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Emelie Petz bleibt nur ihr Handstandholm

TSG-Turnerin kämpft in der Coronakrise mit stark eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten, hält das aber für völlig nebensächlich

Kein Sprungtisch, kein Schwebebalken, keine Bodenmatte, kein Stufenbarren: Weil die Sporthallen in der Coronakrise geschlossen sind, ist ein Handstandholm in den eigenen vier Wänden alles, was Emelie Petz derzeit für das sportartspezifische Training bleibt. „Ich versuche dennoch, mich so gut wie möglich fit zu halten“, sagt die Nationalturnerin der TSG Backnang. Sie setzt auf Kraft- und Dehnübungen und schnürt deutlich öfter die Laufschuhe, als sie es üblicherweise tut.

Einen Stufenbarren bekommt Emelie Petz derzeit nicht zu Gesicht, weil in der Coronakrise sämtliche Sporthallen geschlossen sind. Foto: Baumann

© Pressefoto Baumann

Einen Stufenbarren bekommt Emelie Petz derzeit nicht zu Gesicht, weil in der Coronakrise sämtliche Sporthallen geschlossen sind. Foto: Baumann

Von Steffen Grün

„Eigentlich ist das Joggen nicht so mein Ding“, gibt Emelie Petz lachend zu. Weil besondere Zeiten besondere Maßnahmen erfordern, zieht es sie derzeit aber drei- bis viermal pro Woche an die frische Luft, um eine Runde zu drehen. Als sie am vergangenen Freitag mit ihrer Mutter unterwegs war, habe die nach einem kurzen Blick auf die Uhr plötzlich gesagt: „Jetzt würdest du gerade die Qualifikation beim DTB-Pokal turnen.“ Die seit 1983 in Stuttgart stattfindende Veranstaltung, die mit dem Teamfinale am Samstag sowie dem Weltcup am Sonntag komplettiert worden wäre, wurde aber wie so vieles in diesen Tagen ein Opfer der Coronapandemie. „Das schmerzt, aber der Sport ist im Moment nebensächlich, denn es geht um die Gesundheit von uns allen“, sagt die in Allmersbach im Tal wohnende Sportlerin mit einer Rationalität und Vernunft, die nicht selbstverständlich ist für eine junge Frau, die heute ihren 17. Geburtstag feiert. „Es trifft ja nicht nur uns Turnerinnen, sondern Menschen auf der ganzen Welt“, fügt sie noch hinzu.

Weil die Europameisterschaft, die in Paris vom 30. April bis zum 3 Mai über die Bühne gehen sollte, auch schon gestrichen wurde und die Deutsche Turnliga alle bis zum 15. Juni anstehenden Wettkämpfe abgesagt hat, dürfte der Bundesliga-Saisonauftakt in Karlsruhe vor zweieinhalb Wochen für eine Weile der letzte Auftritt gewesen sein. Mit starken 12,95 Punkten am Schwebebalken trug Emelie Petz dazu bei, dass sich der MTV Stuttgart sofort wieder an die Spitze setzte. An den anderen Geräten pausierte sie noch, weil sie zuvor mit muskulären Rückenproblemen zu kämpfen hatte. Die sind mittlerweile zwar weg, doch die nächsten Herausforderungen, auf die sich die TSG-Turnerin noch vor wenigen Tagen freute, werden nun längere Zeit auf sich warten lassen. Wie lange genau, kann niemand sagen, aber zumindest bislang steht die deutsche Meisterschaft am 6. und 7. Juni in Oberhausen im Kalender.

Emelie Petz plädiert für eine Verlegung der Olympischen Spiele

Derweil werden die Zweifel daran, dass die Olympischen Spiele in Japans Hauptstadt Tokio angesichts der Pandemie wie geplant von 24. Juli bis 9. August durchgezogen werden können, immer lauter. Fechter Max Hartung preschte zuletzt vor und schloss für sich persönlich einen Start kategorisch aus, mit Kanada hat nun sogar die erste Nation angekündigt, keine Sportler schicken zu wollen. Es sind Entscheidungen, die Emelie Petz als aussichtsreiche Olympiakandidatin durchaus nachvollziehen kann, denn auch sie fände es „sinnvoll, die Olympischen Spiele auf 2021 zu verlegen, aber das entscheidet letztlich das IOC“. Eine vernünftige Vorbereitung auf das weltgrößte Sportereignis, auf das die Athleten zum Teil jahrelang hinarbeiten und dem sie entsprechend entgegenfiebern, sei in vielen Ländern aktuell unmöglich, argumentiert die Schülerin und führt weiter aus: „Es sind auch keine fairen Verhältnisse, wenn die einen noch trainieren dürfen und die anderen nicht.“ Ihr klares Fazit: „So macht es keinen Sinn.“

