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Ein Erlebnis zwischen Lust und Frust

Drei Skilangläufer der TSG Backnang bewältigen Vasalauf in Schweden – 90 Kilometer langer Kampf im Schnee und gegen den Wind

Es ist ein Spektakel, das im nordischen Wintersport seinesgleichen sucht. Der Vasalauf in Schweden ist nicht nur für Sportler ein Traumziel, sondern für die Organisatoren angesichts von 15800 Startern eine riesige Herausforderung. Michael Kahle, Patrick und Gerhard Werder haben zwei Jahre lang für den 90 Kilometer langen Skimarathon trainiert. Am Ende kamen die Langläufer von der TSG Backnang alle ins Ziel und schwärmen nun von dem einmaligen Erlebnis.

Stolz und glücklich (von links): Michael Kahle, Gerhard Werder und Patrick Werder.

Stolz und glücklich (von links): Michael Kahle, Gerhard Werder und Patrick Werder.

Von Andreas Ziegele

„Die Idee entsprang einer Bierlaune“, erzählt Gerhard Werder nach der Rückkehr aus Schweden. Vor fast genau einem Jahr saß der 51-Jährige vor dem Computer, als die Anmeldung für den 99. Vasalauf im Internet öffnete. „Früher wurden die Teilnehmerplätze verlost und ich hatte jetzt tatsächlich das Glück, eine Startnummer zu ergattern“, freut er sich heute noch. Dann griff er zum Telefon und rief Michael Kahle an, der sich dann genauso wie Patrick Werder für die Startgebühr von jeweils 180 Euro für die 99. Auflage des Rennens anmeldete.

Während der 23-jährige Patrick Werder seit seinem zwölften Lebensjahr den Langlauf als Sport betreibt, sind die zwei anderen recht spät dazugekommen. „Ich habe erst mit 40 ernsthaft mit Langlauf begonnen“, erzählt Gerhard Werder. Im gleichen Alter war Michael Kahle, als er sich das erste Mal in die Loipe begab. Der heute 48-Jährige sagt: „Das zeigt, dass man auch dann noch was leisten kann, wenn man sich spät für einen Sport entscheidet.“ Vor zwei Jahren fiel dann nach einem 50-Kilometer-Rennen die Entscheidung, dass die Männer am Vasalauf teilnehmen wollen. Sie begannen mit der Vorbereitung. Dazu hatte Trainerin Raili Werder ein anspruchsvolles Übungsprogramm erstellt. „Ohne diesen Plan und die damit verbundene Vorbereitung wäre ich über die 90 Kilometer nicht durchgekommen“, sagt Michael Kahle. Aber das Training ist das eine, ein Rennen über diese Strecke das andere.

Bei stahlblauem Himmel, besten Schneeverhältnissen und perfekt präparierten Loipen sahen sich die Läufer zwei Tage vor dem Rennen die Strecke an. „Am Renntag war dann alles anders“, lässt Kahle wissen. „Es gab Wind und es schneite und auf 90 Kilometer war keine Langlaufspur vorhanden“, erzählt er. Es war alles andere als einfach, als sich die 15800 Läuferinnen und Läufer um 8 Uhr auf den Weg machten, um im klassischen Stil von dem kleinen Ort Sälen durch die Wälder und über die Heide im schwedischen Landesinneren bis zum Ziel im Dorf Mora zu laufen.

Fast 16000 Langläufer machten sich auf, um beim 99. Vasalauf auf Skiern die 90 Kilometer von Sälen nach Mora zu bewältigen. Fotos: R. Werder/K. Kahle

Fast 16000 Langläufer machten sich auf, um beim 99. Vasalauf auf Skiern die 90 Kilometer von Sälen nach Mora zu bewältigen. Fotos: R. Werder/K. Kahle

