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Bundesliga braucht Notfallplan - Hoeneß: „Alles auf Null“

dpa Frankfurt/Main. Ein drohender Einnahmeausfall von 750 Millionen Euro. Eine lähmende Ungewissheit, wann überhaupt wieder gespielt werden kann. Die Fußball-Bundesliga steckt durch das Coronavirus tief im Krisenmodus. Und Uli Hoeneß macht vor dem wichtigen Gipfeltreffen wenig Hoffnung.

Fordert eine lange Pause aufgrund der Corona-Krise: Ex-Bayern-Boss Uli Hoeneß. Foto: Sven Hoppe/dpa

Fordert eine lange Pause aufgrund der Corona-Krise: Ex-Bayern-Boss Uli Hoeneß. Foto: Sven Hoppe/dpa

Die Angst vor dem Kollaps wächst. Uli Hoeneß malt für den deutschen Fußball ein richtig bedrohliches Szenario.

Die Nervosität ist vor dem Krisentreffen am Frankfurter Flughafen bei den Club-Chefs inmitten der Corona-Pandemie und einem drohenden Ausfall von rund 750 Millionen Euro förmlich greifbar. „Wir müssen endlich der Realität ins Auge schauen. Wir müssen vier Wochen warten, alles auf Null fahren. Vielleicht müssen wir im Oktober noch aufhören, Fußball zu spielen. Das weiß kein Mensch“, sagte der Ehrenpräsident des FC Bayern München am Sonntag in der Sport1-Sendung „Doppelpass“.

Bundesliga-Boss Christian Seifert steht beim Sonder-Meeting am Montag, der Mitgliederversammlung aller 36 Profi-Clubs, vor seiner bislang größten Bewährungsprobe. Nach der massiven Kritik an der Deutschen Fußball Liga für deren zögerliches Krisenmanagement vor der ersten Spieltagsabsage werden die Branchenführer Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke zu seinen wichtigsten Adjutanten.

Die außerordentliche Summe von rund einer dreiviertel Milliarde Euro Einnahmeverlust bei einem nach wie vor drohenden Totalausfall der Restsaison hat auch die Führung der Top-Clubs Bayern München und Borussia Dortmund mächtig aufgeschreckt. Denn eine Versicherung für den immensen materiellen Schaden hat der deutsche Fußball nicht, wie der Deutschen Presse-Agentur aus Ligakreisen bestätigt wurde.

Die Suche nach einem Notfallplan zur Rettung des Spielbetriebs hat daher höchste Priorität. Bayern-Vorstandschef Rummenigge schwingt sich in der laut BVB-Chef Watzke „größten Krise des deutschen Profi-Fußballs“ zum Überbringer unliebsamer Wahrheiten auf, die DFL-Geschäftsführer Seifert bislang noch nicht ausgesprochen hat.

Bislang habe man in Vermarktungsfragen immer solidarische Lösungen gefunden, „aber wichtig ist, das erstmal jedem klar wird, was ein Aussetzen, eine Unterbrechung oder gar eine Beendigung der Bundesliga-Saison 2020 bedeuten würde“, mahnte der 64-Jährige schon vor der Absage des 26. Spieltags. Insolvenzen mehrerer mittlerer und kleinerer Clubs könnten sogar einen geordneten Fortbestand der Bundesliga in der nächsten Saison in Gefahr bringen, der ganze Fußball dauerhaft in Schieflage geraten, so die Drohkulisse.

Formal beschließen werden die 36 Profi-Vereine am Montag wohl nur die Absage auch des nächsten Spieltages am kommenden Wochenende. Ob dieses knappe Zeitspiel ausreicht und nach der Länderspielpause Anfang April Fußball zumindest in der bei Fans wie Spielern ungeliebten Geisterspiel-Variante möglich ist, erscheint fraglich. Die Prognosen der führenden Wissenschaftler deuten überhaupt nicht daraufhin, dass der Fußball-Alltag schnell zurückkommt.

Nach Informationen von „11Freunde“ wird die DFL die Verlegung des 28. und vermutlich auch des 29. Spieltages vorschlagen, also bis einschließlich Ostern. Damit hätte die Bundesliga bis zum Wochenende am 17./18. April Zeit.

Sollte der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden, dann wohl ohne Zuschauer, wie Watzke mutmaßte: „Wenn wir in dieser Saison nochmal spielen, werden es Geisterspiele sein. Niemand in der Bundesliga geht noch davon aus, dass wir noch Spiele mit Zuschauern haben werden“, sagte der BVB-Geschäftsführer am Sonntag in einer Sonderausgabe der ARD-„Sportschau“.

