Wünsche an das Christkind aus dem Jahr 1936

Judith Scherpinski nutzt die Nachmittage ohne lange Besuche, Seniorennachmittage und Veranstaltungen, um sich an alte Zeiten zu erinnern. Zum Beispiel an Weihnachten im Jahr 1936. Ihren Wunschzettel an das Christkind hat die 89-Jährige auch heute noch.

Judith Scherpinski mit ihrem Wunschzettel an das Christkind. Mit fünf Jahren hat sie diesen geschrieben und für 84 Jahre aufbewahrt. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Judith Scherpinski mit ihrem Wunschzettel an das Christkind. Mit fünf Jahren hat sie diesen geschrieben und für 84 Jahre aufbewahrt. Foto: A. Becher

Von Kristin Doberer

WEISSACH AM TAL. Das Stück Papier ist schon etwas vergilbt, die Buchstaben sind leicht verblichen und die altdeutsche Schrift ist kaum zu entziffern. Aber das ist kein Wunder, schließlich ist der Brief, den Judith Scherpinski in den Händen hält, auch schon 84 Jahre alt. Im Jahr 1936 hat sie einen Wunschzettel an das Christkind geschickt und aufgeschrieben, was sie sich zu Weihnachten wünscht – mit der Hilfe ihres älteren Bruders, schließlich war sie zu dem Zeitpunkt erst fünf Jahre alt. „Liebes Christkind“, steht da. „Ich wünsche mir: fürs Puppenstübchen neue Möbel, ein Klavier, Strickstrümpfe und einen bunten Teller.“

Den Wunschzettel hat die 89-Jährige mit anderen Briefen und Dokumenten jahrelang in ihrem Poesiealbum aufgehoben. Wenn sie ihn nun in die Hand nimmt, sind die Erinnerungen an das Weihnachtsfest im Jahr 1936 aber immer noch glasklar. „Die Puppenstube bekam neue Möbel und die Strickstrümpfe von der Oma, die immer jucken, gab es auch.“ Sogar ein kleines Klavier war dabei und der bunte Teller. „Mit Äpfeln, Nüssen, Marzipankartoffeln und zwei Apfelsinen“, erinnert sich Scherpinski. Auch der Ablauf des Weihnachtsfests ist ihr noch klar vor Augen. „Wir haben natürlich noch an das Christkind geglaubt, aber trotzdem überall nach den Geschenken gesucht. Aber erst um 18 Uhr, wenn die Glocke bimmelte, durften wir in die gute Stube.“ Die Geschenke gab es dann aber nicht sofort. Zuerst mussten die Kinder noch ein Gedicht aufsagen. Scherpinski hat eines von ihrem Bruder beigebracht bekommen, „mit sehr viel Mühe, glaube ich“. Geboren und aufgewachsen ist sie in Berlin, erst vor etwa sieben Jahren ist sie nach Weissach im Tal gezogen, um näher bei ihrer Tochter zu leben.

Viele Erinnerungen aus der Kindheit kommen erst in den letzten Jahren wieder auf. Seit sie Zeit zum Nachdenken hat, ihre Enkel danach fragen und sie sich auch die Zeit nimmt, diese Geschichten aufzuschreiben. „Solche Erinnerungen sind mir viel wert“, sagt die Weissacherin.

Vor allem mit Blick auf die aktuelle Situation. Wenn sie nämlich die Diskussionen um Ausgangsbeschränkungen und geschlossene Bars und Discos hört, denkt sie oft an ihre Jugend in Berlin zurück, an die schwierige Zeit des Zweiten Weltkriegs und die Nachkriegszeit. „Wir waren auch jung und wollten tanzen gehen. Aber das konnten wir damals eben nicht.“ Auch denkt sie viel an ihre Mutter, die nach dem Krieg im zerstörten Berlin täglich „Steine kloppen“ musste, oder an das Jahr 1945, in dem es gar keine Schule gab und sie für kurze Ausflüge in den Garten einen Topf zum Schutz aufsetzen musste. „Es geht heute doch allen sehr gut, die Leute frieren nicht und verhungern nicht. Ich verstehe diese Unzufriedenheit nicht ganz.“

Sie hat das Gefühl, dass viele Menschen sehr egoistisch mit der Pandemie umgehen. Sie selbst – mit 89 gehört sie schließlich zur Risikogruppe – tut viel, um eine Infektion zu vermeiden und ihre Kontakte einzuschränken. Die Nachmittage im Seniorenclub vermisst die Rentnerin aber doch. Noch lebt sie alleine, versorgt sich selbst und kümmert sich um ihren Haushalt. Doch seit es keine Veranstaltungen mehr gibt, langweilt sie sich häufig. „Ich höre dann alte Schallplatten, schreibe Karten oder eben Gedanken und Erinnerungen an früher auf, um die Einsamkeit zu überbrücken“, sagt Scherpinski. Und auch wenn sie nicht glaubt, dass die Pandemie von heute auf morgen wieder vorbei ist, will sie auf das Beste hoffen. Und ihre positive Einstellung will sie auch in ihren Briefen und Gesprächen weitergeben. „Gerade jetzt sage ich immer wieder: Lasst den Kopf nicht hängen, das geht alles vorbei.“

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Erstellt:
24. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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