Auf der Strecke kämpfte jeder mit sich und seinen individuellen Erlebnissen. „Das Profil der Strecke sieht im Internet so aus, als ginge es nach dem Anstieg zu Beginn immer bergab. Aber das Gefühl hatte ich nicht“, erzählt Gerhard Werder und ergänzt: „Ich meinte dauernd, es geht bergauf.“ Patrick Werder empfand den Abschnitt zwischen Kilometer 45 und 75 als am schwersten. „Die letzten 15 Kilometer ist es dann bei mir immer leichter gelaufen.“ Sein Gefühl im Ziel beschreibt der 23-Jährige als „befreiend“. Zumal auch er zuvor nie über eine solch lange Distanz gelaufen war. Bei Michael Kahle kamen die Probleme mit Kilometer 70: „Da war bei mir eigentlich Game over. Ich hatte Kreuz- und Muskelschmerzen, aber wenn du 70 Kilometer hinter dir hast, dann willst du auch die letzten 20 schaffen.“ Im Ziel spürte er, bevor die Freude kam, erst einmal eine riesige Leere. Bei Kilometer 40 gab es für Gerhard Werder einen Einbruch. „Ich habe den Greenhorn-Fehler gemacht, dass ich bei den ersten zwei Verpflegungsstationen zu wenig gegessen habe“, begründet er und erzählt schmunzelnd: „Der letzte Kilometer war dann für mich auch wieder der Hammer. Ich dachte, da schiebt einer das Ziel weg.“

Nach 90 Kilometern mit insgesamt 1000 Höhenmetern genossen alle drei Schwaben den Applaus des Publikums und waren glücklich, die schwierigen Schneeverhältnisse und die Strecke gemeistert zu haben. Dabei hätten Patrick und Gerhard Werder den Start fast verpasst. „Ich hatte falsche Stöcke eingepackt, einen von Patrick und einen von Raili, und das erst beim Ausladen aus dem Auto am Start bemerkt“, erzählt Gerhard Werder. Im Zelt an der Strecke, in dem eine solche Ausrüstung gekauft werden kann, war dann so ein Massenandrang, dass es zeitlich richtig eng wurde. „Ich habe noch nie so lang gebraucht, um einen geschlossen Raum zu verlassen“, erzählt Gerhard Werder. Eine Minute bevor der dritte Startblock geschlossen wurde, hatte es auch Patrick Werder geschafft. Ansonsten hätte er sich am Ende der fast 16000 Teilnehmer anstellen müssen.

Info

Die ersten drei Plätze gingen an Norweger. Den Sieg sicherte sich Petter Eliassen in 4:25:14 Stunden. Bester Deutscher war Florian Rohde (SC Gefrees, Bayern), der mit 4:38:31 Stunden auf dem 49. Platz landete.

Im internen TSG-Ranking hatte der Jüngste die Nase vorne. In 6:22:11 Stunden belegte Patrick Werder Platz 1324. Sein Vater Gerhard Werder war nach 7:24:55 im Ziel und Michael Kahle blieb mit 9:40:46 Stunden unter der 10-Stunden-Marke.

Nach dem Rennen ist vor dem Rennen. Das TSG-Trio startet kommendes Wochenende bei der deutschen Meisterschaft in Bodenmais (Bayerischer Wald). Mit 42 Kilometern und damit weniger als der Hälfte des Vasalaufs sollten die Langläufer keine Probleme haben, die Herausforderung zu meistern.

Vor Michael Kahle sowie Patrick und Gerhard Werder waren erst drei TSG-Läufer beim Vasalauf am Start. 1971 machte Peter Kirsche den Anfang. Kirsche war auch in den folgenden drei Jahren dabei und lief 1974 mit 6:10 Stunden persönliche Bestzeit. 1972 nahm zudem Werner Hettich teil, der sich damals von ganz hinten durchs Feld kämpfte und etwas mehr als 8 Stunden benötigte. Sein Vereinskollege Kirsche war eine gute Stunde schneller, belegte Rang 477 und war zweitbester Deutscher. Rolf Hettich bewältigte den Marathon 1989. In 5:41 Stunden kam er unter 14000 Läufern auf Platz 225 und war fünftbester Deutscher.

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Erstellt:
10. März 2020, 06:00 Uhr

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