Aus der Welt der Skythen
Zahnstein aus der Eisenzeit gibt Einblick in Ernährung
Forscher haben die Ernährung eines bedeutenden Nomadenvolkes der osteuropäischen Geschichte entschlüsselt. Durch Analyse von Zahnstein liefern sie den ersten direkten Nachweis, dass zum Speiseplan der Skythen die Milch von verschiedenen Wiederkäuern und von Pferden gehörte.
© imago/AGB Photo
Dieses goldene Schmuckteil stellt zwei mit Pfeil und Bogen bewaffnete Skythenkrieger dar.
Von Markus Brauer
Seit Jahrhunderten gelten die Skythen als ein Volk nomadischer Reiter, das in der Eisenzeit die weiten Steppen Eurasiens durchzog. Dieses Bild ist bis heute wirkmächtig.
Multiethnische Bevölkerung
In den letzten Jahren haben jedoch wissenschaftliche Untersuchungen dieses vereinfachte Narrativ infrage gestellt. Sie zeigen, dass die Skythen keine einheitliche Gruppe waren, sondern aus einer vielfältigen, multiethnischen Bevölkerung mit unterschiedlichen geografischen Ursprüngen bestanden.
Ihre Lebensweisen waren ebenso vielfältig: Neben mobiler Viehzucht spielten auch Ackerbau, lokale Sesshaftigkeit und komplexe soziale Strukturen eine wichtige Rolle.
Forscher unter Leitung der Universitäten Basel und Zürich tragen nun mit neuen Erkenntnissen zu dieser differenzierteren Sicht auf die Skythen bei. Im Fachjournal „PLOS One“ geben die Forscher detaillierte Einblicke in die Ernährung von Bevölkerungsgruppen der skythischen Epoche.
Zahnstein als biologisches Archiv
Die Wissenschaftler um Jaruschka Pecnik und Shevan Wilkin untersuchten dafür Zahnstein – also mineralisierte Zahnbeläge – von 28 Menschen aus den Fundorten Bilsk und Mamai-Gora im Gebiet der heutigen Ukraine.
Zahnstein wirkt wie ein biologisches Archiv der Ernährung eines Individuums: Während er sich über Jahre hinweg auf den Zähnen bildet, schließt er kleinste Spuren der aufgenommenen Nahrung ein.
Spur in Eiweiß in Pferdemilch
Mithilfe paläoproteomischer Analysen – einer Methode, die erhaltene Eiweiße identifiziert – konnten die Forscher erstmals nachweisen, welche tierischen Milchprodukte skythische Gemeinschaften tatsächlich konsumierten und von welchen Tieren genau.
Sie fanden Proteine, die auf den Verzehr von Milch und verarbeiteten Milchprodukten von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen und Ziegen hinweisen. In einem Fall gelang zudem der Nachweis von Pferdemilch. Dass Skythen die Milch von Stuten zu sich nahmen, war bislang vor allem aufgrund historischer Texte vermutet, aber nicht direkt belegt worden.
Pferde waren Teil des Ernährungssystems
„Der Nachweis von Pferdemilch-Proteinen in altem Zahnbelag von Menschen aus der Zeit der Skythen ist ein wichtiger Befund“, erklärt Jaruschka Pecnik. „Er zeigt, dass Pferde nicht nur für Transport, Krieg oder symbolische Zwecke genutzt wurden, sondern zumindest gelegentlich auch Teil des Ernährungssystems waren.“
Dass die Pferdemilch-Proteine nur bei den Überresten einer Person nachgewiesen wurden, werfe jedoch neue Fragen auf. Etwa, ob dies an der Instabilität der erhaltenen Proteine liegt oder auf kulturelle Praktiken hindeutet. Vorstellbar wären beispielsweise soziale Hierarchien oder eine gezielte Aufteilung der Nutztiere.
Reservoir persönlicher Geschichte
Auch methodisch eröffnet die Studie neue Perspektiven. „Zahnstein ist ein bemerkenswertes Reservoir persönlicher Geschichte“, erläutert die Studienleiterin Shevan Wilkin. „Da sich Zahnbelag während des gesamten Lebens eines Menschen schrittweise bildet und mineralisiert, erlaubt er uns einen sehr direkten Blick auf tatsächlich konsumierte Nahrungsmittel – jenseits allgemeiner Annahmen über Lebensweisen oder Wirtschaftsformen.“
Gleichzeitig betonen die Forscher, dass diese Ergebnisse nur einen ersten Schritt darstellen. Zwar liefert die Studie klare Hinweise auf den Konsum verschiedener Milchprodukte, doch lässt sich daraus noch kein vollständiges Bild der Ernährung skythischer Gemeinschaften zeichnen. Um regionale Unterschiede, soziale Faktoren oder zeitliche Veränderungen besser zu verstehen, seien weitere Untersuchungen notwendig.
