat, wenn ihr auf der Straße jemand seht, bei dem ihr das Gefühl habt, der hat Hunger, bringt ihn mit nach Hause. Wir haben genug zu essen. Einmal ist wirklich ein Ehepaar mit meinem Bruder mitgegangen, und die beiden haben gesagt, wir wollten nur mal sehen, was das für eine Familie ist, wo die Kinder die Leute von der Straße mitnehmen können. Bei meiner Großmutter habe ich erlebt, wie sie im Jahr 1946 Flüchtlinge aufnahm, in jedem Zimmer war eine Familie, was für mich als Kind toll war, weil so viele andere Kinder im Haus waren. Und mein Vater hatte immer furchtbar Angst, dass wir aufgrund des Wohlstands anfangen, übermütig zu werden. Wir hatten lange Diskussionen, ob es ein paar neue Schuhe gibt oder einen Tennisschläger zu Weihnachten. Wir sind alle einfach aufgewachsen, aber trotz allem natürlich privilegiert.

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Erstellt:
16. Juli 2020, 06:00 Uhr

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