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Zum letzten Mal der Herr der Berlinale

Dieter Kosslick verabschiedet sich als Direktor der Internationalen Filmfestspiele

Bilanz - Für Meryl Streep hat er Blumen geklaut und sich um Mick Jaggers Schlaf gesorgt: Fast zwei Jahrzehnte lang hat Dieter Kosslick als Direktor die Internationalen Filmfestspiele in Berlin geprägt. Nun heißt es für ihn Abschied nehmen vom roten Teppich.

Zum letzten Mal der Herr der Berlinale

Berlin Es soll ja Menschen geben, die können sich Deutschland ohne Bundeskanzlerin Angela Merkel gar nicht mehr vorstellen – immerhin führt sie nun schon über 15 Jahre lang die Regierungsgeschäfte. Aber wie ist es dann wohl erst mit den Internationalen Filmfestspielen in Berlin, der Berlinale?

Seit fast 18 Jahren leitet Dieter Kosslick als Direktor das Festival, hat es beharrlich ausgebaut, geprägt, mit seinem Stempel versehen. Wer immer sich für Film begeistert, wer immer sich alljährlich im Februar zumindest für den Auftrieb der Stars vor dem Festivalpalast am Potsdamer Platz interessiert, der kennt auch ihn: den knuffigen Typen mit der Brille, der Stromfrisur, dem Schnauzbart und dem Großonkel-Grinsen, manchmal gar mit breitkrempigem Hut, auf jeden Fall mit langem rotem Schal gegen die Winterkälte – Dieter Kosslick, inzwischen 70-jährig, von diesem Donnerstag an bis zum 17. Februar der heimliche Regierende Bürgermeister von Berlin. Nun allerdings zum letzten Mal. Nach dieser Runde geht er in den Ruhestand.

Die Berlinale gehört im internationalen Filmgeschäft zu den Top-Ereignissen des Jahres; das US-Fachmagazin „The Hollywood Reporter“ verlegt eigens dafür einen Teil seiner Redaktion nach Deutschland. Wer dieses Event so lange prägt wie Kosslick, der kennt die Welt – die Filmwelt allemal, ihre Stars und Sternchen, die Berühmten und die halbwegs Berühmten mit all ihren Wünschen, Ansprüchen und Hysterien. Man ahnt, was da bei 18 Festivalausgaben (die erste Kosslick-Berlinale fand im Winter 2002 statt) so alles an Anekdoten zusammengekommen ist: viel Stoff für einen schönen Memoirenband irgendwann in Kosslicks bevorstehendem Ruhestand.

Wenn der scheidende Chef nicht schon jetzt in einigen Interviews überraschend offenherzig die eine oder andere Schote zum Besten geben würde – wie gerade dieser Tage in einem großen Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“. Als er 2012 auf der Bühne der Schauspielerin Meryl Streep zum „Ehrenbären“ gratulieren sollte, fiel ihm bei den letzten Schritten dorthin auf, dass er den Blumenstrauß vergessen hatte. Also riss er einer Zuschauerin in der zweiten Reihe im Saal ein Bund weißer Chrysanthemen aus der Hand vom Schoß und überreichte die der Schauspielerin: „Meryl guckte mich etwas schräg an. Später erzählte sie: Dieter schenkte mir dieses wunderbare Bouquet von der Tankstelle.“

Und auch für die Rolling Stones gab Kosslick alles: 2008 reisten sie an, weil Martin Scorseses Konzertfilm mit ihnen die Berlinale eröffnete. Erst am Abend zuvor erfuhr der Direktor, dass das Hotel dem Stones-Management zugesichert hatte, es würde während der Schlafenszeit der Künstler (also des Tags) im Umkreis von zwei Kilometern rund um das Four Seasons keinerlei Baulärm geben – da wurde aber schon am Schlossplatz kräftig an den Katakomben des Humboldtforums gebaggert. In Windeseile handelte Kosslick einen Kompromiss mit dem Bauleiter aus: „Wenn die Stones im Hotel sind, stoppen wir die Bauarbeiter, wenn sie draußen sind, machen wir weiter.“ Dafür gab es vor Ort einen Warndienst mit Telefon – und als Dank für die Arbeiter belegte Brote: „Gott sei Dank waren die alle Stones-Fans.“

Wenn man einem Außenstehenden erklären will, was ein Festivalchef eigentlich zu tun hat, dann beschreibt dies die eine Seite: Er muss begrüßen und betreuen, betüdeln und improvisieren – einfach allen, die gekommen sind, das Gefühl geben, just in diesem Augenblick und an diesem Ort die wichtigsten Persönlichkeiten der Welt zu sein. Das ist der Job in den elf Festivaltagen, und ein bisschen davor und danach.

