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„Zu uns kommen die Idealisten“

Die Freie Waldorfschule in Backnang feiert 25-jähriges Bestehen – Schülerzahlen wachsen, doch Lehrermangel ist bemerkbar

Seit 25 Jahren gibt es die Freie Waldorfschule in Backnang, die Waldorfpädagogik feiert gar ihr 100-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass findet am Samstag, 12. Oktober, ein Festakt statt. Das Interesse am Konzept der Waldorfschule seiungebrochen groß, erzählt der Geschäftsführer Christoph Ernst.

Künstlerisch-kreative und handwerklich-praktische Inhalte haben in der Waldorfpädagogik einen hohen Stellenwert. Derzeit bereiten die Backnanger Schüler unter anderem die Gestaltung des Festakts am Wochenende vor – mit der Jubiläumsfarbe Blau. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Künstlerisch-kreative und handwerklich-praktische Inhalte haben in der Waldorfpädagogik einen hohen Stellenwert. Derzeit bereiten die Backnanger Schüler unter anderem die Gestaltung des Festakts am Wochenende vor – mit der Jubiläumsfarbe Blau. Foto: J. Fiedler

Von Lorena Greppo

BACKNANG. „Können Sie Ihren Namen tanzen?“ Wenn die Verantwortlichen der Freien Waldorfschule Backnang jedes Mal einen Euro bekommen würden, wenn ihnen jemand diese Frage stellt, wäre ein guter Teil des geplanten Neubaus wahrscheinlich finanziert. Darauf angesprochen schmunzeln sie. „Ich sage meistens: Ja, das kann ich. Darüber hinaus können wir aber noch ganz viele andere Sachen“, sagt Klassenlehrer Ulrich Kling. Christoph Ernst, der Geschäftsführer der Backnanger Waldorfschule, nimmt das Ganze gelassen: „Wir sind überzeugt von dem, was wir tun. Die Witze perlen an uns ab.“ Die Entwicklung der Freien Waldorfschule Backnang in den 25 Jahren seit ihrer Gründung ist für Ernst vor allem eines: eine Erfolgsgeschichte. „Die Schüler kamen und kommen immer zu uns, wir sind kontinuierlich gewachsen.“ Es habe von Anfang an auch viele Eltern gegeben, die eine Waldorfpädagogik für ihre Kinder wollten.

Zu Anfang habe man nur eine Handvoll Schüler unterrichtet, mit jedem Schuljahr kamen neue hinzu. Heute liegt deren Zahl bei etwa 440. Mehr sollen es aber zumindest derzeit nicht werden. „Wir bleiben einzügig“, sagt Ernst. Wie die meisten Schulen, so hat auch die in Backnang mit dem Lehrermangel zu kämpfen. Hinzu komme, erklärt Ernst, dass die staatlich anerkannte Ersatzschule in freier Trägerschaft mit den Gehältern an staatlichen Schulen nicht mithalten kann. Zudem müssten die Kosten für den Neubau auch am Schulbetrieb abgespart werden. „Das macht die Personalgewinnung schwierig“, räumt er ein. Aber: „Zu uns kommen die Idealisten.“ So wie Klassenlehrer Ulrich Kling und der Oberstufenlehrer Siegfried Häußer.

Was aber macht für sie die Waldorfpädagogik aus im Vergleich zu staatlichen Schulen? Kling hebt beispielsweise die ungewöhnlich starke Bindung zu seinen Schülern und deren Eltern hervor. Die Schüler seiner derzeitigen 8. Klasse betreut er schon seit deren Einschulung. Durch die lange gemeinsame Zeit habe er einen viel besseren Einblick in die individuelle Entwicklung der Schüler. „Wenn die Schüler dann in die Oberstufe kommen, ändert sich das“, erklärt Siegfried Häußer. Dann kommen Fachlehrer hinzu, außerdem werden dann erstmals Noten verteilt.

Bis zur Oberstufe werden keine Noten vergeben

Der bewusste Verzicht auf die Benotung hat nach Ansicht der beiden Lehrer große Vorteile: „Die Kinder haben grundsätzlich eine große Freude am Lernen“, erklärt Kling. Noten brauche es dafür nicht. Außerdem könne eine Note allein gar keine Aussage über die Stärken und Schwächen eines Kindes in einem Fach geben. „Wir wollen differenziert den Leistungsstand der Kinder spiegeln, das passiert in regelmäßigen Gesprächen.“ Auch Häußer findet: „Eine Persönlichkeitsentwicklung kann man nicht in Noten abbilden.“ Auch wenn er als Oberstufenlehrer Noten vergeben muss, so formuliert er im Zeugnis zusätzlich noch aus, wie sich seine Schüler das Jahr über gemacht haben.

