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Der gelebte Traum

Die wichtigsten Gründe für die erste Meisterschaft der Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart

Volleyball - Die Stuttgarter Volleyballerinnen sind die Nummer eins in Deutschland – weil sie in der dramatischen Finalserie gegen den SSC Schwerin meisterlich aufgetreten sind. Doch es gibt weitere Gründe für den ersten DM-Titel.

Stuttgart Zweieinhalb Stunden war die Scharrena ein Tollhaus. Es wurde angefeuert, getrommelt, geschrien. Und anschließend gejubelt und gefeiert. Dann, ganz plötzlich, kehrte Stille ein. Fast andächtige Ruhe. Kurz bevor die ersten Töne der deutschen Nationalhymne erklangen, hatten die Stuttgarter Volleyballerinnen einen Moment lang Zeit, darüber nachzudenken, was ihnen soeben gelungen war. Erstmals standen nicht sie frustriert daneben, während der neue Meister geehrt wurde. Erstmals waren alle Blicke auf sie gerichtet. Auf das Team auf dem Podest. „Unser Traum“, sagte Sportchefin Kim Renkema, „ist Realität geworden. Ich bin so stolz auf die Mannschaft, stolzer geht es nicht.“ Kurz darauf bekam sie eine Sektdusche verpasst. Willkommen in der Wirklichkeit.

Zuvor hatte der Sport eine Geschichte geschrieben, wie sie nur der Sport zu schreiben imstande ist. Seit der 0:3-Pleite im vierten Finalduell am Donnerstag beim SSC Schwerin hatten die Zweifler Oberwasser. Zu groß war der Leistungsunterschied gewesen, zu selbstsicher der Titelverteidiger aufgetreten. Doch Allianz MTV Stuttgart stand wieder auf, deklassierte den Gegner in den ersten beiden Sätzen des entscheidenden Duells (25:12, 25:20). „So gut“, sagte Kapitänin Deborah van Daelen, „haben wir gegen Schwerin noch nie gespielt.“ Das stete Auf und Ab, das beide Teams in dieser Finalserie begleitete, ging allerdings weiter.

Der Gastgeber gab den dritten Satz klar ab (14:25), lag im vierten Durchgang aber 23:21 vorne. Nur zwei Punkte fehlten noch zum DM-Titel, doch der SSC Schwerin schlug erneut zurück, holte sich den letzten Punkt zum 26:24 dank einer Stuttgarter Netzberührung. „Ein Team, das auf diese Weise eine Führung verspielt, verliert den Tie-Break in neun von zehn Fällen“, meinte Kim Renkema. Ihre Mannschaft siegte 15:11 – und die Scharrena, in der es schon längst niemand mehr auf seinem Sitz hielt, explodierte. Der Rest war nicht enden wollender Jubel. Und die Suche nach den Gründen für die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte.

Der Teamgeist Um Rückschläge wie die 0:3-Niederlagen im Pokalfinale und im vierten Play-off-Duell in Schwerin derart wegstecken zu können, braucht es großen Zusammenhalt. Vertrauen ineinander. Gegenseitige Unterstützung. „Ich habe ein wunderbares Team“, sagte Trainer Giannis Athanasopoulos, nachdem er mit seinen Spielerinnen Sirtaki getanzt hatte, „ich bin seit fünf Jahren hier. Doch eine Mannschaft, die sich so nahestand, habe ich noch nie erlebt. Es war einfach nur fantastisch.“