Auch die Aussagen von Hoeneß klingen wenig beruhigend. „Ich finde es Scharlatanerie, heute zu sagen, was in vier Wochen passiert. Wir müssen den Wissenschaftlern die Zeit geben, um das Therapeutikum zu finden. Alle andere ist Schaumschlägerei.“ Auch DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius sieht eine Herkulesaufgabe: „Die gesamt deutsche Gesellschaft steht wohl vor einer ihrer größten Herausforderungen, so auch der Fußball. Das Ausmaß ist noch gar nicht so recht absehbar, ich fürchte, dass wir erst am Anfang stehen.“

Der Berliner Senat schloss am Samstag alle Sportstätten - inklusive Olympiastadion und Alte Försterei - vorerst bis zum 19. April. Zumindest Hertha BSC und Union Berlin werden also nicht wie erhofft vor Ostern in den Spielbetrieb zurückkehren können. Das steht schon vor der Liga-Vollversammlung fest. „Ich bin aber kein Hellseher wie lange uns das Thema begleiten wird. Wichtig ist, man muss jetzt erstmal die Karten ganz seriös auf den Tisch legen, sich dann damit auseinandersetzen und am Ende des Tages über Lösungsansätze diskutieren“, forderte Rummenigge.

Sollte der sportliche wie ökonomische Worst Case eintreten und die Saison tatsächlich nach 25 Spieltagen beendet werden müssen, würde allein durch den Wegfall der Fernsehgelder für die letzten neun Runden bei etwa 1,4 Milliarden Euro TV-Gesamtgeldern für alle 34 Spieltage ein Einnahmeausfall von rund 370 Millionen Euro anfallen.

Die TV-Sender und Streamingdienste könnten die nicht erbrachten Leistungen geltend machen, weiß man auch bei der DFL. „Es handelt sich um private Vertragsvereinbarungen, die verständlicherweise nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind“, hieß es hierzu vom Hauptvertragspartner Sky. Schaden im jeweils dreistelligen Millionenbereich entstünde zudem durch entgangene Sponsorengelder und fehlende Eintrittsgelder.

„Es steht zu hoffen, dass die Bundesliga-Clubs in den vergangenen Jahren so viel Substanz gebildet haben, dass alle diese Krise überstehen“, hatte Watzke gesagt und damit die zuvor getroffenen Aussagen von Rummenigge untermauert. „Wenn diese Zahlung ausbleiben würde, wäre zu erwarten, dass zumindest viele kleine und mittlere Vereine finanzielle Probleme kriegen würden“, hatte der Bayern-Chef gesagt. Für das Geständnis, gerade auch aus ökonomischen Kalkül lange mit der Absage des Spieltags an diesem Wochenende gezögert zu haben, hatte Rummenigge Kritik in sozialen Netzwerken geerntet.

Entscheidend wird sein, die Bundesliga-Saison bis spätestens zum 30. Juni, wenn viele Spielerverträge auslaufen, zu beenden. Kollektiv wird sich der deutsche Fußball für eine EM-Verschiebung ins Jahr 2021 aussprechen, über die die UEFA am Dienstag entscheidet. Rückendeckung der Fans gibt es hierfür. Laut einer Umfrage des Meinungsinstituts Bundesliga-Barometer in Kooperation mit Sport1 sind nur 3,3 Prozent der Befragten noch für eine EM in diesem Sommer.

Zur Verhandlungsmasse verkommen sind auch die Champions League und die Europa League, die möglicherweise mit Final-Four-Turnieren ihre Sieger im Mai ermitteln könnten, um Ersatz-Slots für die nationalen Ligen zu schaffen, berichtet die spanische Zeitung „As“.

Ein vom früheren DFL-Spitzenmann und St. Pauli-Funktionär Andreas Rettig - einem Querdenker der Branche - ins Spiel gebrachter Solidarfonds wird skeptisch betrachtet. Man sei nicht die Europäische Zentralbank und könne auch keine Notreserven anzapfen wie die Bundespolitik.

Die spürbar zunehmende Nervosität in den Chefetagen der Clubs hat also ihren Grund. Die Lage ist so ernst, dass längst auch sportliche Fallszenarien für eine Komplett-Absage am Montag diskutiert werden müssen, hieß es. Die Optionen sind dabei laut Statuten vielfältig. Mit Dreiviertel-Mehrheit könnte eine Meisterkür nach derzeitigem Tabellenstand am Grünen Tisch erfolgen. Wahrscheinlicher wäre, dass es 2020 keinen Meister gibt. Auch eine Aufstockung der Liga, um harte Auf- und Abstiegsfragen zu vermeiden, müsste die DFL beschließen. Entscheidungen in dieser Frage werden aber noch nicht erwartet.

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Erstellt:
15. März 2020, 14:17 Uhr

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