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„Das Thema Emotionalität rückt in den Vordergrund“

Das Interview: Fifa-Schiedsrichterin Karoline Wacker hat ihr erstes Fußballgeisterspiel in der Frauen-Bundesliga gepfiffen. Für die 29-Jährige von den Sportfreunden Großerlach war es etwas Besonderes, den 3:0-Heimsieg des FC Bayern München im Verfolgerduell gegen die TSG 1899 Hoffenheim zu leiten.

Schiedsrichterin Karoline Wacker von den Sportfreunden Großerlach hat ihr 50. Spiel in der Frauen-Bundesliga gepfiffen, was zugleich ihr erstes Geisterspiel war. Foto: Imago

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Schiedsrichterin Karoline Wacker von den Sportfreunden Großerlach hat ihr 50. Spiel in der Frauen-Bundesliga gepfiffen, was zugleich ihr erstes Geisterspiel war. Foto: Imago

Von Heiko Schmidt

Sie hatten im Verfolgerduell der Bundesliga der Fußballerinnen zwischen dem FC Bayern München und der TSG 1899 Hoffenheim Ihr erstes sogenanntes Geisterspiel gepfiffen. Dieses war zugleich Ihr 50. Match in der Frauen-Bundesliga. Wann und wie haben Sie erfahren, dass Sie genau diese Fußballpartie leiten werden?

Eine Woche davor habe ich erfahren, dass ich ein Spiel pfeifen werde. Wir Schiedsrichter werden wie die Spieler vor dem Restart zweimal auf Corona getestet. Das heißt eine Initialtestung eine Woche vor dem Spiel und ein weiterer Test einen Tag vor der Partie. Die endgültige Ansetzung habe ich am Abend vor dem Spiel erhalten. Ich wusste aber bereits seit dem vorherigen Wochenende, dass ich ein Spiel haben werde, aber die genaue Paarung noch nicht.

Haben Sie sich wie die Teams mit einem Quarantänetrainingslager auf die bevorstehenden Partien in der Coronazeit vorbereitet?

Nein. Da wir kein Mannschaftstraining haben, gibt es für uns Schiedsrichter auch nicht diese spezielle Quarantänevorschrift wie für die Mannschaften. Nichtsdestotrotz versucht man, selber seine Kontakte einzuschränken, um die Coronagefahr zu minimieren. Man hält sich im sozialen Bereich zurück.

Wie haben Sie sich auf die Begegnung vorbereitet?

Letztendlich wie auf alle anderen Spiele auch. Man muss trainieren und wissen, worum es in dem Spiel geht, und sich auf verschiedene Szenarien vorbereiten. Es hat ja der Zweite gegen den Dritten gespielt. Somit ging es um die Qualifikation für die Champions League. Über solche Dinge muss man sich im Klaren sein.

Und bestimmt auch darüber, dass es ein sogenanntes Geisterspiel ist. Oder?

Genau. Es sind halt keine Zuschauer da und somit rückt das Thema Emotionalität der Beteiligten in den Vordergrund. Auch ist der mediale Fokus viel höher, weil das Spiel in über zehn Ländern live übertragen wurde. Auf der anderen Seite ist das für die Frauen-Bundesliga eine tolle Chance.

Wie hat der Tag, an dem das Spiel ausgetragen wurde, für Sie begonnen?

Ich bin relativ früh am Morgen losgefahren, weil aufgrund des Hygienekonzepts des DFB versucht wird, uns Schiedsrichter so anzusetzen, dass wir nicht übernachten müssen. Ich habe dann meine ganz normale Spielvorbereitung gemacht. Als ich in München angekommen bin, habe erst am Stadion meine Assistenten getroffen, da wir nicht gemeinsam anreisen dürfen.

Welches Gefühl hatten Sie, als Sie auf das Spielfeld gegangen sind?

Es ist schon ein bisschen anders gewesen, weil man vor dem Spiel komplett alleine ist. Sonst hat man mit Spielern, Trainern oder Betreuern kurz gesprochen. So waren wir in unserem Schiedsrichter-Team alleine und haben uns dann gemeinsam aufs Spiel vorbereitet.

War es für Sie gewöhnungsbedürftig, dass Sie während der Partie alles hören konnten?

In der Tat, man bekommt die komplette Kommunikation mit. Schon vor dem Spiel hört man alles beim Warmmachen der Mannschaften. Während des Spiels hört man jede Ansage von den Trainern auf. Aber man bekommt auch mit, wenn über eine Schiedsrichterentscheidung gesprochen wird. Das ist natürlich schon ungewohnt, weil das sonst durch die Zuschauer abgedeckt wurde.

Die Kommunikation mit den Spielerinnen war doch bestimmt besser als früher...

Das stimmt, das war schon toll. Die Kommunikation konnte besser gepflegt werden. Dadurch, dass es leiser ist, hat man die Möglichkeit, jemand noch etwas kurz zu sagen.

Gab es da eine besondere Situation für Sie während der Begegnung?

