Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Wohnraumknappheit beschäftigt die Kommunen

Der Rems-Murr-Kreis benötigt in den nächsten Jahren 5000 Wohnungen zu erschwinglichen Preisen – Zahlreiche Akteure tauschen sich aus

Der Wohnungsmarkt ist angespannt. Und die Lage spitzt sich weiter zu. Denn es werden nach wie vor viel zu wenige Wohnungen gebaut. Der Landkreis und die Kreisbau-Gruppe haben am Freitag zum ersten Wohnungsbaugipfel Rems-Murr eingeladen, um Wege aus dem Wohnraummangel zu suchen. Angesprochen sind Städte und Gemeinden, private und öffentliche Investoren, aber auch Firmen, die Werkswohnungen für ihre Mitarbeiter bauen könnten.

An der Mühlstraße entstehen derzeit 42 bezahlbare Mietwohnungen. Es ist das größte Projekt der Städtischen Wohnbau Backnang. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

An der Mühlstraße entstehen derzeit 42 bezahlbare Mietwohnungen. Es ist das größte Projekt der Städtischen Wohnbau Backnang. Foto: A. Becher

Von Martin Winterling

SCHORNDORF. Ein Gipfel schafft noch keine einzige Wohnung. Landrat Richard Sigel betrachtete den Gipfel in der gut gefüllten Barbara-Künkelin-Halle in Schorndorf eher als ein Netzwerktreffen all derer, die in Zukunft ihren Beitrag leisten könnten und sollten, Tausende dringend benötigte Wohnungen zu bauen. Der Rems-Murr-Kreis habe mit seiner Absicht und seinen Geldern den Aufschlag gemacht: Die Kreisbau-Gruppe wird bis 2028 rund 500 bezahlbare Wohnungen bauen.

Angesichts des Bedarfs von 5000 solcher Wohnungen in den nächsten zehn Jahren sei das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, räumte Sigel ein. Der Kreis wolle aber Vorbild für andere Akteure sein. So kündigte der Schorndorfer Oberbürgermeister Matthias Klopfer an, dass die wachsende Stadt in diesem Zeitraum ebenfalls 500 kommunale Wohnungen schaffen werde. Der ganztägige Wohnraumgipfel mit mehr als einem Dutzend Vorträgen, einer Podiumsdiskussion und drei Arbeitsgruppen gab Schlaglichter auf die Lage auf dem Wohnungsmarkt zwischen Rems und Murr, stellte Herausforderungen heraus und zeigte ein paar Lösungswege.

Unbebaute Areale sollen höher besteuert werden

Der Rems-Murr-Kreis ist für Andreas Schwarz tatsächlich ein Vorbild. Der Landkreis habe den Wohnraummangel zumindest angepackt, sagte der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag. Er nannte die geplanten 500 Sozialwohnungen der Kreisbau „einen Leuchtturm“, an dem sich andere Kreise orientieren könnten. Für Schwarz schließen sich Quantität und Qualität beim Wohnbau nicht grundsätzlich aus, obwohl es natürlich Zielkonflikte gebe. Die Innenentwicklung in den Kommunen müsse im Sinn des Klimaschutzes und der Lebensqualität Vorrang vor neuen Baugebieten haben. „Fläche lässt sich nicht einfach vermehren.“ Das heißt für Schwarz konkret, dass in den Städten mehr in die Höhe gebaut werden muss. Um bau- und verkaufsunwillige Grundstücksbesitzer im Innenbereich zum Verkauf zu animieren, wolle die Landesregierung den Kommunen eine „Grundsteuer C“ an die Hand geben, die unbebaute Areale höher besteuert.

Auf teuren Grundstücken sind schlicht keine bezahlbaren Wohnungen möglich. Die Grundstückspreise machen beim Neubau einen erheblichen Teil der Kosten aus, rechnete Iris Beuerle, Direktorin des Verbands der baden-württembergischen Wohnungs- und Immobilienunternehmen, vor. Ihr Appell an die Rathäuser lautet deshalb, die Grundstücke nicht nur gegen das Höchstgebot abzugeben. Sonst ziehen Genossenschaften den Kürzeren und können keine Wohnungen zu bezahlbaren Konditionen errichten.