Die individuelle Qualität Der Mittelblock von Allianz MTV Stuttgart ist überragend, die Außenangreiferinnen Sarah Wilhite und Jana-Franziska Poll zeigten nicht nur bei den drei Heimsiegen im Finale starke Leistungen, Roosa Koskelo ist eine außergewöhnliche Libera. Doch ohne Krystal Rivers wäre alles nichts. Die Diagonalangreiferin machte im fünften Finale 29 (!) Punkte, im Tie-Break verwandelte sie 80 Prozent ihrer Angriffe. „Sie hat ein Momentum erlebt, wie es ihr in ihrer Karriere wohl nicht mehr allzu oft passieren wird“, meinte SSC-Trainer Felix Koslowski. Anschließend erhielt die US-Amerikanerin, die seit vier Wochen unter Knieproblemen leidet, die Trophäe für die stärkste Bundesliga-Spielerin. „Ohne sie wären wir jetzt nicht Meister, sie ist die Beste der Saison “, sagte Geschäftsführer Aurel Irion, „dass es uns gelungen ist, sie zu halten, ist enorm wichtig. Es gibt uns die Garantie, auch künftig oben mitspielen zu können.“ Der Heimvorteil In der Finalserie gingen alle Spiele an den jeweiligen Gastgeber. Was nur zeigt, wie wichtig es war, dass der MTV die Bundesliga-Hauptrunde gewonnen hat. Danach stand fest, dass ein etwaiges fünftes Finale in der Scharrena stattfinden würde. Dort gibt es ein unglaublich begeisterungsfähiges Publikum, das die Mannschaft mithilfe von Hallensprecher Frank Schuhmacher zu immer neuen Höchstleistungen treibt. „Ich glaube nicht, dass wir ein fünftes Spiel in Schwerin gewonnen hätten“, sagte Irion, „unsere Fans sind Wahnsinn. Sie wollten den Titel genauso wie die Mannschaft.“

Die Verletzung Der Wadenbeinbruch, den sich Julia Schaefer am Donnerstag in Schwerin zugezogen hatte, war zwar hart für sie, aber zugleich eine Motivation für die Mannschaft. Alle wollten den Titel holen, für sich, für den Verein, für die Fans. Und nun auch noch für die Verletzte. „Ihr Fehlen hat alle noch mehr angetrieben“, sagte Renkema. Dazu passend feuerte die Außenangreiferin ihr Team lautstark an und versuchte, all ihre verbliebene Energie weiterzugeben. Nach dem Triumph feierte sie so ausgelassen wie der Rest des Teams. Und nahm ihr Unglück mit Humor: „Jetzt bin ich deutscher Fraktur-Meister.“ Der Trainer Nach der Pleite in Schwerin hat Giannis Athanasopoulos zwei Nächte lang keine Minute geschlafen. Stattdessen machte er sich ständig Gedanken über die richtige Strategie für das finale Duell. „Mit unserem Budget vier Jahre in Folge Zweiter zu werden ist ein großer Erfolg“, sagte der Grieche, „ich kann noch gar nicht glauben, dass wir nun Meister sind.“ Dabei könnte dieser erste Titel für ihn nur ein Anfang sein. „Er macht einen tollen Job“, sagte Irion, „dass er nun mit einer Mannschaft, die nicht der Favorit war, die Schale geholt hat, zeigt nur, dass er ein ganz großer Trainer werden kann.“ Das Umfeld Allianz MTV Stuttgart hat seit drei Jahren einen hauptamtlichen Geschäftsführer, dazu seit zwei Jahren eine hauptamtliche Sportdirektorin. Diese Professionalisierung zahlt sich aus. Der Verein steigerte seinen Etat auf 1,6 Millionen Euro, und er entwickelt sich auch sonst stetig weiter. Was laut Irion viel mit seiner Kollegin zu tun hat, der früheren Kapitänin des MTV-Teams. „Kim Renkema ist nicht nur das Gesicht des Volleyballs in Stuttgart, sondern repräsentiert diesen Sport in Deutschland wie keine andere“, sagte der Geschäftsführer, „sie gibt unserem Projekt eine neue Qualität, weil sie den Volleyball-Sachverstand hat, den mein Vorgänger Bernhard Lobmüller und ich nicht haben.“ Und der nun wieder gefragt ist. Die Verantwortlichen müssen für nächste Saison ein neues Team zusammenstellen, das schwere Aufgaben hat. Den Titel verteidigen. Im Pokal erfolgreich sein. Erneut in der Champions League bestehen, dann sogar als einziger deutscher Vertreter. Und zudem soll die Mannschaft die Scharrena auch künftig in ein Tollhaus verwandeln. Nicht immer. Aber immer wieder.

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Erstellt:
13. Mai 2019, 02:04 Uhr

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