Menschheit bald auf dem Trockenen?
Zeitalter des globalen Wasserbankrotts hat begonnen
Weltweit schrumpfen Seen, sinken Grundwasserspiegel und verschwinden Feuchtgebiete. Das sei keine vorübergehende Krise, warnen UN-Experten. Ein Überblick über den drohenden globalen Wassernotstand.
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Weltweit, wie hier auf Zypern, trocknenen Sen aus, geht das Grundwasser zur Neige, versiegen Flüsse.
Von Markus Brauer/dpa
Wasser ist die Quelle allen Lebens auf der Erde. In Zeiten der Globalisierung und des Klimawandels steht die Menschheit vor großen Herausforderungen, dieses kostbare Gut zu schützen und für nachfolgende Generationen zu bewahren.
Wasser – vor allem sauberes – wird zunehmend knapp. Wassermangel führt zu Krankheiten und beeinträchtiget die Gesundheit, schafft Lebensmittel-Unsicherheit, Mangelernährung und Krankheiten wie Durchfall. Wasserknappheit beeinträchtigt auch Landwirtschaft, Industrie und Wirtschaftswachstum.
Menschlicher Eingriff in den Wasserkreislauf
Der Kreislauf von Verdunstung und Niederschlag prägt den irdischen Wasserkreislauf und hält ihn im Gleichgewicht. Doch in den letzten Jahrzehnten hat der Mensch immer stärker in diese Balance eingegriffen: durch Ausbeutung von Grundwasserreservoiren und Gewässern, Versiegelung der Böden sowie Veränderungen des Klimas.
Die Folgen sind dramatisch: Die weltweite Verdunstung um zehn Prozent zugenommen. In Asien rücken die Wüsten vor. Selbst im wasserreichen Deutschland sind die Grundwasserspiegel gesunken.
Waserknappheit wird zum globalem Problem
Die Welt tritt einem UN-Bericht zufolge in ein „Zeitalter des globalen Wasserbankrotts“ ein. Begriffe wie „Wasserknappheit“ oder „Wasserkrise“ spiegelten die Realität an vielen Orten nicht mehr wider, weil sie zeitweilige und potenziell reversible Zustände suggerierten, heißt es von der Universität der Vereinten Nationen in Kanada. Kennzeichnend seien inzwischen aber unumkehrbare Verluste bei Süßwasserreserven.
„Dieser Bericht vermittelt eine unbequeme Wahrheit: Viele Regionen leben über ihre hydrologischen Verhältnisse, und viele wichtige Wassersysteme sind bereits bankrott“, sagt Hauptautor Kaveh Madani, Direktor des Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit der Universität.
Viele Gesellschaften haben dem Bericht zufolge nicht nur ihr jährliches Kontingent an erneuerbarem Wasser aus Flüssen, Böden und Schneedecken überschritten, sondern auch ihre langfristigen Reserven in Grundwasserleitern, Gletschern, Feuchtgebieten und anderen natürlichen Reservoirs aufgebraucht.
Was bedeutet das für die Menschheit?
Weltweit habe inzwischen eine kritische Menge von Wassersystemen irreversible Schwellenwerte überschritten, erklärt Madani. „Diese Systeme sind durch Handel, Migration, Klimarückkopplungen und geopolitische Abhängigkeiten miteinander verbunden, sodass sich die globale Risikolandschaft nun grundlegend verändert hat.“
Die Landwirtschaft zum Beispiel sei für den größten Teil des Süßwasserverbrauchs verantwortlich. Die globalen Ernährungssysteme seien durch Handel und Preise eng miteinander verbunden, erklärt Madani. „Wenn Wasserknappheit die Landwirtschaft in einer Region untergräbt, wirken sich die Auswirkungen auf die globalen Märkte, die politische Stabilität und die Ernährungssicherheit in anderen Regionen aus.“
So ist die dramatische Lage
2 Milliarden Menschen leben auf absinkendem Boden, in einigen Städten liegt der jährliche Rückgang bei etwa 25 Zentimetern.
4 Milliarden Menschen sind mindestens einen Monat pro Jahr schwerer Wasserknappheit ausgesetzt.
3 Milliarden Menschen leben in Gebieten, in denen die gesamten Wasservorräte zurückgehen oder instabil sind.
1,8 Milliarden Menschen lebten 2022 bis 2023 unter Dürrebedingungen.
Millionen Landwirte versuchten, Nahrungsmittel auf Basis schrumpfender, verschmutzter oder verschwindender Wasserquellen zu produzieren, sagte Madani. „Ohne einen raschen Übergang zu wassersparender Landwirtschaft wird sich die Wasserbankrott-Rate rapide ausweiten.“
Wie kann Wasser knapp werden, obwohl die Erde voll davon ist?
Im Bericht geht es um die verfügbare und nutzbare Menge an Süßwasser auf dem Planeten. Vielfach überstiegen die Entnahmen die Neubildung. Und selbst dort, wo die Wassermengen stabil scheinen, schrumpfe der tatsächlich nutzbare Anteil.
Zu den Ursachen zählten Grundwasserverschmutzung, Übernutzung von Ressourcen, Degradation von Land und Böden, Entwaldung und Umweltverschmutzung, noch verschärft durch die globale Erwärmung.
