Backpacker statt Handballer und Torjäger

Nach 28 Jahren verabschiedet sich Marcel Lenz mit einer Mischung aus Wehmut und Vorfreude aus den Sporthallen, um auf Weltreise zu gehen. Das Drittliga-Heimspiel des HCOB gegen seinen Ex-Verein Horkheim ist für den Linksaußen und Siebenmeterspezialisten sein vorletzter Auftritt.

Noch zweimal liegt der Fokus von Marcel Lenz auf dem Handball, danach gilt sein Blick der großen weiten Welt. Foto: Alexander Becher

© Sportfotografie Alexander Becher

Noch zweimal liegt der Fokus von Marcel Lenz auf dem Handball, danach gilt sein Blick der großen weiten Welt. Foto: Alexander Becher

Von Alexander Hornauer

Es sind die letzten beiden Auftritte. Nicht nur im grünen Trikot des HC Oppenweiler/ Backnang, sondern auch als Handballer. Marcel Lenz beendet seine Laufbahn. Noch einmal das Drittliga-Duell am Samstag ab 20 Uhr gegen seinen Ex-Verein TSB Horkheim in der heimischen Gemeindehalle, dann die Woche drauf das Abschlussspiel gegen den HC Erlangen II. Danach tauscht der Linksaußen den klar strukturierten Tagesablauf des Lehrers und Handballers gegen Freiheit und Spontaneität: Der 32-Jährige bricht zu einer Weltreise auf.

Die Idee, neue Länder kennenzulernen und sich dafür viel Zeit zu nehmen, trägt Lenz schon eine Weile mit sich herum. Als Lehrer der Realschule Bissingen hat er die vergangenen vier Jahre darauf gespart, um sich nun in ein Sabbatjahr und auf eine Weltreise zu verabschieden. Dass dies einhergeht mit dem Ende der sportlichen Laufbahn, die ihn über Jahrzehnte begleitet und seinen Alltag bestimmt hat, war ihm klar, aber lange nicht gegenwärtig. „Vor der Saison habe ich gedacht, dass irgendwann dieser Moment kommt, ab dem ich darüber nachdenke: noch zehn Spiele, noch einmal gegen jeden Gegner. Tatsächlich kam das dann aber erst mit Beginn des Ligapokals. Da wurde mir konkret bewusst, dass das nun meine letzten sechs Spiele sind.“ Er vermutet: „Die Wehmut wird erst noch kommen.“

Klar ist: Für ihn geht ein Lebensabschnitt zu Ende. Und Marcel Lenz sagt: „Es war eine wahnsinnig schöne Zeit. Natürlich mit einem einengenden Rahmen – aber ich hatte immer mit tollen Leuten zu tun, und ich durfte dem nachgehen, was ich sehr gerne tue. Deshalb habe ich es nie als Bürde empfunden.“ Von klein auf nahm Handball eine große Rolle in seinem Leben ein. Damals spielte er im Nachwuchs des TV Bittenfeld. Eine prägende Zeit, „superwichtig für mich, da habe ich den Grundstein für alles Handballerische gelegt.“ Sein Talent fiel auf, er wurde in die Auswahlteams des HVW berufen. An die Lehrgänge denkt er gern zurück. Auch weil Ex-Landestrainer Kurt Reusch „prägend war und Vertrauen in mich hatte“.

Unerwartetes und unerfreuliches Ende beim HV Stuttgarter Kickers

Beim Übergang in den Erwachsenenbereich trainierte und spielte Lenz im Bittenfelder Zweitliga-Team. Für den jungen Handballer war es beeindruckend, im Kreise von Könnern wie den isländischen Nationalspielern Björgvin Páll Gústavsson (Torwart) oder Arnór Pór Gunnarsson (Rechtsaußen) erste Erfahrungen bei den Aktiven zu sammeln. Spielpraxis sammelte er beim TVB II. 2011 wechselte er in der Winterpause zum damaligen Drittligisten HV Stuttgarter Kickers. Sportlich ein guter Schritt, „ich hatte dort schnell eine wichtige Rolle und durfte sehr viel spielen“. In der Sommerpause meldete der Verein sein Team jedoch aus finanziellen Gründen ab. Für Lenz, der mit einem Folgevertrag ausgestattet war und an den Fortbestand der Mannschaft glaubte, „zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt“.

Über seinen früheren Sportlehrer Thilo Burkert fand er zum TSV Schmiden in die Württembergliga. Was die Spielklasse betrifft ein Rückschritt, „dafür habe ich dort viel auf Rückraum Mitte und Rückraum links gespielt“, auch das war eine wertvolle Erfahrung. 2014 ging’s zum TSB Horkheim, für den er vier Jahre spielte, in denen er sich als Drittliga-Torjäger etablierte. Wichtig für ihn: „Trainer Jochen Zürn hat mir Sicherheit gegeben. Er wusste, dass er sich auf mich verlassen kann.“ Marcel Lenz gab das Vertrauen zurück, als starker Konterspieler, als sicherer Siebenmeterschütze und vor allem als Spieler, der sich auch in kniffligen Momenten nicht versteckt. 2017 stand er mit Horkheim kurz vor dem Aufstieg in die zweite Bundesliga, das entscheidende Spiel gegen Hildesheim ging aber verloren.