Aber auch der Klimaschutz verteure den Wohnungsbau, weshalb Beuerle „Fridays for Wohnraum“ vorschlug, um nachzurechnen, wie teuer auch der Klimaschutz sein dürfe. Nirgends seien mit durchschnittlich 6,60 Euro je Quadratmeter die Mieten so günstig wie bei Baugenossenschaften und kommunalen Wohnungsunternehmen. Die örtliche Vergleichsmiete liege bei rund zehn Euro, die Angebotsmieten auf dem freien Markt jenseits der zwölf Euro. Seit Jahrzehnten gehe der Bestand an Sozialwohnungen zurück. Der Anteil am Wohnungsbestand von Genossenschaften und kommunalen Unternehmen liegt heute bei rund zehn Prozent. Für immer mehr Menschen steigt das Armutsrisiko, weil sie sich die hohen Mieten nicht mehr leisten können.

Vielerorts verbinden Städte und Gemeinden die Baugenehmigung für ein Wohnhaus mit einer Quote für Sozialwohnungen. Der Landesverband Freier Wohnungs- und Immobilienunternehmen lehnt wenig überraschend die Quote mit dem Argument ab, dass die Mehrkosten schließlich von den Käufern der anderen Eigentumswohnungen bezahlt werden müssten. „Kein Privater muss in den Wohnungsbau investieren“, drohte Gerald Lipka in seinem Vortrag „Bezahlbarer Mietwohnungsbau durch Bauträger eine Utopie?“, weil Quoten Wohnbau verteuern oder gar verhindern.

Ein Bürgermeister hat es auch nicht leicht. Thomas Bernlöhr kann ein Lied davon singen, auf welche Widerstände sein Gemeinderat in Welzheim stößt, wenn die Stadt Verdichtungen im Innenbereich plant. Bauleitplanung sei „kein Gewinnerthema mehr“, stellte Bernlöhr in seinem Vortrag „Flächen ausweisen – aber wo?“ ernüchtert fest. Die Kommunen müssten sich gleichwohl der Herausforderung stellen, mehr Wohnraum zu schaffen. Denn die Alternative seien noch verstopftere Straßen, noch mehr Abgase und noch überfülltere Züge, wenn die Menschen zum Pendeln aus immer weiteren Gegenden gezwungen seien. „Es ist in unserem eigenen Interesse, Verkehrswege gering zu halten.“

Info
Keine Entspannung

Von erschwinglichem Wohnraum kann gesprochen werden, wenn nicht mehr als 30 Prozent des Haushaltseinkommens für die Miete draufgehen, sagte Dirk Braune, Geschäftsführer der Kreisbaugesellschaft Waiblingen.

Zu hohe Mieten und Immobilienpreise in der Region Stuttgart und im Landkreis belasten den Standort, sagte IHK-Bezirkskammerpräsident Claus Paal. Er regte an, dass Unternehmen sich Gedanken über den Bau von Werkswohnungen für ihre Mitarbeiter machen sollten.

Eine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt ist nicht zu erwarten, sagte Timo Heyn vom Forschungs- und Beratungsinstitut Empirica AG. Im Gegenteil. Seit 2010 geht die Schere zwischen Angebot und Nachfrage auf. Während die Bevölkerung wuchs und vor allem die Zahl der Haushalte stetig ansteigt, wurden und werden viel zu wenige Wohnungen gebaut.

Zum Artikel

Erstellt:
28. September 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!
Mit sozialpädagogischen Methoden ist Sonja Großhans in Sachen Demokratieförderung unterwegs. Symbolfoto: Gesicht zeigen!
Top

Stadt & Kreis

Spielerisch Demokratie lernen

Fachstelle Derex im Kreis baut auf sozialpädagogische Ansätze – Jugendliche machen praktische Erfahrungen mit Freiheitswerten