Natürlich gab es ein paar interessante Situationen im Spiel, die auch im Video im Nachgang analysiert wurden. Ich habe mir die Szenen, die für mich entscheidend waren, noch einmal angeschaut. Ich denke, dass die Entscheidungen gepasst haben.

Wurden Regeländerungen vom DFB für die sogenannten Geisterspiele vorgenommen?

Die einzige Änderung, die in dem Sinne coronaspezifisch ist, dass die Mannschaften bis zu fünf Spieler bei drei Spielunterbrechungen auswechseln dürfen. Ansonsten gibt’s keine Änderungen.

Gibt es für die Schiedsrichter besondere Hygieneregeln, die von den Vorschriften für die Spieler abweichen?

Nein. Wir sollen uns genauso an die Vorgaben halten. Da ist nichts anders.

Wie verlief für Sie die Zeit unmittelbar nach dem Abpfiff der Partie?

Das war anders. Normalerweise sprechen wir kurz nach dem Spiel noch miteinander. Am Samstag haben wir dann nach dem Spiel unser Vesper in die Kabine bekommen. Dann haben wir geduscht und uns auf dem Heimweg gemacht, jeder für sich. Das ist natürlich schon ungewohnt. Normalerweise isst man etwas nach Spiel zusammen und redet noch einmal in Ruhe übers Spiel. Es wird viel weniger mit den Personen, die am Spiel beteiligt sind (zum Beispiel Trainer und Betreuer), kommuniziert.

Steht schon fest, wann Sie die nächste Begegnung leiten werden?

Das weiß ich aktuell nicht. Wir werden eine Woche im Voraus eingeteilt. Fürs kommende Wochenende bin ich nur als Back-up vorgesehen. Falls sich in einem Schiedsrichterteam jemand verletzen oder ein Coronatest positiv ausfallen würde, würde ich dann einspringen.

Wie verbringen Sie die Zeit zwischen den Partien?

Ich arbeite und trainiere in dieser Zeit. Zudem wird das Spiel analysiert.

Da bleibt dann allerdings nicht mehr viel Zeit für andere Sachen. Oder?

Das stimmt (lacht).

Wir halten Sie in der Coronazeit den Kontakt zu Ihren Kollegen unter den Schiedsrichtern?

Aktuell geht viel über das Telefon und über WhatsApp. Es finden aber auch viele Videocalls statt. Ich versuche, zum Beispiel mit meinem Gespann regelmäßig Videokonferenzen durchzuführen. Damit weiß ich dann, wie es ihnen geht, sie wissen somit auch, wie es mir geht und was wir so machen. Wir tauschen uns auch über die Trainingsinhalte aus. Das tut ganz gut, zu wissen, was die anderen trainieren.

Und wie läuft der Kontakt zum DFB?

Innerhalb vom DFB ist die Kommunikation auch ganz gut. Wir haben regelmäßig Videokonferenzen. Bei denen werden wir gebrieft zur aktuellen Situation. Wir bekommen aber auch über Portale die Auslegungen von Spielszenen und Trainingspläne zur Verfügung gestellt. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten, bei denen wir in Kontakt miteinander treten.

Zur Person

Karoline Wacker wurde am 19. Februar 1991 in Murrhardt geboren. Sie begann 2004 als Schiedsrichterin und wurde 2012 erstmals für die DFB-Liste nominiert, nachdem sie bereits seit 2009 als Schiedsrichterassistentin in der Frauen-Bundesliga eingesetzt wurde. In der Folge pfiff sie zunächst Spiele der Zweiten Frauen-Bundesliga. Seit 2014 leitet Wacker auch Spiele in der Frauen-Bundesliga. Bei den Männern pfeift sie parallel seit 2014 Spiele der Oberliga. Seit der Saison 2017/2018 darf die Murrhardterin auch Partien bis zur viertklassigen Regionalliga leiten, in der sie bereits seit der Saison 2014/2015 als Schiedsrichterassistentin eingesetzt wurde.

International hatte Wacker in der Saison 2015/2016 ihre ersten Einsätze als Schiedsrichterassistentin in der Champions League der Frauen, bei der sie in vier Partien an der Linie stand. Höhepunkt war das Halbfinalhinspiel zwischen den französischen Spitzenteams Olympique Lyon und Paris Saint-Germain, welches von Bibiana Steinhaus geleitet wurde. Im Herbst 2016 folgte ein Länderspiel der deutschen Frauen-Nationalmannschaft gegen die Niederlande, in welchem Wacker der ungarischen Schiedsrichterin Katalin Kulcsár assistierte. Im Jahr 2017 wurde Wacker zur Fifa-Schiedsrichterin berufen. Seitdem leitete sie ein WM-Qualifikationsspiel zwischen den Frauen von Israel und Finnland.

Wacker pfeift für die Sportfreunde Großerlach und gehört zur Schiedsrichtergruppe Backnang. Sie wohnt in Lehrensteinsfeld, arbeitet als Betriebsprüferin beim Finanzamt.

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Erstellt:
4. Juni 2020, 11:30 Uhr

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