Elisabeth Seitz von der Stimmung begeistert

Weil ihr Bruder für Backnangs Drittliga-Team an die Geräte geht, schaute sich Deutschlands Vorzeigeturnerin den jüngsten Heimwettkampf in der Karl-Euerle-Halle an. Sie hofft auf ähnlich enthusiastische Fans bei den TSG-Basketballern, zu denen ihr Freund vor dieser Runde gewechselt ist.

Daumen drücken für den Bruder: Elisabeth Seitz und Gabriel Eichhorn vor dem TSG-Heimwettkampf in der Karl-Euerle-Halle. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Daumen drücken für den Bruder: Elisabeth Seitz und Gabriel Eichhorn vor dem TSG-Heimwettkampf in der Karl-Euerle-Halle. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Der Besuch in der Karl-Euerle-Halle hat bei Elisabeth Seitz offenbar Eindruck hinterlassen. „Die Stimmung war extrem toll, es hat mir viel Spaß gemacht“, sagt die 27-Jährige. „Gefühlt hat ganz Backnang zusammengehalten und die Mannschaft zum Sieg getragen.“ Mittendrin im Fanblock saß die dreimalige Olympiastarterin, deren besonderes Augenmerk ihrem Bruder galt. Gabriel Eichhorn turnt seit dieser Saison für das Drittliga-Team der TSG, um wertvolle Erfahrungen im Aktivenbereich zu sammeln. „Es war toll, zu sehen, wie gut mein kleiner Bruder aufgenommen und angefeuert wurde“, freut sich Elisabeth Seitz, hält einen Moment inne und schiebt lachend nach: „Mein kleiner Bruder, der gar nicht mehr so klein ist.“

Der 16-Jährige, der im Juni deutscher Jugendvizemeister am Barren und an den Ringen wurde, zeigte eindrucksvoll, warum er zu den größten Talenten im Lande gehört. Mit 15 Punkten, die ihn zum Topscorer des Tages machten, hatte der Zugang vom MTV Stuttgart entscheidenden Anteil am 33:23-Erfolg über den TSV Grötzingen/Karlsruhe. „Für mich lief es ganz gut, auch wenn ich am Barren etwas zu hektisch war. Ich habe es aber noch recht elegant gelöst“, ordnete Gabriel Eichhorn seine eigene Leistung mit einem sympathischen Mix aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein ein. Wenn seine Schwester auf der Tribüne sitze, empfinde er das nicht als Druck, sondern als Ansporn, versichert der Blondschopf und meint grinsend: „Ich will ihr zeigen, dass ich auch etwas kann.“ Das hat zweifelsohne geklappt, denn Elisabeth Seitz fand es „richtig stark, wie er geturnt hat“. Das sei nach der Ellenbogenoperation wegen eines Knorpelschadens vor rund zwei Jahren nicht selbstverständlich: „Man konnte nicht zwingend davon ausgehen, dass er zurückkommt. Umso stolzer bin ich, wie er sich zurückgekämpft hat. Ich habe großen Respekt vor ihm.“

Mit Sebastian Krimmer schon 2006 bei einem Wettkampf in Barcelona gewesen

Bei den letzten zwei Saisonwettkämpfen wird Eichhorn fehlen, weil er mit dem Juniorennationalteam beim Lehrgang in Belgien weilt und dann beim Deutschlandcup gefordert ist. In die Entscheidung, ob ihr Bruder auch 2022 für die TSG startet, will sich Seitz nicht einmischen. Sie belässt es bei grundsätzlichen Anmerkungen: „Ich habe das Gefühl, dass er sich in Backnang sehr wohlfühlt. Wenn es ihm Freude macht, würde ich ihm raten, zu bleiben.“ Wichtig sei es in seinem Alter, an möglichst vielen Geräten mitmischen zu können – so wie am Samstag, als er nur am Pauschenpferd zuschaute.

