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„Wir müssen die Zuversicht behalten“

Bei der Feierstunde zum Tag der Deutschen Einheit appelliert Thea Dorn an die Bürger, sich für die Demokratie einzusetzen

Die Berliner Schriftstellerin Thea Dorn hat sich in ihren Werken „deutsch, nicht dumpf – Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“ sowie „Die deutsche Seele“ eindringlich mit den Themen Heimat, Nation und Leitkultur beschäftigt. In ihrer Ansprache in Backnang am Tag der Deutschen Einheit prangert sie an, dass oftmals versucht wird, deutsche Werte mit Hass auf Fremdes zu verteidigen.

Der Glaube daran, dass wir mit unseren Problemen zurecht kommen, sei eine sehr deutsche Haltung, findet Thea Dorn. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Der Glaube daran, dass wir mit unseren Problemen zurecht kommen, sei eine sehr deutsche Haltung, findet Thea Dorn. Foto: A. Becher

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Die Deutsche Einheit sei eine „Sternstunde der deutschen Geschichte“ gewesen, sagt OB Frank Nopper in seiner Begrüßungsrede. Und der zugehörige Feiertag sei ein wichtiger Tag für Zusammenhalt, Gemeinschaft und Freundschaft. „Eine Nation braucht nationale Symbole, die man auch selbstbewusst und kraftvoll darstellen darf, kann, ja sogar muss“, sagte Nopper und verwies auf die 49 Quadratmeter große, schwarz-rot-goldene Flagge über dem Marktplatz, die der Veranstaltung einen besonders festlichen Rahmen verlieh. Diese „größte Deutschlandfahne der Region“ kommt, so der städtische Pressesprecher Hannes Östreich, nur an diesem Feiertag zum Einsatz. Die einst von den Nationalsozialisten geschmähten Farben Schwarz, Rot und Gold seien heute die Farben all jener, „die sich zu unseren gemeinsamen Werten bekennen“, so Nopper.

Die deutsche Kultur hat sich in den Jahren massiv verändert

Doch was sind die deutschen Werte, was ist überhaupt deutsch? Diese Frage stellte Thea Dorn in ihrer festlichen Ansprache den mehr als 150 Zuhörern, die sich auf dem Marktplatz versammelt hatten. Die 48-Jährige nannte auch Beispiele von Dingen, die heutzutage als typisch deutsch gelten, es vor einigen Jahren aber nicht waren. Der Nationalsport Fußball etwa, sei in Deutschland lange Zeit bespöttelt worden. „Wer behauptet zu wissen, was deutsch ist, der irrt.“ Denn die Kultur sei nichts starres, sie habe sich in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten massiv verändert. Solche Prozesse brauchten Zeit, genauso wie Offenheit und Neugier.

Manche Menschen hielten es gar für absurd und lächerlich, den Begriff „deutsch“ überhaupt definieren zu wollen. Wiederum andere, zu denen sich die Schriftstellerin selbst zählt, hätten sofort ein Bild vor Augen, eine Melodie im Kopf, vielleicht den Geschmack von Schwarzbrot mit Leberwurst auf der Zunge, wenn sie an ihr Heimatland denken. „Diese beiden Seiten stehen einander unversöhnt und zunehmend aggressiv gegenüber“, sagte Dorn. Auch habe sie mit Schrecken festgestellt, dass sich viele Menschen von Hass und Angst leiten ließen. Das sei der falsche Weg. „Hass ist wie Säure, die sich durch den Menschen frisst“, sagte die Schriftstellerin. Man dürfe ihn nicht salonfähig machen. „Es gibt keine Beispiele in der Geschichte, wo daraus etwas produktives entstanden wäre.“ Genauso sei es mit der Angst, die die Menschen lähme – „vor allem dann, wenn man sich damit allein fühlt“.

Das einzige dagegen sei die Solidarität und dass man für die Werte der Demokratie einsteht. „In der Weimarer Zeit hatte Deutschland die erste Chance, in der Demokratie anzukommen.“ Diese sei schmählich verspielt worden. „Es gab zu wenige Bürger, die mit Leidenschaft die Republik und die freiheitlichen Werte verteidigt haben“, mahnte Dorn an. Nun sei uns eine zweite Chance gegeben worden. Die müsse man nutzen, denn eine dritte werde es wohl nicht geben.

Dem Osten gegenüber zu lange ignorant gewesen

Die deutsche Einheit aber existiere nur auf dem Papier – „in unseren Herzen und Köpfen nicht“. Das hätten die Vorkommnisse der vergangenen Wochen in Chemnitz bewiesen. Die 48-Jährige sieht als Grund dafür, dass es nach der Wende versäumt wurde, offen aufeinander zuzugehen. „Was wäre gewesen, wenn wir neugieriger gewesen wären auf das, was die ostdeutschen Bürger in den 40 Jahren zuvor erlebt haben“, fragte sie in die Runde. Man sei dem Osten gegenüber zu lange zu ignorant gewesen. „Ich habe Verständnis dafür, dass das Zorn und Wut erweckt“, sagte Dorn. „Man darf auch zornig sein. Aber man darf diese Zorngäule nicht mit sich durchgehen lassen“, sagte sie und forderte: „Wir müssen die Zuversicht behalten.“ Der verschmähte Satz der Bundeskanzlerin Angela Merkel – „Wir schaffen das“ – sei eine sehr deutsche Haltung. Dass es in Deutschland Probleme gebe, stehe außer Frage. Diese anzusprechen und Kritik zu äußern sei eines jeden Recht. Doch es habe schon immer in Deutschland den Glauben gegeben, „dass wir mit unseren Problemen zurecht kommen“. Die Zerfallsprozesse in unserer Gesellschaft könnten aufgehalten werden, ist Thea Dorn überzeugt, „wenn wir es wollen“.

Für ihre Rede wurde Dorn mit kräftigem Applaus gewürdigt, ehe die Veranstaltung mit der deutschen Nationalhymne, gespielt vom Städtischen Blasorchester sowie den Turmbläsern, ausklang.

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Erstellt:
4. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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