Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Zweites Ärztehaus in der Schwebe

Zerschlagen hat sich die Hoffnung, auf dem Marbacher Klinikgelände eine Psychosomatik anzusiedeln.

Was künftig auf dem Krankenhausgelände in Marbach am Neckar passiert, ist wieder ein Stück weit ungewisser geworden. Foto: Archiv KS-Images.de

© KS-Images.de / Karsten Schmalz

Was künftig auf dem Krankenhausgelände in Marbach am Neckar passiert, ist wieder ein Stück weit ungewisser geworden. Foto: Archiv KS-Images.de

Von Christian Kempf

MARBACH AM NECKAR. Nach monatelangen, mitunter zähen Verhandlungen zwischen der Stadt, dem Landratsamt und den Verantwortlichen des Krankenhauses über die Zukunft des Gesundheitscampus in Marbach schien der Gordische Knoten Anfang April durchtrennt. Da segnete der Aufsichtsrat der Kliniken ein Konzept ab, das vor allem drei Bausteine vorsah: ein zweites Ärztehaus, ein Seniorenzentrum mit Pflegeheim und anderen Angeboten für betagte Herrschaften sowie eine Psychosomatik. Doch in den vergangenen Wochen sind diese Pläne wieder ins Wanken geraten. Weitestgehend sicher ist aktuell nur der Komplex für die Senioren, dessen Planungen der Gemeinderat jetzt absegnete – und zwar fix und ohne irgendwelche Voraussetzungen.

Kehrtwende folgt in der jüngsten Ratssitzung.

Angedacht war eigentlich, das Votum zum Pflegezentrum nur unter Vorbehalt zu fassen und das Ja damit zu verknüpfen, dass der Aufsichtsrat der Kliniken Ludwigsburg-Bietigheim GmbH anschließend den Baubeschluss für das zweite Ärztehaus durchwinkt. Ein Projekt, dem die Marbacher Fraktionen immer höchste Priorität beigemessen hatten und das auch nach wie vor auf ihrer Wunschliste ganz oben steht. Das Seniorenzentrum war stets als begrüßenswert, aber nicht als alles entscheidendes Puzzleteil eingestuft worden. Doch in der Sitzung folgte eine Kehrtwende. Dabei klang durch, dass das Umdenken mit dem Umstand zusammenhängt, dass besagtes Ärztehaus alles andere als in trockenen Tüchern ist. Man habe kurzfristig viele neue Informationen zum Tagesordnungspunkt Krankenhausgelände erhalten und noch erheblichen Klärungsbedarf, sagte Barbara Eßlinger von den Grünen, die deshalb die Entscheidung über die Altenpflege-Pläne der evangelischen Heimstiftung vertagen wollten, dafür aber keine Mehrheit erhielten.

Während Eßlinger die Hintergründe ihres Vorstoßes nur vage andeutete, wurde Ernst Morlock von der SPD dann deutlicher und griff die Klinikengeschäftsführung massiv an. Der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten berichtete, dass bis dato keinerlei Mietverträge mit potenziellen Medizinern abgeschlossen worden seien. „Das zweite Ärztehaus ist bedingt durch das dilettantische Vorgehen der Klinikenverwaltung in weite Ferne gerückt“, monierte er. Darüber hinaus habe sich die Psychosomatik mittlerweile ganz erledigt. „Eine weitere Luftnummer der Klinikengeschäftsführung ist geplatzt“, sagte er und ärgerte sich, dass sich die Verantwortlichen vom Krankenhaus erst in diesem Frühjahr um die Sondierung des Markts gekümmert hätten. „Die Privatklinik für seelische Erkrankungen ist nach einer Frühgeburt vor vier Jahren gerade eben verstorben, weil man den kleinen Patienten nicht von Anfang an untersucht hat“, wählte er bildliche und drastische Worte. Damit spielte er auch darauf an, dass der Klinikenaufsichtsrat schon 2016 beschlossen hat, ein solches Angebot vertiefend zu untersuchen, aber erst jetzt zu Potte gekommen sei. Bürgermeister Jan Trost bestätigte auf Nachfrage, dass sich die Pläne für eine psychosomatische Privatklinik in Marbach erledigt hätten. Auch der Rathauschef kritisiert in dem Zusammenhang das Vorgehen der Klinikenleitung und verweist ebenfalls auf den Beschluss von 2016. Die Analyse sei erst jetzt durchgeführt worden und habe ergeben, dass für das Projekt nicht genügend Marktpotenzial vorhanden sei. Insofern hätten die Verantwortlichen ihre Hausaufgaben nicht richtig erledigt. Das ziemlich vernichtende Urteil des Rathauschefs: „Das Projektmanagement ist nun schon seit vier Jahren verbesserungswürdig.“

Zum Stand der Dinge beim zweiten Ärztehaus möchte sich Trost nicht äußern. „Dazu wurde Stillschweigen vereinbart“, betont er. Nach der Sitzung des Klinikenaufsichtsrats werde eine Mitteilung zum Thema herausgegeben. Trost hält es jedoch theoretisch für denkbar, dass am Ende als einziger verbliebener Baustein des Gesundheitscampus das Pflegezentrum angesiedelt wird. Allerdings hat er die Hoffnung, dass es praktisch nicht so kommt. „Wir haben mit dem Beschluss zu dem Konzept der evangelischen Heimstiftung ein starkes Signal gesendet und eine Tür geöffnet“, erklärt er. Nun sei es an der Zeit, dass die Kliniken hindurchgehen und ihrerseits Fakten schaffen.

Vorverträge mit Medizinern sind noch nicht geschlossen worden.

Genau das schwebt dem Krankenhausgeschäftsführer Jörg Martin immer noch vor. „Wir haben großes Interesse an einem zweiten Ärztehaus“, beteuert er. „Es ist weiter unser Ziel, das zweite Ärztehaus zu etablieren“, bestätigt die zuständige Regionaldirektorin Anne Matros. Doch wahr sei auch, dass bislang keine Vorverträge mit Medizinern in trockene Tücher gebracht werden konnten. Deshalb könne man aktuell dem Klinikenaufsichtsrat guten Gewissens keinen Baubeschluss vorschlagen, betont Jörg Martin. Dazu müsse man 60 bis 70 Prozent an Absichtserklärungen in der Tasche haben. Doch wegen Corona seien die Praxen vieler niedergelassener Ärzte derzeit wie leer gefegt. „Die wissen nicht, wie es weitergeht“, erklärt der Klinikenchef. Entsprechend schwer sei die Akquise, die nun im Verbund mit der Stadt vorangetrieben werden solle. Insofern sei der Vorwurf auch nicht gerechtfertigt, man habe in der Sache nicht professionell genug agiert.

Diesen Schuh will sich Martin auch nicht im Hinblick auf die Untersuchung des Potenzials für eine Psychosomatik anziehen. „Da sind wir auch nicht untätig gewesen“, konstatiert er. Man habe sich andere Standorte angeschaut, ein medizinisches Konzept entwickelt, alles durchkalkuliert und sei schließlich bei Investitionskosten von 30 bis 40 Millionen Euro gelandet – ohne dabei Fördergelder abschöpfen zu können. Unterm Strich habe man sich dann dafür entschieden, von der Psychosomatik die Finger zu lassen. „Das werden wir nicht machen“, sagt Martin.

Zum Artikel

Erstellt:
1. Juli 2020, 16:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!