Hängt das Talent noch eine Runde in der Murr-Metropole dran, wird Seitz ihm wohl wieder vor Ort die Daumen drücken – und dabei einen alten Bekannten und eine aktuelle Teamkollegin treffen, deren Heimatverein die TSG ist. Mit dem gut drei Jahre älteren Sebastian Krimmer war sie bereits 2006 bei einem Wettkampf in Barcelona und erinnert sich: „Basti war der Stimmungsmacher, immer für einen Spaß zu haben.“ Fast tagtäglich hat sie beim Training in Stuttgart mit Emelie Petz zu tun, mit der sie Seite an Seite in der Bundesliga sowie im Nationalteam aktiv ist. Als sich die Allmersbacherin, die als Ersatzturnerin an Bord war, im Vorfeld der Olympischen Spiele diesen Sommer die Achillessehne gerissen hatte, empfahl ihr Seitz den Heidelberger Arzt, der sie bereits viermal unter dem Messer hatte. Sie stellte aus Tokio den Erstkontakt her, während Petz heimflog und dann zügig operiert wurde. Die 18-Jährige solle die Pause nutzen, „um neue Kraft zu schöpfen und dann richtig durchzustarten. Das Talent hat sie.“

Sollte ihr Bruder doch zu einem anderen Verein weiterziehen, wird Elisabeth Seitz trotzdem weiterhin öfters in Backnang aufkreuzen. „Definitiv“, betont sie, „daran gibt es keinen Zweifel.“ Ihr Freund Nils Heyden wechselte vom TV Marbach zu den TSG-Basketballern und „hat, ich zitiere, Großes mit ihnen vor“, verrät die Spitzenturnerin schmunzelnd. Der Spross einer Basketballerfamilie, dessen Bruder Philipp beim Bundesligisten Heidelberg unter Vertrag steht, war begeistert von dem Video, das ihm seine Freundin vom Turnen in der Karl-Euerle-Halle zeigte. „Er wünscht sich, dass die Stimmung beim Basketball ähnlich ist“, berichtet Elisabeth Seitz und hat eine Idee für den Fall, dass dem nicht so ist: Dann müssten Backnangs Turner zu den Heimspielen der Korbjäger und sie anfeuern. Beste Kontakte hat sie ja, um das zu organisieren.

Mit 23 Einzeltiteln ist Elisabeth Seitz seit Juni die alleinige deutsche Rekordmeisterin

Persönliches Elisabeth Seitz kam am 4. November 1993 in Heidelberg zur Welt und wuchs in der Rhein-Neckar-Region auf. 2013 machte sie das Abitur am Ludwig-Frank-Gymnasium in Mannheim und schuf damit die Basis für ihr aktuelles Studium an der PH in Ludwigsburg. Sie will Sport- und Englischlehrerin an einer Realschule werden, in den nächsten Jahren steht aber noch das Turnen im Vordergrund. Rund 30 Stunden Training pro Woche sind nur drin, weil Seitz zur Sportfördergruppe der Bundeswehr gehört. Seit die 1,61 Meter große Athletin 2015 von der TG Mannheim zum MTV Stuttgart gewechselt ist, hat sich die Landeshauptstadt zum Lebensmittelpunkt entwickelt: „Ich fühle mich sehr wohl, das ist mittlerweile meine Heimat.“ Es sei die beste Entscheidung gewesen, die sie treffen konnte, zumal ihr alter Verein ihr damals trotz aller vorherigen Erfolge nahegelegt habe, die Karriere zu beenden. „Ich habe das anders gesehen“, sagt Elisabeth Seitz. Zum Glück fürs deutsche Turnen, das sonst sein weibliches Aushängeschild verloren hätte.

Sportliches Seit Elisabeth Seitz im Juni 2021 in Dortmund zum achten Mal den nationalen Titel im Mehrkampf holte, ist sie alleinige deutsche Rekordmeisterin. Es war mit den Goldmedaillen am Stufenbarren (8), Boden (4) und Schwebebalken (3) ihr 23. Einzeltitel – einer mehr, als Ingrid Föst aus Potsdam von 1953 bis 1963 in der damaligen DDR gewann. Mit dem MTV Stuttgart wurde Seitz seit 2015 jedes Jahr und damit bislang sechsmal deutsche Mannschaftsmeisterin. Auf internationaler Bühne gilt die EM-Silbermedaille im Mehrkampf 2011 in Berlin als ihr erster großer Coup. Bei Weltmeisterschaften waren Bronze am Stufenbarren in Doha 2018 sowie Platz sechs im Mehrkampf bei der Heim-WM in Stuttgart 2019 ihre größten Erfolge. Seitz nahm an drei Olympischen Spielen teil. 2012 in London wurde sie Sechste am Stufenbarren, 2016 in Rio de Janeiro sogar Vierte und Sechste mit dem deutschen Team. Kürzlich in Tokio sprang Rang neun im Mehrkampf und Platz fünf am Stufenbarren heraus. 2024 in Paris will sie zum vierten Mal dabei sein.

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Erstellt:
12. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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