Emelie Petz ist total bewusst, dass eine Verschiebung für sie persönlich aufgrund ihres jungen Alters weniger problematisch ist als für andere Turnerinnen. Sie könnte nächstes Jahr locker den nächsten Anlauf nehmen – zudem „ist es mein Ziel, auch 2024 in Paris dabei zu sein“, sofern keine bösen Verletzungen dazwischenkommen. „Für Sportler, die jedoch bereits aufs Karriereende zusteuern, ist es eine große Herausforderung, noch einmal ein Jahr dranzuhängen und tagtäglich ihr Bestes zu geben“, versetzt sich die 17-Jährige in deren heikle Lage. „Sie haben vielleicht ja auch schon Zukunftspläne geschmiedet.“

Mit den möglichen Qualifikationswettkämpfen für den eher unwahrscheinlichen Fall, dass die Olympischen Spiele durchgepeitscht werden, beschäftigt sich die Allmersbacherin derzeit „überhaupt nicht. Es gilt jetzt, von Woche zu Woche zu schauen und zu hoffen, dass sich die Situation wieder verbessert.“ Solange das nicht passiert und solange das Kunstturnforum in Stuttgart wie auch alle anderen Sporthallen geschlossen ist, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich so gut es geht zu behelfen. „Ich bin weitgehend zu Hause und halte mich damit an die offiziellen Anweisungen“, betont Emelie Petz. „Da haben Sportler auch eine Vorbildfunktion.“ Raus geht es vor allem zum Joggen, Kraft- und Dehnübungen sind auch drinnen machbar. Für ein wenig Abwechslung sorgt der kleine Handstandholm, den sie in ihrem Besitz hat. „Einen Schwebebalken in den Garten zu stellen, ist leider nicht möglich“, sagt sie lachend. Ihre gute Laune hilft dabei, sich nicht unterkriegen zu lassen, aber trotz allem „hoffe ich natürlich, dass wir so schnell wie möglich wieder einsteigen können“.

Hintergrund

Die Möglichkeit, den DTB-Pokal in der Porsche-Arena in Stuttgart am vergangenen Wochenende ohne Zuschauer stattfinden zu lassen, hatte der Schwäbische Turnerbund (STB) vor der Absage am 11. März geprüft, aber schnell wieder verworfen. Selbiges gilt für eine etwaige Verschiebung, weil die Porsche-Arena an keinem passenden Alternativtermin verfügbar gewesen wäre. Der 37. DTB-Pokal geht damit also erst vom 19. bis 21. März 2021 über die Bühne.

Als Reaktion auf die Coronakrise hat die Europäische Turnunion (UEG) alle Europameisterschaften abgesagt. Im Kunstturnen gilt das für die EM der Frauen, die vom 30. April bis 3. Mai in Paris geplant war, und für die EM der Männer, die vom 27. bis 31. Mai in Baku ausgetragen werden sollte. Die UEG-Verantwortlichen wollen die gestrichenen Titelkämpfe allesamt „in die zweite Jahreshälfte verlegen“ und werden mit den lokalen Organisationskomitees zusammenarbeiten, um neue Termine zu finden.

Die Deutsche Turnliga verzichtet bis 15. Juni auf sämtliche Wettkämpfe. In der Ersten Frauen-Bundesliga ist Emelie Petz mit dem MTV Stuttgart betroffen, der Termin in Meßstetten am 9. Mai fällt aus. Nach der Sommerpause soll es am 10. Oktober in Mannheim weitergehen. In der Regionalliga Süd entfallen für die TSG-Turnerinnen und ihre Kontrahentinnen die Wettkämpfe in der Karl-Euerle-Halle in Backnang am 25. April sowie in Meßstetten am 10. Mai. Auf dem Plan steht dann erst wieder der 17. Oktober in Balingen. Ob und wenn ja wann die ausgefallenen Termine nachgeholt werden, ist offen. In der Dritten Liga der Männer, in der die TSG Backnang vertreten ist, geht es ohnehin erst im September los. Bislang noch nicht abgesagt sind die Ligawettkämpfe auf STB-Ebene, die im Mai und Juni anstehen.

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Erstellt:
24. März 2020, 06:00 Uhr

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