Neuverfilmung des Klassikers

Wuthering Heights: Was zur Hölle geht eigentlich ab?

Emily Brontës Roman ist ein schonungsloses Protokoll aus Hass, Machtspielen und emotionaler Verwüstung. Zum Kinostart von Emerald Fennells „Wuthering Heights“ zeigt ein Social-Media-Thread, warum Leser seit Generationen verstört zurückbleiben.

Emerald Fennells Neuverfilmung von "Sturmhöhe" dürfte ähnlich provozieren wie ihre vorherigen Filme.

© IMAGO / Landmark Media

Emerald Fennells Neuverfilmung von "Sturmhöhe" dürfte ähnlich provozieren wie ihre vorherigen Filme.

Von Katrin Jokic

Kaum ein Roman wird so hartnäckig missverstanden wie „Wuthering Heights“ – auf Deutsch meist brav als „Sturmhöhe“ verkauft. In vielen Köpfen ist das Buch bis heute eine große, düstere Liebesgeschichte. Leidenschaftlich, tragisch, irgendwie romantisch. Problem: Das stimmt schlicht nicht.

Passend dazu geht diese Woche der neue Film „Wuthering Heights“ von Emerald Fennell in die Kinos, mit Margot Robbie und Jacob Elordi in den Hauptrollen. Im Trailer zum Kinofilm heißt es allerdings auch, der Film sei inspiriert von einer der größten Liebesgeschichten aller Zeiten.

Fennell, die bereits mit „Promising Young Woman“ und „Saltburn“ bewiesen hat, dass sie keine Angst vor unbequemen Figuren und toxischen Dynamiken hat, setzt jedoch demonstrativ Anführungszeichen um den Titel. Ihre Begründung: Sie verfilmt nicht den Roman, sondern eine Version davon.

Wer verstehen will, warum das sinnvoll ist, muss sich nur einen Blick auf Leserreaktionen werfen, etwa auf einen Reddit-Thread, der vor zwei Jahren viral ging und sinngemäß fragte: „Wuthering Heights: Was zur Hölle geht hier eigentlich ab?“

Jeder hasst jeden

Der ursprüngliche Post liest sich wie ein verzweifelter Hilferuf: Drei Viertel des Romans gelesen, nichts verstanden, außer dass wirklich jeder jeden hasst. Männer hassen Männer, Frauen hassen Männer (inklusive ihrer eigenen Ehemänner), Dienstboten hassen Babys, und ausgerechnet Heathcliff, der vermeintliche romantische Held, wird von allen verachtet – warum auch immer.

Die kurze Antwort: Weil das der Punkt ist.

Ein Kommentar bringt es auf den Punkt: „Wuthering Heights“ sei ein Roman über emotional unreife, moralisch bankrotte Menschen, die alle glauben, sie seien die Hauptfigur ihres eigenen epischen Lebens. Sie fühlen sich zu Großem bestimmt, halten sich für unsterblich, glauben an „wahre Liebe“, an verdientes Leid, an das große Happy End.

Und sie liegen fast alle falsch.

Es gibt in diesem Buch keine Identifikationsfigur, keinen sicheren moralischen Hafen. Leserinnen und Leser suchen verzweifelt nach jemandem, dem man die Daumen drücken kann – und werden immer wieder enttäuscht. Stattdessen sabotieren, manipulieren, verletzen und zerstören sich die Figuren gegenseitig mit bemerkenswerter Konsequenz.

Keine Liebesgeschichte, sondern eine Warnung

Besonders hartnäckig hält sich der Mythos, Sturmhöhe sei eine „schöne Liebesgeschichte“. In den Kommentaren herrscht dazu fast schon Sorge: Manche schreiben, sie hätten regelrecht Angst um Menschen, die Heathcliff und Catherine für ein romantisches Ideal halten.

Denn was hier als Liebe verkauft wird, ist in Wahrheit Besitzdenken, Abhängigkeit, Egoismus und Gewalt. Catherine liebt Heathcliff, entscheidet sich aber bewusst gegen ihn, weil er sozial nicht „passt“. Heathcliff liebt Catherine und ruiniert systematisch das Leben aller anderen, als er sie nicht bekommen kann. Das ist keine große Romance, sondern eine toxische Eskalationsspirale.

Ein treffender Vergleich aus dem Thread: „Wuthering Heights“ sei eher eine Warnung als eine Anleitung. Eine Geschichte darüber, wie Liebe aussieht, wenn sie komplett entgleist.

Heathcliff ist kein missverstandener Traumtyp

Ein weiterer Dauerstreitpunkt: Heathcliff. Warum wird er so gehasst? Einige Leser weisen darauf hin, dass bereits seine Herkunft ihn zum Außenseiter macht. Er wird als Findelkind eingeführt, vermutlich als unehelicher Sohn des Hausherrn, zudem meist als dunkelhäutig interpretiert. In einer streng hierarchischen Gesellschaft reicht das für lebenslange Ausgrenzung. Dass Jacob Elordi für die Rolle gecastet wurde, sorgte daher bereits 2024 für Empörung.

Aber: Das erklärt sein Verhalten. Es entschuldigt es nicht.

Heathcliff wird nicht nur Opfer, sondern Täter. Er wird grausam, rachsüchtig, obsessiv. Als ihm Catherine entgleitet, entscheidet er sich nicht für Selbstreflexion, sondern für Vergeltung.

Warum das alles perfekt zu Emerald Fennell passt

Vor diesem Hintergrund wirkt Emerald Fennell fast wie eine logische Wahl. Sie hat ein Faible für kaputte Menschen, für Machtspiele, für Figuren, die sich selbst rechtfertigen, während sie anderen schaden. „Promising Young Woman „Saltburn“ lebten genau von dieser Reibung – und von der Diskussion danach.

Dass sie „Wuthering Heights“ nicht als klassische Literaturverfilmung, sondern als bewusste Neuinterpretation versteht, passt zum Stoff. Emily Brontë hat keinen romantischen Wohlfühlroman geschrieben. Sie hat ein düsteres, unbequemes Buch über Menschen verfasst, die sich selbst zerstören – und andere gleich mit.

Wer also ins Kino geht und auf große Gefühle im Sinne von Kerzenlicht und Seelenverwandtschaft hofft, wird vermutlich ähnlich ratlos herauskommen wie der Reddit-Nutzer vor zwei Jahren.

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Erstellt:
9. Februar 2026, 13:10 Uhr

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