In den übrigen elfeinhalb Monaten muss der Festivaldirektor hinter den Kulissen in unzähligen Sichtungen und Verhandlungen ein interessantes Programm zusammenstellen, das geeignet ist, rund 18 000 Fachbesucher aus aller Welt, dazu 3500 Journalisten ebenfalls aus aller Welt, vor allem aber mehr als 480 000 Kinobesucher vor allem aus Berlin gleichermaßen zu überzeugen wie zu begeistern. Und zwar am besten so restlos, dass hinterher alle wieder sagen: Ja, die Berlinale gehört neben Cannes und Venedig weiter zu den drei wichtigsten Filmfestivals der Welt.

Es gibt Kosslick-Kritiker, die just diesen Punkt so nicht mehr sehen. Besonders bei den rund 18 Filmen, die der Berlinale-Direktor alljährlich in den offiziellen Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären einlädt, vermissen sie Qualität – oder sagen wir mal besser: jene Qualität, die sie sich wünschen. Denn zumeist handelt es sich bei den Kosslick-Kritikern um Fachjournalisten, die einen professionellen und international geschulten Blick auf das Festivalgeschehen haben.

Anders sehen die meisten nicht professionellen Filmfans auf das Festival; für sie ist die Kosslick-Ära zweifellos ein zusätzliches Weihnachtsfest kurz vor Fasching. Denn just hier hat der Direktor die Profilierungslücke für Berlin gesehen zwischen dem mondänen Cannes und dem musealen Venedig: als Pu­blikumsfestival in der Metropole. Sein Jahr um Jahr wachsendes Programm sollte die Hauptstadt jedes Jahr im Februar vor Bildern und Geschichten pulsieren lassen. Bis in kleinste Kiezkinos hat Kosslick seine Festspiele ausgreifen lassen. Manche Filmkritiker fanden das dann unübersichtlich. Die Fans aber waren selig.

Und im Grunde ist Kosslick eben auch solch ein Fan und hat dieses Festival wie ein Fan geführt. Er selbst ist schon in Kindertagen dem Kino verfallen – als Sohn einer alleinerziehenden Mutter in Ispringen bei Pforzheim, die am Sonntagnachmittag immer mit ihrem Freund verabredet war und deswegen den Buben zur Jugendvorstellung in die Bahnhofs-Lichtspiele schickte. Auf den Mund gefallen war er schon damals nicht und sollte es auch später nicht sein: In einer Münchner Werbeagentur dichtete er als junger Mann Reklamesprüche, bevor er sich im Jahr 1978 bei einem Wahlkampf-Umtrunk dem Hamburger SPD-Bürgermeister Hans-Ulrich Klose bekannt machte und dieser ihn prompt als Redenschreiber in den Norden holte.

Hier trieb ihn die persönliche Neigung in die Filmförderung. Der Ministerpräsident Johannes Rau lockte das Talent 1992 nach Düsseldorf, Kosslick baute die Filmstiftung NRW zum mächtigen nationalen Mitspieler im internationalen Geschäft aus – und baute nach und nach jenes weit verzweigte Netzwerk auf, das ihm dann von 2001 an auch in Berlin so nützlich war.

Von diesem Donnerstag an wird nun bei der 69. Berlinale alles ein letztes Mal für Dieter Kosslick sein: ein letztes Mal Eröffnungsfilm, ein letztes Mal drei bis fünf rote Teppiche am Tag, ein letztes Mal Händeschütteln, Blumensträuße verteilen, für die Fotografen posieren, Kurzinterviews geben. Ein letztes Mal dann kurz vor der Preisverleihung noch ein paar Worte ans Publikum richten – in jenem unsagbar schlechten Englisch, für das man auch in Ispringer Schulen einen Tadel verdient gehabt hätte. Und dann, nach dem letzten Goldenen Bären der Ära Kosslick: aufräumen. Am 31. Mai müssen die Büroschlüssel übergeben werden an den Nachfolger Carlo Chatrian aus Italien, der bisher die Festspiele in Locarno geleitet hat.

Man ahnt die Tiefe des Lochs, in die der Filmfan und Festival-Maniac Dieter Kosslick stürzen kann. Was noch tun? Er behauptet, nun endlich mal studieren zu wollen, Kunstgeschichte zum Beispiel. Und ansonsten halte er sich an die einschlägigen Äußerungen der Bundeskanzlerin zum Thema „das Leben danach“: „Da wird mir dann schon was einfallen.“

Schon in Kindertagen war Dieter Kosslick unfreiwillig dem Kino verfallen – seiner Mutter sei Dank

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Erstellt:
7. Februar 2019, 03:14 Uhr

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