Besorgniserregende Trends
Mehr als die Hälfte der großen Seen weltweit hat seit Anfang der 1990er-Jahre Wasser verloren, 25 Prozent der Menschheit sind direkt von diesen Seen abhängig.
Rund 50 Prozent des häuslichen Wasserverbrauchs weltweit stammen inzwischen aus Grundwasser.
40 Prozent des Bewässerungswassers wird aus Grundwasserleitern entnommen, die stetig austrocknen.
Etwa 70 Prozent der großen Grundwasserleiter zeigen langfristige Rückgänge.
410 Millionen Hektar natürlicher Feuchtgebiete sind in den vergangenen fünf Jahrzehnten verschwunden, was fast der Fläche der EU entspricht.
Die Welt hat seit 1970 mehr als 30 Prozent ihrer Gletschermasse verloren.
Dutzende große Flüsse fließen heute während eines Teils des Jahres nicht mehr bis zum Meer.
100 Millionen Hektar Anbauflächen sind durch Versalzung zerstört.
Wo ist die Lage besonders kritisch?
Rund drei Viertel der Menschheit leben dem Bericht zufolge in Ländern, die als wasserunsicher oder kritisch wasserunsicher gelten. Zu den besonders betroffenen Regionen gehören demnach der Nahe Osten und Nordafrika, Teile Südasiens und der Südwesten der USA.
Die UN-Experten betonen aber auch: „Wasserinsolvenz ist keine Reihe isolierter lokaler Krisen, sondern ein gemeinsames globales Risiko.“ Auch Europa ist wie andere Regionen, die selbst genügend verfügbares Wasser haben, über Handelsströme, Preise und Lieferketten vom Bankrott betroffen.
Für Deutschland zeichnen Fachleute ein differenziertes Bild. Rike Becker vom Imperial College London erläutert, Deutschland nutze nur einen vergleichsweise kleinen Teil seines Wassers. Ein Großteil des deutschen Verbrauchs finde über die Importe von Lebensmitteln und Industriegütern statt, die teils aus stark von Wasserproblemen betroffenen Ländern stammten.
Jörg Dietrich von der Universität Hannover ergänzt, dass es in Deutschland lokal zu Engpässen kommen könne, etwa bei extremer Trockenheit oder durch Nitratbelastung des Grundwassers. Ein Versagen der Wasserversorgung hierzulande sei aber meist noch reversibel.
Bedeutet ein Bankrott das Ende?
Keinesfalls. Das ist den UN-Experten wichtig zu betonen. „Eine Insolvenz zu erklären bedeutet nicht, aufzugeben. Es bedeutet, neu anzufangen“, konstatiert Madani. Indem der globale Wasserbankrott anerkannt werde, könnten endlich schwierige Entscheidungen getroffen werden. „Je länger wir zögern, desto größer wird das Defizit.“
Nötig ist demnach eine neue, von Ehrlichkeit, Mut und politischem Willen geprägte Reaktion: Insolvenzmanagement statt Krisenmanagement. «Wir können verschwundene Gletscher nicht wiederherstellen oder stark verdichtete Grundwasserleiter wieder auffüllen, konstatiert Madani. „Aber wir können den weiteren Verlust unseres verbleibenden Naturkapitals verhindern und Institutionen neu gestalten, um innerhalb neuer Wassergrenzen zu leben.“
Wasseragenda nicht mehr zweckmäßig
Die derzeit auf Trinkwasser, Sanitärversorgung und schrittweise Effizienzsteigerungen konzentrierte Wasseragenda sei vielerorts nicht mehr zweckmäßig, heißt es von der UN-Universität.
Priorität müsse für Regierungen haben, weitere irreversible Schäden wie den Verlust von Feuchtgebieten, Grundwasserverarmung und Verschmutzung zu verhindern. Wasserintensive Sektoren wie die Landwirtschaft müssten durch Umstellung des Anbaus und der Bewässerung umgestaltet werden.
Die Experten unterstreichen zudem, dass der Wasserbankrott nicht nur ein hydrologisches Problem ist, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit mit tiefgreifenden sozialen und politischen Auswirkungen. Die Lasten fielen unverhältnismäßig stark auf Kleinbauern, indigene Völker, einkommensschwache Stadtbewohner, Frauen und Jugendliche, während die Vorteile der Übernutzung oft mächtigen Akteuren zugutekämen.
Weckruf vor der UN-Wasserkonferenz
Der Report erscheint im Vorfeld einer UN-Wasserkonferenz in den Vereinten Arabischen Emiraten Ende des Jahres. Die Autoren hoffen auf einen dort verhandelten Neustart der globalen Wasserpolitik.
Dieser Report sei ein weiterer Weckruf, den nötigen Paradigmenwechsel in der Wasserwirtschaft zu forcieren, betont Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). So ernst die Lage sei: Es gebe ein weites Spektrum an nachhaltigen Lösungsoptionen, das es nur zu fördern und umzusetzen gelte.
Rike Becker vom Imperial College London erklärt: „Wichtig ist: Der Bericht sollte nicht demotivieren und das Scheitern in den Vordergrund stellen, sondern uns wachrütteln und zu Aktion aufrufen, auf globaler, nationaler und lokaler Ebene.“
