„Wir hoffen, den Damm halten zu können“

Einsatzkräfte aus dem Raum Backnang haben in den vom Hochwasser betroffenen Katastrophengebieten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz ebenso sachkundig wie tatkräftig mit angepackt. Mitglieder der Auenwalder Feuerwehr, des DRK aus Sulzbach an der Murr und des Technischen Hilfswerks aus Backnang berichten über ihre Einsätze.

Backnanger THW-Kräfte messen den Pegelstand der Steinbachtalsperre. Foto: THW

© THW Ortsverband Backnang

Backnanger THW-Kräfte messen den Pegelstand der Steinbachtalsperre. Foto: THW

Von Bernhard Romanowski

Rems-Murr. Auch aus dem Raum Rems-Murr haben sich in den vergangenen Tagen viele Helfer auf den Weg in die Katastrophengebiete in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz gemacht (wir berichteten). Wir haben mit ihnen über viele Stunden währende Einsätze in den vom Hochwasser betroffenen Orten gesprochen.

Mitglieder der THW-Ortsgruppe Backnang waren gestern immer noch im Einsatzmodus. Der Trupp Mobiler Hochwasserpegel mit vier ehrenamtlichen Einsatzkräften war mit einem Helikopter der Bundespolizei Typ Super Puma von Heiningen aus in Richtung Norden gestartet und wurde nach der Landung auf einem Luftlandeverkehrsplatz nach Kirchheim im Kreis Euskirchen gebracht. Dort überwachten sie mit Spezialgeräten den Pegel der Steinbachsperre, eine Talsperre in Nordrhein-Westfalen auf dem Gebiet der Stadt Euskirchen südlich des Stadtteils Kirchheim, deren Damm unter dem Druck der Wassermassen des Starkregens zu brechen drohte. Die Bewohner der umliegenden Dörfer waren evakuiert worden. Sie konnten gestern nach und nach wieder in ihre Häuser.

Das Backnanger THW hilft dabei,den Damm einer Talsperre zu sichern.

„Die Deichkrone der Steinbachtalsperre war schon 37 Zentimeter hoch vom Wasser überspült worden, als wir ankamen. Der Damm sollte eigentlich ein 10000-jährliches Hochwasser aushalten können, aber das war offenkundig nicht zutreffend“, berichtet der Backnanger THW-Truppführer Uwe Henne per Mobiltelefonat mit Abbrüchen, denn die Netze in der Region sind derzeit sehr instabil. Durch die Kräfte von THW und Feuerwehr konnte viel Pumpleistung zum Ablassen des Wassers der Talsperre erreicht werden, so Henne weiter: „Wir hoffen, den Damm halten zu können. Wann wir wieder heimkehren, ist noch ungewiss. Der Super-GAU wären jetzt weitere starke Regenfälle.“ Bei allem Engagement für seine Mitmenschen ist Henne aber auch seinerseits dankbar: „Ohne den Goodwill unserer Arbeitgeber, die uns dafür freistellen, könnten wir gar nicht hier sein.“

Vier Auenwalder Feuerwehrleute sind am Sonntagabend aus Kordel im Landkreis Troer-Kordel zurückgekehrt. Wie der stellvertretende Kommandant, Bernd Jope, berichtet, standen große Teile des Orts unter Wasser, als er mit seinen Kameraden dort ankam. Sie haben die Keller von Gebäuden leergepumpt und die Straßen von Schlamm und Geröll befreit. „Mit Besen, Schaufeln, Schneeschippen und allem, was greifbar war“, so Jope. Rund 20 Zentimeter hoch habe der Schlick auf den Straßen gestanden. Die Bauweise der häufig aus rotem Sandstein errichteten Häuser musste von Baufachberatern und Ingenieuren in Augenschein genommen werden. Durch den nachlassenden Wasserdruck von innen drohten manche einzubrechen.

Auch wenn sie keine Toten bergen oder Verletzte retten mussten, ging der Einsatz nicht spurlos an ihnen vorbei. „Das nimmt einen schon mit, wenn man sieht, wie das Hab und Gut vieler Betroffener, ja ein ganzes Leben von einem Bagger auf einen Haufen geschoben und vom Lastwagen weggefahren wird“, schildert Jope. Die überall ausgelaufenen Öltanks seien nur eine der Folgen, mit denen die Menschen dort noch weiter zu tun haben werden, sagt er. „Für unsere Helfer ging es nach Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland-Pfalz. Die Stadt an der Ahr hatte es nach dem schweren Unwetter besonders schwer erwischt. Nach einem kurzen Zwischenstopp vor den Toren von Ahrweiler war der Ortskern der Stadt das eigentliche Ziel“, berichtet Michael Budig vom DRK-Ortsverein Sulzbach an der Murr. Der Verband, dem auch die Sulzbacher Isabell Hoffmann (Altenpflegerin und Rettungshelferin) und Hannes Häbich (Arzt und Rettungssanitäter) angehörten, wurde zunächst zu einem Pflegeheim gesandt, das über 24 Stunden keinen Kontakt zur Außenwelt gehabt hatte. Hier mussten die 50 Bewohner mit einem Radlader und Unimog evakuiert werden. Medizinische Maßnahmen wurden, sofern notwendig, sofort eingeleitet. „Nach einer kurzen Sichtung wurde über den weiteren Verbleib der betroffenen Personen des Gebäudes entschieden und ein Transport in geeignete Einrichtungen oder ins Krankenhaus erfolgte durch Krankentransportwagen vor Ort“, so Budig weiter. Zusätzlich konnten bis zum Morgengrauen ungefähr 100 Personen, die meist unterkühlt und dehydriert waren, aus dem Ortskern gerettet und versorgt werden, wie der Sulzbacher erzählt. Landrat Richard Sigel und Kreisbrandmeister René Wauro hatten die Feuerwehrleute aus dem Rems-Murr-Kreis in der Nacht zu Freitag persönlich verabschiedet und ihnen für ihren Einsatz alles Gute gewünscht. Für den Rems-Murr-Kreis sei der Einsatz eine Selbstverständlichkeit, zumal man schon selbst von Hochwasser getroffen wurde und Hilfe erfuhr, so die beiden.

„Die furchtbaren Bilder aus den Hochwassergebieten machen betroffen“, sagt Landrat Richard Sigel. „Einmal mehr spüren wir, wie sehr wir der Natur ausgeliefert sind und wie unverzichtbar eine funktionierende Feuerwehr und Rettungskräfte für alle von uns in der Not sind. Mein herzlicher Dank gilt all den Helfern, die vor Ort mit angepackt haben und weiter Hilfe leisten. Dieses große ehrenamtliche Engagement der Feuerwehrleute und Rettungskräfte ist alles andere als selbstverständlich“, so der Landrat weiter. Sigel ist demnach dankbar für die große Solidarität, die auch in der Bevölkerung spürbar sei. Sigel: „Zahlreiche Spendenangebote haben uns erreicht. Wichtig sind aber vor allem finanzielle Spenden, weil Sachspenden in einer solchen Situation logistisch kaum zu steuern sind.“

Bilder wie dieses aus dem Landkreis Ahrweiler lassen erahnen, welche Gewalt das Hochwasser dort entwickelt hat. Foto: DRK Sulzbach an der Murr

Bilder wie dieses aus dem Landkreis Ahrweiler lassen erahnen, welche Gewalt das Hochwasser dort entwickelt hat. Foto: DRK Sulzbach an der Murr

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Erstellt:
20. Juli 2021, 06:00 Uhr

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