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Wo spielt die Musik an den Schulen im Südwesten?

dpa/lsw Stuttgart/Karlsruhe. Es ist immer das alte Lied: Singen und musizieren ist ja so wichtig, finden Bildungspolitiker. Trotzdem kommt der Musikunterricht oft zu kurz. Vor allem an Grundschulen ist der Mangel groß.

Schüler des Melanchthon-Gymnasium, aufgenommen bei einer Probe des Kammerorchesters an der Schule. Foto: Uli Deck/dpa/Archivbild

Schüler des Melanchthon-Gymnasium, aufgenommen bei einer Probe des Kammerorchesters an der Schule. Foto: Uli Deck/dpa/Archivbild

Mehr Musik? Auf jeden Fall, da sind sich immer alle einig. Nur fehlt es vielerorts genau daran. Es mangelt vor allem in Grundschulen an Musiklehrern; auch ist die Zahl der Orchester und Ensembles an Baden-Württembergs Schulen in den vergangenen Jahren deutlich gesunken. Wirft das auch ein Schlaglicht auf die Lage des Musikunterrichts im Land?

Einer Auflistung des Kultusministeriums zufolge gab es im Land im Schuljahr 2018/19 knapp 3000 Orchester. Im Jahr davor waren es noch 3775. Betrachtet man die verschiedenen Schularten, so ist der Schwund besonders an den rund 377 Gymnasien im Land erheblich: Von rund 1030 Ensembles sind nach den jüngsten Zahlen 852 verblieben.

Vermutlich seien in die Statistik unter anderem auch Bands oder temporär oder projektbezogenen Ensembles mit eingeflossen, sagt Tilman Heiland, Präsident des BMU-Landesverbandes Baden-Württemberg. Das würde die Schwankungen erklären. Der Bundesverband Musikunterricht (BMU) und der Deutsche Musikrat beobachten jedoch auch bundesweit einen Orchesterschwund.

Spezialschulen und Musikgymnasien sind laut BMU-Präsident Jürgen Oberschmidt zwar gut ausgestattet, doch fehle es an der Breite. Das zeige auch die Resonanz für die Bundesbegegnung „Schulen musizieren“. Der Wettbewerb „Jugend musiziert“ verzeichne zudem einen deutlichen Rückgang der Teilnehmer, sagt Oberschmidt, der auch als Professor für Musikpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg lehrt.

Das Stiefkind Musik bemüht sich laut Oberschmidt vor allem an den Grundschulen vergeblich um Aufmerksamkeit. „Dort findet der Musikunterricht meist nicht statt, weil keine ausgebildeten Lehrer vorhanden sind und auch kein ausreichendes Bewusstsein für die Notwendigkeit eines qualifizierten Fachunterrichts besteht“, sagt er. Und „wo keine Lehrkraft ist, kann auch kein Ensemble geleitet werden“, ergänzt Heiland.

An den Haupt- und Realschulen im Südwesten sei die Situation ähnlich schwierig und die Versorgung mit Musiklehrern nur an Gymnasien ausreichend. In den Grundschulen sei der eklatante Mangel an Musiklehrern durch den Fächerverbund „Mensch, Natur und Kultur“ entstanden und kaschiert worden. Das Fach Musik kam zwischen 2004 und 2016 nicht mehr eigenständig vor und ging in dem Fächerverbund auf.

Musik spiele „in all ihren Facetten eine unersetzbare Rolle an den Schulen in Baden-Württemberg“, betonte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU). „Sei es im Fach Musik oder bei Arbeitsgemeinschaften wie den Schulorchestern oder Schulchören.“ Auch die Unterstützung musikalischen Nachwuchses habe eine hohe Bedeutung: Für die Musikschulen im Land sei die Förderung nun dauerhaft erhöht worden auf 24,1 beziehungsweise 24,4 Millionen Euro in den Jahren 2020 und 2021.

Wieviel Musikunterricht im Südwesten ausfällt und wieviele Musiklehrer fehlen, konnte das Kultusministerium nicht sagen. Der Ausfall von Schulstunden werde nicht fachbezogen erhoben, sagte eine Ministeriumssprecherin. Im Südwesten seien aktuell rund 6100 Musiklehrer eingesetzt. Einen direkten Zusammenhang zwischen Musiklehrermangel und Schulorchesterschwund gebe es nicht. Zu sehr seien Orchester von der Lehrkraft und damit vom Einzelfall abhängig.

Um das seit Jahren virulente Thema erneut ins Bewusstsein zu rücken, wird der Deutsche Musikrat gemeinsam mit der Konferenz der Landesmusikräte und der Bertelsmann-Stiftung eine Studie zur Situation an den Grundschulen veröffentlichen, erklärt Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates.

Die Daten dafür zusammenzutragen war allerdings höchst mühsam. Die Kultusministerien seien nicht sehr kooperativ gewesen, heißt es aus Kreisen der Beteiligten. Die Studie soll am 12. März veröffentlicht werden. „Da wird genau das herauskommen, was wir eigentlich immer schon wussten“, sagt Oberschmidt. Der Deutsche Musikrat etwa hatte immer wieder von bis zu 80 Prozent Ausfall von Musikunterricht gesprochen.

Auch G8 und vermehrter Nachmittagsunterricht könnten beim Rückgang von Musik-AGs eine Rolle spielen, mutmaßen Heiland oder auch Musiklehrer Robert Gervasi. Dieser betreut am Melanchthon-Gymnasium in Bretten (Kreis Karlsruhe) eines von gleich drei Orchestern, sein Kollege Andreas Sekulla leitet seit elf Jahren dort das „Kammerorchester“. Das Gymnasium hat auch einen Musikzug. Hier herrschen laut Sekulla „paradiesische Bedingungen“.

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Erstellt:
7. März 2020, 10:07 Uhr

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