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Die Hölle im Herzen

Warum für den Radprofi John Degenkolb der Klassiker Paris–Roubaix ein gutes Pflaster ist

Viele Profis hassen die Kopfsteinpflaster-Hatz nach Roubaix. Nicht so John Degenkolb. Seine Liebe für den wichtigsten Klassiker des Radsports geht sogar über das Rennen hinaus.

Paris /STN - Sie sind ausgerüstet mit Schaufeln, Spitzhacken, Schubkarren, knien im Dreck und klopfen Steine. „Les Amis de Paris–Roubaix“, die Freunde von Paris–Roubaix, gelten als verschworener Haufen. John Degenkolb ist mit jenen Unermüdlichen, die das historische Kopfsteinpflaster im Norden Frankreichs hegen und pflegen, nicht nur im Geiste verbunden. Der deutsche Radprofi ist auch Botschafter für die Freunde des wichtigsten Klassikers des Radsports, er sammelt Spenden und macht Werbung für die gemeinsame Sache. Alle eint die Liebe für „L’enfer du Nord“ – die Hölle des Nordens.

Paris–Roubaix ist ein Mythos. Ein Monument – und speziell für Degenkolb (30) etwas ganz Besonderes. „Das Rennen besteht seit über 120 Jahren, es trieft vor Tradition“, sagt der Thüringer, „das Kopfsteinpflaster, die alten Steinduschen im Velodrom von Roubaix, die Messingschilder mit den Namen der Sieger, das alles existiert nur dort.“

Eines dieser Schilder trägt seinen Namen. 2015 gewann Degenkolb in Roubaix , als erster Deutscher nach Josef Fischer 1896. Für Degenkolb war es die Erfüllung eines Kindheitstraumes: „Als kleiner Junge klebte ich bei Paris–Roubaix immer vor dem Fernseher. Ich war von der ersten Sekunde an fasziniert von den staubigen Gesichtern, dem Dreck, dem Matsch, der Härte des Rennens. Aber auch von dem Spektakel, den Zuschauern. Das ist Radsport pur. Mehr geht nicht. Ich liebe dieses Rennen.“ Weshalb es auch nicht bei einem Sieg bleiben soll.

An diesem Sonntag (11.15 Uhr/Eurosport), bei der 117. Austragung, will Degenkolb die Emotionen von damals mit einem erneuten Erfolg wiederaufleben lassen. Doch die Mission ist kompliziert – und hart. 257 Kilometer sind es vom Start in Compie-gne bis zum Velodrom in Roubaix, dem Ort, an dem Legenden geboren werden. Der Kurs führt über 29 der berüchtigten Kopfsteinpflaster-Passagen, den in diesem Jahr 54,5 km langen Paves. Sie bringen Mensch und Maschine an ihre Grenzen. „Nach dem Rennen sind meine Finger so taub und die Gelenke so angeschwollen, dass ich den Drehverschluss einer Wasserflasche nicht mehr aufbekomme. Meine Frau muss mir dann beim Essen und Trinken helfen“, sagt Degenkolb.

Nach Erfolgen lassen sich die Schmerzen freilich leichter ertragen. Wie 2015, aber auch wie 2018, als der Thüringer bei der Tour de France die Etappe gewann, auf der sich das Peloton über die nordfranzösischen Holperpisten nach Roubaix quälte. Dass der populärste Klassiker noch immer über die historischen Feldwege führt, ist auch den Amis de Paris–Roubaix zu verdanken. Die Freiwilligen kümmern sich um den Erhalt der Strecke, sie bessern aus und setzen sich gegen eine Modernisierung durch die französischen Behörden ein. Degenkolb unterstützt diese Arbeit. Klar, sie ist ja auch in seinem Sinne: Er trägt, wie kaum ein anderer Radprofi, die Hölle im Herzen.

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Erstellt:
12. April 2019, 03:14 Uhr

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