Flammender Aufruf zur Vereinstreue

Weil die TSG Backnang 1846 mit ihren 15 Abteilungen in der Coronakrise schon 270 Austritte registriert hat, schreibt der Vorstand einen offenen Brief an die Mitglieder. Die drei anderen TSG-Vereine sind nicht so stark betroffen, haben aber auch ihre Probleme.

Ein Brief, wie ihn die TSG 1846 in der Coronakrise häufig zugestellt bekommt. Der Verein richtet nun einen Appell an die Mitglieder.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Ein Brief, wie ihn die TSG 1846 in der Coronakrise häufig zugestellt bekommt. Der Verein richtet nun einen Appell an die Mitglieder.Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

Wenn die Verantwortlichen in der TSG-Geschäftsstelle auf dem Backnanger Hagenbach in den vergangenen Wochen und Monaten die Post sichteten, waren sie auf unerfreuliche Mitteilungen bereits vorbereitet. Regelmäßig trudelten Kündigungsschreiben von Mitgliedern ein, die in der Coronakrise „nicht weiter zahlen wollen, weil sie derzeit keine Leistung bekommen und nicht etwa, weil sie grundsätzlich unzufrieden wären“, berichtet Claudia Krimmer. Die stellvertretende Vorsitzende des größten Sportvereins in der Murr-Metropole hält es aber für ein veritables Missverständnis, nur auf die abgesagten Kurse zu starren und deshalb sofort den Austritt zu erklären. „Der Mitgliedsbeitrag soll die Arbeit des Vereins unterstützen, dahinter steckt zunächst einmal noch keine Gegenleistung“, betont die 61-Jährige. Anders ist es mit den Kursgebühren, die für Mitglieder geringer ausfallen als für externe Teilnehmer. Diese wurden und werden im Gegensatz zu den Beiträgen zurückerstattet, wenn die Angebote nach den Lockdownphasen nicht nachgeholt werden können.

„Es macht mir Sorgen, dass die Vereine immer öfter nur als Dienstleister gesehen werden“, sagt Krimmer und hat sich deshalb mitsamt ihren Vorstandskollegen dazu entschlossen, einen Brief an die derzeit verbliebenen 2826 Mitglieder zu schicken: „Das soll keine Jammerei sein, sondern es soll vielmehr dafür sensibilisieren, für was Vereine stehen und was sie von kommerziellen Anbietern abhebt.“ Angeführt werden etwa die Vermittlung von Werten wie Fair Play und Toleranz, das Engagement im Rehabilitations- und Gesundheitssport sowie im Leistungs- und im Breitensport in allen Altersklassen und nicht zuletzt der Beitrag zu Inklusion und Integration.

„Wir können unser breites Angebot nur über die Mitgliedsbeiträge aufrechterhalten“, unterstreicht die langjährige TSG-Funktionärin und erinnert die Adressaten darüber hinaus an den enormen Aufwand, den die Umsetzung der Hygienekonzepte und der sich immer wieder ändernden Coronaverordnungen den „zig Ehrenamtlichen“ in allen 15 Abteilungen im zu Ende gehenden Jahr abverlangt hat. Auf absehbare Zeit sei weiter eine große Flexibilität vonnöten, „weil langfristige Planungen schwierig bis unmöglich sind“. Der Brief schließt mit dem dringenden Appell, dem Verein als Mitglied die Treue zu halten.

Auf solche Beschwörungsformeln kann Klaus Lindner noch verzichten, weil „bislang keine gravierende Zunahme an Austritten festzustellen ist“. Der Vorsitzende der TSG Tennis kann sich aber nicht entspannt zurücklehnen, denn zum einen ist es nur eine Momentaufnahme, weil für die rund 420 Mitglieder eine Kündigungsfrist zum 31. Dezember gilt, zum anderen hat die Coronakrise an anderen Stellen Spuren hinterlassen. Die Klubkasse leidet vor allem darunter, dass seit Anfang November nur noch ein Platz in der Drei-Feld-Halle belegt werden darf und zudem nur Einzel und keine Doppel erlaubt sind. Zusätzliche Einnahmeausfälle ergeben sich aus der vorübergehenden Schließung der Squashcourts und Kegelbahnen sowie daraus, dass die TSG dem Pächter der Vereinsgaststätte in dieser heiklen Zeit finanziell entgegengekommen ist. Sich nicht in der Trattoria treffen zu können, schränke das Vereinsleben im Moment ebenso sein, wie es der Wegfall der Mannschaftsspiele im Sommer getan habe, gibt Lindner zu bedenken. Er wünscht sich, dass die Mitglieder „weiterhin zur Stange halten und daran denken, dass auch wieder andere Zeiten kommen“. Seine Hoffnungen ruhen auf den Impfstoffen sowie auf der Weiterentwicklung der Medikamente, aber auch auf dem besseren Wetter im Frühjahr.

Austritte, die mit der Pandemie begründet wurden, habe es bei der TSG Fußball noch nicht gebeben, sagt Dieter Schaupp. Trotzdem bleibe die Tendenz mit aktuell etwa 500 Mitgliedern sinkend, räumt das für die Verwaltung zuständige Vorstandsmitglied ein. Corona geschuldet ist dagegen der Ausfall von Punktspielen und von Hallenturnieren sowie des Silvesterlaufs in seiner üblichen Form, was für den Etzwiesenklub fehlendes Geld bedeutet, „das wir zur Finanzierung unserer Arbeit dringend bräuchten“. Optimistisch stimmt den altgedienten Macher der Roten, dass er einen Bedarf für das Gemeinschaftserlebnis sieht, wie es Mannschaftssportarten bieten: „Die Spielerinnen und Spieler brennen darauf, dass es weitergeht. Vor allem die Kinder wollen raus und kicken.“

Vor allem drinnen spielt sich das Vereinsleben bei der TSG Schwerathletik ab, die ihre Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag in diesem Jahr sausen lassen musste. Über 300 von um die 500 Mitgliedern entfallen auf die Judosparte, der Rest verteilt sich auf Sportakrobatik, Ringen und Gewichtheben. Dass die Zahlen in Stein gemeißelt sind, kann der Vorsitzende Christoph Nesper nicht behaupten, denn „wenn es kommt, dann geballt zum Jahresende“. Zuletzt sei die Mitgliederzahl recht konstant geblieben, weil die Neueintritte die Austritte ausgeglichen hätten, doch genau das könnte dieses Mal anders sein. Nesper verweist darauf, dass derzeit nur Training für Kaderathleten angeboten werden darf und es insbesondere keine Anfängergruppe gibt. Umso willkommener sind die neuen Talente, wenn der Lockdown endet.

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Erstellt:
10. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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