Aber nicht nur die Bewertung, auch die Inhalte der Waldorfpädagogik unterscheiden sich von staatlichen Schulen. Propagiert wird eine gleichmäßige Schulung von Kopf, Herz und Hand durch Denken, Fühlen und Wollen. Kreative und handwerklich-praktische Inhalte haben deshalb einen hohen Stellenwert. „Das wirkt sich indirekt auch positiv auf das Gehirn aus und fördert die Persönlichkeitsentwicklung“, erklärt Christoph Ernst. Gerade Schüler, die vielleicht in Deutsch oder Mathe nicht so gut sind, erlebten hier oft Erfolge. „Es ist aber nicht nur ein Mittel zum Zweck, sondern auch ein Stück weit Seelenpflege“, erklärt Kling. Das Kreative, das Werken und Tanzen verschaffe auch ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten.

Dass der Waldorfpädagogik oft ein Ruf der Esoterik anhaftet, finden die drei Männer nicht schlimm. „Unsere Schüler sind empfänglich dafür, dass Materielles nicht alles ist“, weiß Häußer. „Wir rechnen mit dem Geistigen und nicht nur mit dem, was wir sehen, messen und wiegen können“, fügt Kling an. Er sei schon seit vielen Jahren im anthroposophischen Bereich tätig und sagt: „Ich habe noch nie erlebt, dass es sektenähnliche Züge annimmt.“ Auch wenn sich die Waldorfpädagogik in den vergangenen 100 Jahren gewandelt und sich an zeitgenössische Verhältnisse angepasst hat, sind doch die Grundprinzipien gleich geblieben, erklärt Ernst. Im Zentrum stehe das Kind als Individuum.

Es gehe nicht darum, das Kind auf die Welt vorzubereiten, sagt Kling. Denn die Welt ist ständig im Wandel. „Ich frage: Was suchst du in der Welt? Und das zu finden und zu verwirklichen, dabei helfe ich.“ Diese Herangehensweise führe nicht zum Realitätsverlust. „Trotzdem kommen auch Architekten und Ingenieure dabei raus“, sagt Kling schmunzelnd.

Am Samstag, 12. Oktober, lädt die Freie Waldorfschule Backnang um 14 Uhr zum Festakt in die Stadthalle ein. Alle Klassen- stufen tragen zum Programm bei, zudem wird OB Frank Nopper das neue Baugrund- stück übergeben. Im Anschluss ist ein buntes Programm mit Musik, Tanz und Aktionen auf dem Waldorfschul- und Kindergartengelände vorgesehen.

Info
Geschichte der Waldorfpädagogik und der Schule in Backnang

Der Unterricht an Waldorfschulen orientiert sich an der Pädagogik von Rudolf Steiner (1861 bis 1925). Sie beruht auf dem von ihm entwickelten anthroposophischen Menschenbild. Die Waldorfpädagogik propagiert „die gleichmäßige Schulung von Kopf, Herz und Hand durch Denken, Fühlen und Wollen“. Künstlerisch-kreative, aber auch handwerklich-praktische Inhalte haben deshalb einen hohen Stellenwert. Alle Schüler durchlaufen ohne Sitzenbleiben zwölf Schuljahre. Erst dann entscheidet sich, welchen Abschluss sie machen.

1990 fanden in Murrhardt wöchentliche Treffen einer Elterninitiative statt, die es sich zur Aufgabe machte, eine Waldorfschule im Raum Backnang/Murrhardt ins Leben zu rufen. In der Folge wurde 1991 der Verein Freie Waldorfschule Oberes Murrtal gegründet. 1994 startete man mit einer ersten Klasse im alten Schulhaus in Sulzbach-Bartenbach. 1995 zog die Waldorfschule zunächst ins Bandhaus und drei Jahre später auf das Spinnereigelände in der Eugen-Adolff-Straße. 2005 erfolgte der Umzug auf die Maubacher Höhe.

Obwohl er die Lage in der Hohenheimer Straße optimal findet, sagt der Geschäftsführer der Freien Waldorfschule Backnang, Christoph Ernst: „Wir wussten, dass wir in sehr beengte Räume ziehen.“ Schon vor einigen Jahren sei ihnen von der Stadt ein Baugrundstück zugesagt worden, parallel habe man deshalb schon mit der Planung eines Erweiterungsbaus begonnen. Die Stadt habe diese Zusage aber nicht einhalten können, so Ernst, da auf dem Areal in der Hohenheimer Straße Asylbewerber untergebracht werden mussten. Nun aber ist es so weit: OB Frank Nopper übergibt das Baugrundstück am Wochenende feierlich den Verantwortlichen der Waldorfschule.

Im Frühjahr 2020 ist der Baubeginn des Erweiterungsgebäudes angedacht, der Einzug soll voraussichtlich im Herbst 2022 erfolgen. Auf dem neuen Areal sollen vor allem naturwissenschaftliche Räume, Arbeitsräume und eine Sporthalle entstehen. Die derzeitige Regelung, dass die Bewegungsangebote in der Steinbacher Halle oder auf dem Hagenbach stattfinden, stellt die Schule immer wieder vor Probleme.

Ursprünglich waren für das Projekt Kosten in Höhe von sechs Millionen Euro veranschlagt worden – inzwischen müsse man von mehr ausgehen, so die Verantwortlichen.

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Erstellt:
9. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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