Zwei Jahre und einen Tag auf der Walz

Emil Döscher ist Zimmermannsgeselle und gehört den „Freien Vogtländern Deutschlands“ an – Traditionelles Treffen in Backnang

Einmal im Monat treffen sich die „Freien Vogtländer Deutschlands“ im Backnanger „Gasthof zur Eintracht“. Die traditionelle Vereinigung von Bauhandwerkern hält dort ihr „Aufklopfen“ ab, eine Versammlung, bei der einheimische Zimmermänner auf Gesellen treffen, die auf der Walz sind. Emil Döscher ist einer von ihnen. Ursprünglich kommt er aus Kiel, seit fast zwei Jahren reist er schon durch Deutschland.

Die Kluft ist ein Erkennungszeichen.

© Pressefotografie Alexander Beche

Die Kluft ist ein Erkennungszeichen.

Von Silke Latzel

BACKNANG. Der „Gasthof zur Eintracht“ ist eine Bude. Was sich für das normale Ohr zunächst abwertend anhört, ist aber eigentlich das Gegenteil. Im „Zimmermann-Sprech“ ist der Begriff Bude nämlich sehr wohlwollend gemeint und beschreibt nichts anderes als einen festen Treffpunkt, meistens eine Herberge oder eine Gaststätte, an dem Einheimische und reisende Zimmerleute sich zum Austausch treffen. Zwischen 25 und 30 solcher Buden gibt es in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und eine davon ist in Backnang.

Es ist Freitagabend, die größte Hitze des Tages ist vorüber, in der Luft liegt der Geruch von Maultaschen und Kässpätzle. Nach und nach trudeln immer mehr „Freie Vogtländer“ in der Gaststätte ein. „Grüß dich, Kamerad“, sagt Emil Döscher, als er sich an den Tisch setzt, und reicht seinen beiden Zimmerer-Kollegen Stefan und Michael die Hand. Die beiden sind Einheimische und haben ihre Wanderjahre bereits hinter sich, Emil ist ein Reisender. Unschwer sind die drei an ihrer traditionellen Kleidung zu erkennen: Schlaghose, Hut, Anzug mit Weste, Jackett, weißes Hemd ohne Kragen und schwarze Schuhe. Die drei sehen sich das erste Mal, doch sie gehören demselben „Schacht“ an, einer Vereinigung von Handwerkern, die auf Wanderschaft sind oder waren. Die Kleidung, auch Kluft genannt, ist Erkennungszeichen und Türöffner zugleich. Emil wird von Stefan, der aus Backnang ist, und Michael, der aus Aalen kommt, kameradschaftlich am Tisch aufgenommen. Sie essen, unterhalten sich und warten auf weitere Mitglieder ihres Schachts.

Seit fast zwei Jahren ist der Kieler Emil auf der Walz. Das bedeutet: Er ist unterwegs in Deutschland, ohne festen Wohnsitz, ohne festen Arbeitgeber. Emil reist, wohin er möchte, und spricht in jedem Ort bei einem ansässigen Zimmermann vor, wird dort für ein paar Wochen angestellt, verdient Geld und reist danach weiter. Die Walz war seit dem Spätmittelalter bis zur beginnenden Industrialisierung eine der Voraussetzungen der Zulassung zur Meisterprüfung. Die Gesellen sollten vor allem neue Arbeitspraktiken, fremde Orte, Regionen und Länder kennenlernen, sowie Lebenserfahrung sammeln. Auf die Wanderschaft darf heute nur gehen, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, ledig, kinderlos, schuldenfrei und unter 30 Jahre alt ist. Die Wanderschaft soll auch nicht als „Flucht“ vor Verantwortung missbraucht werden. Zurück nach Hause kommen die Gesellen dann als Männer.

50 Kilometer Abstand zur Heimat müssen eingehalten werden

Bei den „Freien Vogtländern Deutschlands“ dauert die Walz mindestens zwei Jahre und einen Tag, bei anderen Schächten sind es drei Jahre und ein Tag. In dieser Zeit darf der Wandergeselle nicht nach Hause. Und nicht nur das: „Es gibt einen Bannkreis von 50 Kilometern rund um meine Heimatstadt“, erklärt Emil. Auf der Deutschlandkarte, die er immer bei sich trägt, ist der Bannkreis durch einen Aufkleber markiert. Will er Familie oder Freunde sehen, müssen diese aus dem Bannkreis herauskommen, um ihn zu treffen. Nur im Notfall darf er nach Hause, etwa bei einem Todesfall. „Dann würde ich aber nicht alleine gehen, sondern in Begleitung eines Kameraden, der darauf achtet, dass ich nicht ,versacke‘, sondern nach ein paar Tagen wieder abreise“, so der 25-Jährige.

