Bei drei Versuchen zweimal aufs Treppchen

Poolbillardspieler Tankred Volkmer erlebt ein eher karges Wettkampfjahr, zeigt bei seinen seltenen Turnierteilnahmen aber gute Leistungen. Der Rollstuhlfahrer aus Althütte gewinnt bei den Baltic Open in Tostedt die Disziplin 8-Ball und wird in der Steiermark erst im Finale gestoppt.

Tankred Volkmer stieß bei seinen Turnierteilnahmen in Norddeutschland und in der Steiermark jeweils ins Finale vor. Einmal reichte es dem 53-Jährigen sogar zum Sieg. Foto: R. Ehlers

© Rolf Christian Ehlers

Tankred Volkmer stieß bei seinen Turnierteilnahmen in Norddeutschland und in der Steiermark jeweils ins Finale vor. Einmal reichte es dem 53-Jährigen sogar zum Sieg. Foto: R. Ehlers

Von Uwe Flegel

Dass es im Sport in manchen Bereichen ein recht ruhiges Jahr war, das ist kein Geheimnis. Auch bei Poolbillardspieler Tankred Volkmer hielt sich die Zahl an Turnieren in Grenzen. Zweimal nahm der Rollstuhlfahrer aus Althütte den Queue bei Wettkämpfen aber doch in die Hand. Und das wie schon so oft ziemlich erfolgreich. Bei den offenen norddeutschen Meisterschaften in Tostedt und beim Austria Grand Prix in Kapfenberg bei Graz erreichte er zweimal das Finale und gewann dank eines Kraftakts einmal.

In der entscheidenden siebten Partie die große Chance aufs Halbfinale vergeben

Tostedt vor den Toren Hamburgs bildete für den 53-Jährigen den Saisonstart. Die Baltic Open waren die norddeutsche Poolmeisterschaft für Spieler mit unterschiedlichen Behinderungen. So wirkliche Beeinträchtigungen für den Sport waren bei so manchem Akteur an den Tischen allerdings nicht erkennbar. Volkmer juckte das jedoch herzlich wenig. Mit vier glatten Siegen und nur einer Niederlage kämpfte er sich souverän durch die Vorrunde. Im Viertelfinale lieferte er sich mit Richard Wunder (Düsseldorf) ein heißes Duell, in dem die Führung immer wieder wechselte. So brauchte es die entscheidende siebte Partie, um den Sieger zu finden. Volkmer hatte die große Chance, das Halbfinale zu erreichen, vergab sie aber. Während der Schwabe danach schmollend im Eck saß, gewann der Niedersachse diesen Vergleich sowie die zwei weiteren Duelle und war norddeutscher 8-Ball-Meister.

Der Frust hing Volkmer tags drauf in der Disziplin 9-Ball zunächst noch am Queue. Gegen den Saarländer Chris Welter unterlag er zum Auftakt rasch mit 2:4. Der Althütter stand dadurch früh unter Druck. Dem hielt er aber stand. Drei glatte Erfolge brachten ihm erneut die Endrunde. Dort wurde das Viertelfinale zur Zitterpartie. Ein ums andere Mal verstellte er die weiße Spielkugel und musste Lösungen für die schwere Fortführung finden. „Es war eine befreiende Last, die von meinen Schultern abfiel“, beschrieb er den Moment, als er den Matchball endlich versenkt hatte. Mit breiten Schultern dominierte der Akteur vom BV Backnang/Welzheim das Halbfinale. Einzig dass er einen Matchball überhastet vergab, ärgerte ihn: „Es hätte deshalb nochmals unnötig spannend werden können, aber es ging ja gut.“ 5:3 – das Finale war erreicht.

Das entwickelte sich gegen Chris Welter, gegen den er bereits zum Auftakt verloren hatte, zu einem Krimi. Zunächst hatte der Schwabe gegen den sehr konzentrierten Bexbacher aber keine Chance. Als die Neun zum 0:4 aus Volkmers Sicht versenkt war und sich alle auf ein schnelles Ende einstellten, witzelte der Althütter: „Dann können wir ja mal anfangen.“ In der Tat ging’s nun los. Der 53-Jährige war kaum noch vom Tisch zu bringen. Spiel für Spiel holte er auf, bis es nach dem 4:4 zum Showdown kam. Volkmer zeigte wenig Nerven, setzte aber die nicht ganz einfache drittletzte Kugel nur an die Taschenecke. Welter schlug kein Kapital daraus und sah sich deshalb mit einem toll gespielten Safe des Schwaben konfrontiert. Es folgte das Foul. Volkmer versenkte nun Ball um Ball zum ersten Titel bei den Baltic Open und sagte strahlend: „Der hat mir noch in der Vita gefehlt.“

Beim ersten Grand Prix in Österreich gleich bis ins Finale vorgestoßen

In der Steiermark wartete auf den Althütter ein weiteres Novum, hatte er doch noch nie an einem österreichischen Grand Prix teilgenommen. Nun folgte er der Einladung seines Innsbrucker Freundes Emil Schranz, mit dem er gemeinsam schon weltweit erfolgreich unterwegs war, zum Ranglistenturnier in Kapfenberg. Jedoch folgten nur acht weitere Rolliteilnehmer, allesamt aus der Alpenrepublik, dem Aufruf. Erneut startete Volkmer schlecht, verteilte vorweihnachtlich Geschenke en masse und verlor 1:4. Es gelang ihm aber die negativen Gedanken abzulegen. Er spielte weiter auf Angriff und mit zwei Whitewash, zwei glatte 5:0-Siege, war der einzige Deutsche schon vor dem letzten Gruppenspiel fürs Halbfinale qualifiziert. Dass er in Partie Nummer vier mit 2:3 unterlag, fiel da nicht ins Gewicht: „Da wollte ich einfach meine Kräfte sparen und war unkonzentriert.“

Gut gedacht, denn die Kräfte brauchte er im Halbfinale gegen den Linzer René Haugeneder wirklich. Auch wenn sich der Deutsche deutlich mit 4:1 durchsetzte, war das Duell bei Weitem keine so klare Angelegenheit. Im Endspiel war die Frage nach dem Gewinner schnell geklärt. Volkmer war das Matchglück, das er im Halbfinale noch hatte, verloren gegangen. Dazu kamen noch kuriose Fouls. Am Ende streckte der Grazer Harald Fink den Siegerpokal nach einem lupenreinen 4:0 in die Höhe. „Ich dachte, es geht auf fünf Gewinnspiele“, urteilte der Zweitplatzierte augenzwinkernd und hatte dabei sein großartiges Comeback in Tostedt im Kopf. „Das nötige Quäntchen Glück braucht man auch zur richtigen Zeit“, fügte er noch hinzu und dachte bei dem Satz auch an die Heimfahrt ins schwäbische Althütte. Denn da nahm ihm ein Auto die Vorfahrt, es blieb allerdings beim Blechschaden.

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Erstellt:
21. Dezember 2021, 06:00 Uhr

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