Wonnemar in schwierigem Fahrwasser

Das Erlebnisbad Backnang versucht mit einem Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung die Coronakrise zu meistern. Das Bad bleibt wie bisher geöffnet, für die Besucher ergeben sich keine Einschränkungen. Die Gehälter der 70 Mitarbeiter sind gesichert.

Wenige Gäste bedeuten weniger Einnahmen. Das Erlebnisbad hat an der Coronakrise kräftig zu knabbern. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Wenige Gäste bedeuten weniger Einnahmen. Das Erlebnisbad hat an der Coronakrise kräftig zu knabbern. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Das Backnanger Wonnemar hat ein Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung eingeleitet, um den Betrieb trotz der erheblichen Verluste des Frühjahrs fortführen zu können. Das spezielle Verfahren hat laut einer Pressemitteilung der Interspa-Gruppe keine negativen Folgen auf den Betrieb des Erlebnisbads. Das Bad bleibt während des Sanierungsprozesses wie gewohnt geöffnet. Für die Besucher ergeben sich im Betrieb keinerlei Einschränkungen. Die rund 70 Mitarbeiter des Bads wurden bereits über den Stand der Dinge und die weiteren Schritte unterrichtet. Ihre Löhne und Gehälter sind für drei Monate über die Bundesagentur für Arbeit gesichert. Entlassungen soll es laut Geschäftsführung keine geben.

Dass es einem Erlebnisbad in diesen Zeiten wirtschaftlich nicht gut gehen kann, das liegt auf der Hand. Trotzdem kommt die Insolvenz auch für die Stadtverwaltung überraschend. Erster Bürgermeister Siegfried Janocha erklärte gestern: „Wir haben auch erst heute Morgen davon erfahren.“ Eigentlich hat die Backnanger Badverwaltung keine wirtschaftlichen Fehler begannen. Deshalb wurde auch nicht das übliche Verfahren angewandt, bei dem ein Insolvenzverwalter die unternehmerische Verantwortung übernimmt. Vielmehr bleibt bei der gewählten Variante die Verantwortung während des Sanierungsverfahrens weiterhin in den Händen des Unternehmens selbst. Deshalb der Zusatz „Eigenverwaltung“. Es gibt auch keinen Insolvenzverwalter, sondern einen „Sachwalter“. Diese Aufgabe übernimmt der Stuttgarter Sanierungsexperten Jochen Sedlitz. Er macht sich derzeit ein Bild von der Lage und hat bereits für Montag zu einer Betriebsversammlung eingeladen.

Die Eigenverwaltung ist ein gesetzlich geregeltes Sanierungsinstrument, das nur Unternehmen offen steht, die rechtzeitig ihre Probleme erkennen und bei denen es genügend Spielraum für eine Lösung gibt. Deshalb darf – im Unterschied zu einem normalen Insolvenzverfahren – bei der Eigenverwaltung die Geschäftsführung weiter im Amt bleiben, und die Sanierung selbst steuern.

Operativ gesund ist das Wonnemar unter anderem auch deshalb, weil die Stadt Backnang laut Janocha „ein partnerschaftliches Verhältnis“ zu dem Betrieb pflegt. Das heißt: Als sich abzeichnete, dass dieses Jahr ein schweres Jahr werden würde, hat die Stadt „die Nöte des Unternehmens gesehen“, so Janocha. Zur Erinnerung: Im Frühjahr musste das Bad während des coronabedingten „Shutdowns“ dreieinhalb Monate schließen und hatte erhebliche Verluste erlitten. „Wir haben inzwischen viele Maßnahmen getroffen, um den Betrieb zu optimieren.“ So wurden beispielsweise ein Teil der Energie- und Instandhaltungskosten übernommen und das Entgelt für die Nutzung durch Gruppen angepasst. Für Janocha ist klar, dass der Standort spätestens durch den jetzt eingeleiteten, unangenehmen Schritt gesichert ist. „Ich denke, wir finden eine Lösung.“ Wenn es jedoch zum Äußersten käme, „dann müsste die städtische Bädergesellschaft den Betrieb übernehmen“.

Ricardo Haas, der als Centermanager die Backnanger Einrichtung leitet, stöhnt seit Langem unter der Coronapandemie. Erst unter der völligen Schließung des Bads, und aktuell unter der Limitierung der Gäste. „Wir alle warten sehnsüchtig auf weitere Lockerungen, damit wieder ein paar Menschen mehr zu uns kommen können.“ Die geringe Anzahl an Besuchern, die zurzeit möglich sind, kann den Centermanager natürlich nicht zufriedenstellen. „Das fast leere Bad stimmt einen traurig.“ Den Besuchern verspricht er: „Wir haben uns schon immer zu 100 Prozent reingekniet und werden es auch künftig machen. Aber wir brauchen Lockerungen, sonst wird’s schwer für uns.“

Interspa-Pressesprecher Sebastian Glaser erklärte gestern: „Zum derzeitigen Zeitpunkt sind keine Entlassungen geplant.“ Von der Insolvenz sind auch alle anderen Pfeiler der Interspa-Gruppe betroffen. Auslöser der finanziellen Probleme war nicht allein die Coronakrise, sondern auch das Wonnemar-Erlebnisbad im bayrischen Ingolstadt. Laut Glaser läuft dort die Generalsanierung alles andere als optimal, er spricht „von vielen ungeklärten Fragen“. Die Interspa-Gruppe hatte sich während der Arbeiten von ihrem Generalunternehmer getrennt. Die einst für Weihnachten 2019 geplante Wiedereröffnung musste verschoben werden, das Bad ist heute noch geschlossen.

Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung

Bei einem Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung handelt es sich um ein klar strukturiertes Verfahren, mit dem sich Unternehmen binnen weniger Monate grundlegend restrukturieren und sanieren können.

Die Betriebsgesellschaft Interspa wendet damit ein speziell im deutschen Recht vorgesehenes Sanierungsinstrument an, das die Umstrukturierung von Unternehmen erleichtern und beschleunigen soll, die zwar finanziell unter Druck stehen, aber operativ gesund sind.

Die unternehmerische Verantwortung bleibt während des Sanierungsverfahrens weiterhin in den Händen des Unternehmens selbst („Eigenverwaltung“). Entsprechend gibt es auch keinen Insolvenzverwalter, sondern lediglich einen gerichtlich bestellten „Sachwalter“, der ähnlich wie ein Aufsichtsrat das Verfahren im Interesse der Gläubiger überwacht. Zum vorläufigen Sachwalter bestellte das zuständige Gericht den Stuttgarter Sanierungsexperten Jochen Sedlitz von der Kanzlei Menold Bezler. Der Sanierungsprozess und das Eigenverwaltungsverfahren sollen bereits im ersten Halbjahr des kommenden Jahres abgeschlossen werden.

Der Umsatz des Erlebnisbads Wonnemar Backnang betrug im Vorjahr 3,11 Millionen Euro. Es gehört zur Interspa-Gruppe, die deutschlandweit sechs Familien- und Erlebnisbäder und Thermen sowie ein Vier-Sterne-Hotel betreibt. Insgesamt beschäftigt die Gruppe rund 600 Mitarbeiter. Von der Insolvenz sind die Betriebsgesellschaften aller Bäder betroffen, wobei im Ingolstadter Fall die Eigenverwaltung nicht gewährt wurde. Die Besitzgesellschaft des Backnanger Bads ist nicht von der Eigenverwaltung betroffen.

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Erstellt:
24. September 2020, 15:24 Uhr

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