Neben dem Bannkreis um die Heimat und die Zeit, die man diesen nicht betreten darf, gibt es noch einige andere Traditionen, die Wandergesellen wie Emil beachten müssen. „Ich darf für das Reisen zum Beispiel kein Geld ausgeben.“ Das bedeutet für ihn: Trampen, zu Fuß gehen oder Busfahrer und Schaffner fragen, ob er umsonst mitfahren darf. „Oder jemand kauft mir ein Ticket, das ist auch erlaubt.“ Auch beim Thema Kommunikation ist er auf die Hilfe von anderen angewiesen, ein eigenes Handy hat er nicht dabei. Das ist so gewollt, denn Wandergesellen sollen den Kontakt mit anderen Menschen suchen. Für Emil bislang noch nie ein Problem: „Ich bin offen und kommunikativ, komme schnell mit Menschen ins Gespräch.“ Erreicht er eine neue Stadt oder Gemeinde, spricht er beim Bürgermeister vor und bittet um das Stadtsiegel und holt sich die Erlaubnis, um zu bleiben. Das ist Tradition seit dem Mittelalter, und wie viele Gesellen auf der Walz führt er ein Wanderbuch, in dem er die Stadtsiegel sammelt.

Neben dem Wanderbuch hat Emil nicht viel bei sich: die Kleidung, die er trägt, und Arbeitskleidung zum Wechseln, die aber auch der traditionellen Tracht entspricht. Sommers wie winters ist die letzte „Schicht“ der Kleidung das Jackett, auch die Hose ist nicht dünner oder dicker. „Deswegen ist eine solche Hitze, wie wir sie vor einiger Zeit hatten, besonders schwer. Im Winter kann ich einfach unter mein Hemd und die Weste noch ein paar weitere Kleidungsstücke ziehen, im Sommer etwas ausziehen geht aber nicht.“ Seine Habseligkeiten trägt er in einem Bündel am Wanderstock.

Mit Hammer und Nagel wird
ein Ohrloch gestochen

Morgens aufstehen und nicht wissen, wo man abends schläft, dafür muss man gemacht sein. „Ich hatte aber noch nie Probleme, ein Dach über dem Kopf zu finden“, sagt Emil. Für den Notfall hat er ein Zelt dabei, meistens schläft er aber bei Menschen, die er auf seiner Reise kennenlernt, oder in einer Herberge wie dem „Gasthof zur Eintracht“. Auf den ersten Monaten der Walz werden die jungen Gesellen von Kameraden begleitet, die schon eine Weile unterwegs sind. Von ihnen lernen sie, bekommen Adressen und Tipps. „Je besser man ,auf die Reise gebracht‘ wird, desto einfacher hat man es später. Davon hängt viel ab und es ist ja auch eine Vertrauenssache und eine Erleichterung, einen Partner zu haben, der einem zeigt, worauf es ankommt.“ Die Abreise eines Gesellen wird mit einem großen Fest begangen. Dort erhält man bei den „Freien Vogtländern Deutschlands“ als Ehrbarkeit eine goldene Anstecknadel mit den Buchstaben „FVD“, die am eingeschlagenen Hemdkragen auf der Brust getragen wird. Ein weiteres Erkennungszeichen ist ein goldener Ohrring im linken Ohr. „Ein Altreisender nagelt den Wandergesellen damit auf die Wanderschaft fest“, erklärt Emil. Nageln ist in diesem Fall wörtlich gemeint, denn das Ohrloch wird traditionell mit einem Hammer und einem Nagel ins Ohr geschlagen, der Kopf des zukünftigen Ringträgers liegt dabei auf einem Holzpflock. Die einzige Betäubung: „Viel Schnaps“, sagt Emil lachend.

Sein nächstes Ziel ist Bamberg, dort wird er für einige Zeit arbeiten und dann weiterziehen. Nicht mehr lange und seine Walz ist vorbei. Missen möchte Emil keinen Augenblick: „Man lernt fürs Leben.“

Eine eigene Sprache Info Unter ihresgleichen und auf der Walz nutzen die Wandergesellen eine ganz eigene Sprache. Hier einige Beispiele: Kopfbedeckung: Egal ob Schlapphut, Melone oder Zylinder, die Kopfbedeckung wird „Deckel“ genannt. Er ist ein „Zeichen des freien Mannes“ und wird mit Stolz getragen. Bekleidung: Das komplette Outfit eines Zimmerei-Wandergesellens auf der Walz wird „Kluft“ genannt, das kragenlose, weiße Hemd „Staude“. Wanderstab und Tuch: Der Stab, an dem der Geselle ein Tuch mit seinen Habseligkeiten befestigt, heißt „Stenz“. Das Tuch wird „Charlottenburger“ genannt.
Emil Döscher (links) kommt aus Kiel. Seit knapp zwei Jahren ist er auf der Walz und zum „Aufklopfen“ nach Backnang gekommen. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Emil Döscher (links) kommt aus Kiel. Seit knapp zwei Jahren ist er auf der Walz und zum „Aufklopfen“ nach Backnang gekommen. Fotos: A. Becher

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Erstellt:
24. August 2018, 06:00 Uhr

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