Ein Jahr später wechselte er zum HCOB. Er spürte bei seinem neuen Klub und bei Trainer Matthias Heineke von Beginn an Rückendeckung – und übernahm ebenfalls auf Anhieb eine tragende Rolle. Der Rechtshänder trug dazu bei, dass sich das Team aus dem Murrtal von der unteren in die obere Tabellenhälfte verabschiedete. „Wir haben uns weiterentwickelt und die Mannschaft ist auch gut punktuell verstärkt worden“, findet Lenz. Er selbst trug mit 604 Toren in 86 Spielen maßgeblich dazu bei. Das entspricht einem Schnitt von sieben Treffern pro Partie, beeindruckend und der zweitbeste Wert der Vereinsgeschichte.

So bleibt er in Erinnerung. Und was bleibt bei ihm hängen? „Zum einen die Tatsache, dass das vier durch Corona unglaublich zerpflückte Runden waren. Nur die erste Spielzeit verlief normal, die zweite war im März vorbei.“ Zum anderen der erfreuliche Umstand, wie sich die nach wenigen Spielen abgebrochene Saison 2020/2021 mit der auf freiwilliger Basis durchgeführten Aufstiegsrunde für Lenz und Co. entwickelte. Das Team schaffte es überraschend weit. „Diese Aufstiegsrunde mit der Finalteilnahme war für mich eines der Highlights, hier beim HCOB und überhaupt. Da haben wir mit viel Fokus alles auf die Platte gebracht.“ Es habe sich dann auch gezeigt, dass stimmt, was gern behauptet wird, nämlich: „Dass wir ein eingeschworener Haufen sind, der mit allem, was er hat, füreinander kämpft.“ Das machte sich auch diese Saison bemerkbar, als zwischendurch die Abstiegsrunde drohte, das Team aber immer besser zusammenfand und in Staffel F der Dritten Liga beste Rückrundenmannschaft wurde.

Als die Zusammensetzung für den Ligapokal klar war, freute er sich, dass Horkheim und Oppenweiler/Backnang in einer Staffel sind. „Da treffe ich noch einmal auf viele Spieler, mit denen ich zusammen gespielt habe.“ Denn nicht nur für beide Klubs ist dieser Vergleich ein Besonderer, auch Marcel Lenz hat kaum ein Duell öfter absolviert – früher auf Horkheimer Seite, morgen nun zum siebten Mal für den HCOB.

Mitte August soll es nun auf Weltreise gehen. Dabei lässt sich Lenz viele Freiräume. „Geplant ist, dass es wirklich ein ganzes Jahr und mein erster Anlaufpunkt Kuba wird. Sonst habe ich keine Eckpunkte festgelegt, nichts gebucht.“ Dass er nach seiner Rückkehr wieder Handball spielt, schließt er aus: „Der Zahn der Zeit hat in den letzten Jahren an mir genagt. Ich habe selten schmerzfrei trainiert oder gespielt.“ Deshalb will er die letzten zwei Auftritte noch einmal genießen – um dann die Sporttasche gegen den Backpack auszutauschen.

Marcel Lenz erklärt

Siebenmeter „Zur Rolle des Siebenmeterwerfers bin ich in der Jugend gekommen. Und das war mit kurzen Ausnahmen immer so. Mein Grundgedanke ist, mit Variation zu werfen: mal schnell, dann habe ich wieder die drei Sekunden ausgenutzt, die man zur Verfügung hat. Im Prinzip geht es darum, nicht nach Schablone zu werfen, sondern den Torwart auszuschauen – und dann im richtigen Moment richtig zu entscheiden.“

Spielklasse „Ich hab knapp neun Jahre Dritte Liga gespielt. Für mich ist es tatsächlich eine besondere Spielklasse. Von Ausnahmen abgesehen, kann jeder gegen jeden gewinnen. Man bekommt es mit sehr vielen, sehr guten Handballern zu tun, die aber so clever sind, zugleich ihre berufliche Laufbahn voranzutreiben. Am liebsten waren mir Derbys mit kurzen Fahrten, auf die ganz langen Auswärtsfahrten kann ich gut verzichten.“

Unterstützung „Meine Familie war viel bei den Spielen dabei, und das mit viel Herz. Die sind jetzt in einer sportlichen Midlife-Crisis und fragen sich, was sie tun sollen. Zum Glück haben wir einen Verwandten, der in Bissingen Fußball spielt. Da sind sie zumindest am Samstagmittag aufgehoben. Und ansonsten tut sich immer wieder etwas Neues auf – vielleicht kommen sie weiterhin hin und wieder zu den Handballspielen nach Oppenweiler.“

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Erstellt:
6. Mai 2022, 11:30 Uhr

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