Holocaust-Gedenken

Woran wir uns erinnern sollten

Langer Schatten der Geschichte: Was dem Holocaust vorausging, ist wieder salonfähig, kommentiert unser Autor Armin Käfer.

Die Kinder von Auschwitz.

© picture alliance / dpa

Die Kinder von Auschwitz.

Von Armin Käfer

Es ist modern geworden, sich über das „Gedenktheater“ zu mokieren, das alljährlich an die schlimmsten Verbrechen der Menschheit erinnern soll. Am Mittwoch spricht dazu Tova Friedman im Deutschen Bundestag, die als Kind die Hölle von Auschwitz überlebt hat. Sie ist eine der letzten Zeitzeuginnen. Das „Gedenktheater“ wird nicht bleiben, wie es war, weil Menschen wie sie uns bald nicht mehr authentisch erzählen können, was ihnen damals widerfahren ist.

Doch der Holocaust verschwindet deshalb nicht aus der Geschichte. Die Erinnerung daran darf niemals verblassen – und nicht zum bloßen Ritual erstarren. Wer sich nicht erinnert, vergisst, was geschehen ist und warum es geschehen konnte. Er wird geschichtsblind. Dazu trägt vielerlei bei. Erstens: die Tendenz, Geschichtsunterricht von den Stundenplänen zu verdrängen. Zweitens: die wachsende Anzahl von Mitmenschen, die wegen ihrer Herkunft blind für die wunden Punkte unserer Geschichte sind und dafür nicht sensibilisiert werden. Und drittens: die Neigung, unsere Geschichte heroisch umzudeuten, wozu eine von Rechtsextremisten infiltrierte Partei tendiert, die sich wachsender Beliebtheit erfreut. Der prominenteste Maulheld aus ihren Reihen propagierte schon vor Jahren eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.

Wie der Holocaust begann

Das käme denen zupass, die den Blick gerne abwenden würden von der Frage, wie es zum Holocaust kommen konnte. Der Holocaust hat nicht erst im Konzentrationslager in Auschwitz begonnen. Er begann mit der Unkultur, Menschen nach Rassen und verschiedener Wertigkeit zu sortieren, Unschuldige als Sündenböcke für allfällige Krisen zu bezichtigen, die Würde anderer mit (gestiefelten) Füßen zu treten. Er begann mit dem Maulheldentum jener, die der Propagandist einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ so gerne zitiert.

Der Holocaust begann damit, dass Juden verachtet, diskriminiert, belästigt, beleidigt und misshandelt wurden, nur weil sie Juden sind. So weit sind wir längst wieder. Davon zeugen die Toten bei dem Attentat an Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, vor einer Synagoge in Manchester und die Opfer des Massakers an Chanukka in Sydney. Davon können aber auch Juden berichten, die in Deutschland auf offener Straße attackiert werden, nur weil sie eine Kippa oder einen Davidstern tragen – die Zielpersonen einer Rekordzahl an antisemitischen Übergriffen, welche die Polizei registriert.

„Sej a Mensch!“

Der Antisemitismus, mag er vorgestrigem Denken oder importiertem Hass entsprießen, ist niemals verstummt und heute allgegenwärtig. Er ist nicht nur ein globales Phänomen, sondern auch ideologisch ein nahezu universelles. Er hat zahlreiche Wurzeln und viele Deckmäntelchen. Die Dämonisierung Israels seit Beginn des Gazakriegs ist eine der Methoden, derer er sich bedient.

Vor einem Jahr sprach der ehemalige Sportreporter Marcel Reif zum Gedenken an den Holocaust im Bundestag. Am Ende seiner Rede zitierte er das Vermächtnis seines Vaters, eines polnischen Juden, der den Holocaust nur aufgrund eines glücklichen Zufalls überlebt hat: „Sej a Mensch!“ Der jiddische Satz ist ein Appell, an den es sich ewig zu erinnern lohnt.

Ihn sollten jene in Israel bedenken, die einen Krieg eskalieren lassen, dem nun schon tausende Unschuldiger zum Opfer gefallen sind. Aber auch jene, deretwegen Synagogen, jüdische Kindergärten und Schulen in Deutschland von der Polizei bewacht werden müssen – sowie jene, die dabei lieber wegsehen. Und nicht zuletzt ist er eine Mahnung an jene historischen Ignoranten, die Juden gerne „from the River to the Sea“ aus dem Weg räumen würden.

Zum Artikel

Erstellt:
27. Januar 2026, 17:58 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen