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Verbände: Folgen der Ängste vor dem Virus sind beträchtlich

dpa/lsw Stuttgart. Während die Zahl der Ansteckungen mit dem Coronavirus in Baden-Württemberg steigt, warnen Verbände vor den Folgen übertriebener Ängste. Nicht nur die Blutspenden gehen zur Neige, auch die Hausärzte melden Probleme.

Ungeachtet der steigenden Zahl von Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus versuchen die baden-württembergischen Behörden, den Menschen übertriebene Sorgen vor einer Ansteckung zu nehmen. Das scheint nicht immer erfolgreich zu sein: Ärzte klagen über fehlende Mittel, die Blutspenden gehen deutlich zurück und viele Lehrer äußern nach Angaben ihrer Gewerkschaft Ängste vor einer Ansteckung. Schulen und Kindergärten achteten am Montag besonders auf mögliche Reiserückkehrer aus den norditalienischen Risikogebieten, während Vertreter der Landesministerien in Stuttgart unter Leitung von Innenminister Thomas Strobl (CDU) über das weitere Vorgehen berieten.

Die Zahl der Infektionen ist bis zum Montagabend auf 26 Fälle gestiegen. Im Stadtkreis Heilbronn wurde nach Auskunft des Gesundheitsministeriums eine 51-jährige Frau nach einer privaten Reise in die Lombardei beziehungsweise nach Livigno positiv getestet. Sie sei aktuell in häuslicher Isolation, ebenso wie ihre Kontaktpersonen.

Unter den 26 Fällen ist auch der Bewohner eines Altenheims in Bad Rappenau (Landkreis Heilbronn). Nach der Infektion ist eine ganze Wohngruppe des Hauses unter Quarantäne gestellt worden, sagte der Oberbürgermeister von Bad Rappenau, Sebastian Frei. Es gehe um etwa 20 Menschen.

Der Senior soll sich bei einem 32 Jahre alten Pfleger angesteckt haben, der vor einigen Tagen nach einem Aufenthalt in Mailand erkrankt war. Auch eine Arbeitskollegin des Pflegers wurde nach Angaben von Montag positiv getestet und isoliert.

Der Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes zeigte sich alarmiert angesichts der deutlich sinkenden Spendebereitschaft. „Das liegt vor allem an der völlig übertriebenen Angst vor einer Ansteckung“, sagte der Sprecher für Hessen und Baden-Württemberg, Eberhard Weck, in Frankfurt. Für die beiden Bundesländer reiche der Lagerbestand an Blutprodukten nur noch für zwei Tage aus. Die Zahlen gingen allerdings auch saisonal zurück wegen der derzeit herrschenden Influenzasaison.

Die Freiburger Uniklinik verschiebt nach eigenen Angaben bereits planbare Operationen bei einigen Patienten. „Da überall Mangel an Blutreserven besteht, können sich die Blutspendedienste nicht gegenseitig aushelfen“, sagte Markus Umhau, der Ärztliche Leiter der Blutspendezentrale am Universitätsklinikum Freiburg.

Auch Praxisärzte im Südwesten warnten davor, dass ihnen Schutzmasken und -brillen gegen das Coronavirus ausgehen: „Wir verfügen nur noch für wenige Tage über Schutzmaterial für die Abstriche“, sagte der Vorsitzende des Mediverbundes, Werner Baumgärtner, in Stuttgart. Auch Schutzkleidung sei rar. „Diese Woche ist Ende Gelände“, betonte der Chef der Ärzteorganisation in Baden-Württemberg. Sozialministerium und Kassenärztliche Vereinigung müssten darauf hinwirken, dass den Ärzten Material etwa aus dem Katastrophenschutz bereitgestellt werde.

Zudem appellierte der Allgemeinmediziner an die Bevölkerung, bei Symptomen wie Fieber und Husten zu Hause zu bleiben, sich beim Hausarzt zu melden und gegebenenfalls dessen Hausbesuch abzuwarten. „Wir werden derzeit bombardiert mit Telefonanfragen und Patienten, die wegen Beschwerden vorstellig werden.“

Der Verband der niedergelassenen Ärzte plädiert angesichts einer Flut ängstlicher Menschen in den Praxen für zentrale Stellen zum Abklären einer möglichen Infektion. Ihre Praxis werde geradezu überlaufen von Menschen, die meinen, sich infiziert zu haben, sagte die Landeschefin des NAV-Virchow-Bundes, Brigitte Szaszi, aus Sachsenheim (Kreis Ludwigsburg). „Die Leute sind ein bisschen hysterisch.“

Die baden-württembergische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, forderte, in der Debatte um das Risiko durch Reiserückkehrer nach den Faschingsferien „die Kirche im Dorf zu lassen“.

Zuvor hatte das Kultusministerium Lehrer, Schüler, Kita-Kinder und Erzieher zum Ende der Faschingsferien aufgefordert, vorerst zu Hause zu bleiben, sollten sie in den vergangenen 14 Tagen in einem Risikogebiet des Coronavirus gewesen sein. Das Robert Koch-Institut in Berlin zählt zu diesen Regionen unter anderem die gesamte Region Lombardei in Norditalien.

Eine Sprecherin des Kultusministeriums sagte am Montag, es gebe noch keinen Überblick darüber, wie viele Lehrer und Schüler den Schulen ferngeblieben seien. Auch für die ebenfalls entsprechend gebetenen reisenden Polizisten gibt es nach Angaben des Innenministeriums noch keine belastbaren Zahlen.

Sozialminister Manne Lucha (Grüne) will Reisenden aber nicht pauschal von Fahrten in die norditalienischen Risikogebiete abraten. Er empfahl aber ausdrücklich, Fahrten zu verschieben, wenn die Urlaubsplanung auch die Teilnahme an größeren gesellschaftlichen Ereignissen vorsieht.

Am Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasium, nach eigenen Angaben das größte Gymnasium des Landes, fiel der Unterricht am Montag für die jüngeren Schüler aus, um die Schule besser gegen das Coronavirus zu rüsten. Die Zeit solle genutzt werden, um die vom Robert Koch-Institut (RKI) empfohlenen Hygienemaßnahmen umzusetzen, teilte die Schulleitung auf ihrer Internetseite mit. Unter anderem soll es an allen Waschbecken gefüllte Seifenspender und Papierhandtücher geben, Toiletten werden häufiger gereinigt und Türgriffe desinfiziert.

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Erstellt:
2. März 2020, 10:56 Uhr

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