Blanke Wut und nackte Angst

Gut eine Woche nach dem Rückzug von Sportvorstand Heidel drohen auf Schalke weitere personelle Konsequenzen

Die Geduld der Schalke-Anhänger ist aufgebraucht. Aus Wut über den neuerlichen spielerischen Offenbarungseid des Teams gegen Düsseldorf gingen sie auf die Barrikaden.

Gelsenkirchen /DPA/SID - Beim Spießrutenlauf schritt Domenico Tedesco entschlossen vorneweg. Die Spieler hielten ängstlich Abstand, als sich der Trainer des abgestürzten Vizemeisters Schalke 04 am Zaun der Nordkurve den wütenden Fans ganz allein stellte – mit demonstrativ gefalteten Händen und einem angedeuteten Winken. Entschuldigen wollte sich der 33-Jährige, verabschieden aber noch nicht. Tedesco schloss einen freiwilligen Rückzug aus. „Ich bin ­keiner, der sich verpisst“, sagte er nach dem 0:4(0:1)-Debakel gegen Aufsteiger Fortuna Düsseldorf.

Und entlassen wird er vorerst nicht. Denn derjenige, der über seine Zukunft entscheidet, ist noch nicht im Amt. Jochen Schneider, der künftige Nachfolger des zurückgetretenen Christian Heidel, saß aber schon auf der Tribüne neben Aufsichtsratschef Clemens Tönnies. „Der Sportvorstand ist noch nicht eingesetzt. Er wird am Dienstag was dazu sagen“, sagte Tönnies nach dem Spiel. Doch die brodelnde Stimmung im Stadion und die schlechteste Bilanz seit der Abstiegssaison 1982/83 dürften den Vorstand zu weiteren personellen Konsequenzen veranlassen. Denn allein mit dem Rückzug von Sportvorstand Christian Heidel am vergangenen Wochenende scheint die Krise nicht behoben.

An diesem Montag tritt der Aufsichtsrat zusammen, um den 48-Jährigen in den Vorstand zu berufen – erst danach kann Schneider die Trainerfrage beantworten. Wird der neue Mann tatsächlich am Dienstag bei seiner offiziellen Vorstellung als erste Amtshandlung sofort Tedesco feuern?

Tönnies will ihm diese Entscheidung auf keinen Fall abnehmen. „Ich werde jetzt nicht anfangen, den Trainer ein- oder auszustellen. Das mache ich nicht“, betonte der Schalke-Boss. Argumente für eine Weiterbeschäftigung des Überfliegers der vergangenen Saison, der seinen Vertrag im vergangenen Sommer bis 2022 zu verdoppelten Bezügen verlängert hatte, fand Schneider am Samstag nicht.

Die von seinem Vorgänger für 160 Millionen Euro zusammengestellte Mannschaft präsentierte sich wie ein Absteiger. „Leblos, mutlos, leer“ nannte Tedesco den Auftritt des Champions-League-Achtelfinalisten, der in atemberaubendem Tempo dem Abgrund entgegenrast, „kein Charakter, null, nichts“.

Nach sechs Bundesliga-Spielen in Folge ohne Sieg und der höchsten Heimpleite gegen Düsseldorf seit dem ersten Abstiegsjahr 1981 trennen die Königsblauen nur noch zwei Punkte vom Tabellen-15. FC Augsburg. Auch der Vorsprung auf den Relegationsplatz ist längst nicht mehr beruhigend.

Nicht nur der Trainer, sondern auch Benjamin Stambouli bekam die Ablehnung zu spüren. Sein Versuch, mit besänftigenden Worten auf die verärgerten Ultras einzuwirken, endete in einem Eklat. „Die haben mir die Kapitänsbinde abgenommen. Das war sehr schwer für mich“, bekannte der 28 Jahre alte Franzose mit Tränen in den Augen.

Zuvor hatte sein Team sich wehrlos dem couragierten Aufsteiger ergeben. Dodi Lukebakio per Handelfmeter nach Videobeweis (35.), Winterzugang Dawid Kownacki per Doppelpack (62./84.) und Benito Raman (68.) schossen die Fortuna zum ersten Sieg auf Schalke seit dem 10. Mai 1997 (1:0), mit 31 Punkten kann der Aufsteiger für die nächste Bundesliga-Saison planen.

Bei den Gelsenkirchenern geht dagegen die Angst um. Dass sie mit 23 Zählern aus 24 Spielen nicht schon längst auf einem der drei letzten Plätze stehen, haben sie allein den anderen Clubs im schwächsten Abstiegskampf der Bundesliga-Historie zu verdanken. „Wir sind definitiv jetzt drin in der ­Misere“, gab Tedesco zu, „es geht um Überlebenskampf.“ Tedescos Kommentar klang mehr nach Resignation als nach Zukunftsglaube. „Die Mannschaft war vor dem Spiel lebendig, aber im Spiel tot“, bekannte Tedesco. Ähnlich schwer tat sich Nationalspieler Mark Uth mit dem Versuch, den Absturz des Vorjahreszweiten zu erklären: „Wir wissen nicht, wie wir aus der Situation herauskommen. Wenn man sieht, wie wir Fußball spielen. Wir spielen ja gar kein Fußball. Ich weiß es selber nicht genau, was wir da machen.“ Auch für ihn.

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Erstellt:
4. März 2019, 03:04 Uhr

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