Vettels „glückliche Erinnerungen“ an Istanbul

dpa Istanbul. Vier Rennen im Ferrari bleiben Sebastian Vettel noch. Realistische Chancen auf Siege gibt es eher nicht. Sein neuer Arbeitgeber freut sich trotzdem schon auf den viermaligen Formel-1-Weltmeister.

Gewann 2011 im Red-Bull-Cockpit in Istanbul: Sebastian Vettel. Foto: Tolga Bozoglu/EPA/dpa

Gewann 2011 im Red-Bull-Cockpit in Istanbul: Sebastian Vettel. Foto: Tolga Bozoglu/EPA/dpa

Am Ende seiner ernüchternden Ferrari-Abschiedstour sind Sebastian Vettel nur noch die guten Gedanken an bessere Zeiten geblieben.

Er freue sich nach neun Jahren Pause auf die Rückkehr nach Istanbul, viele „glückliche Erinnerungen“ habe der Heppenheimer an die Türkei. 2006 machte der heute 33-Jährige erstmals Schlagzeilen, als er bei seinem ersten Formel-1-Einsatz im Training als jüngster Fahrer der Geschichte die Bestzeit setzte. Fünf Jahre später gewann er das Rennen auf dem Weg zu seinem zweiten WM-Titel im Red Bull.

Es war 2011 die bislang letzte Austragung, ehe die Türkei im Kalender lange keine Rolle mehr spielen sollte. Erst die Corona-Krise und der Notkalender der Rennserie machen den Grand Prix am Bosporus am Sonntag (11.10 Uhr/RTL und Sky) wieder möglich. Und während Vettel vor fast einem Jahrzehnt die Pole Position holte und siegte, ist die Realität jetzt eine ganz andere. Im viertletzten Saisonlauf geht es wohl erneut nur darum, endlich mal wieder anständig zu punkten, während Lewis Hamilton im Mercedes seinen siebten WM-Titel perfekt machen und mit Rekordchampion Michael Schumacher gleichziehen kann.

„Wenn er an diesem Wochenende gewinnt, ist es keine Überraschung. Der Moment wird nicht in Erinnerung bleiben, aber die Leistung wird in Erinnerung bleiben“, sagte Vettel bei einer Pressekonferenz. Während Hamilton wohl einmal mehr jubeln wird, hadert sein einstiger Dauerrivale mit sich. „Ich kann nicht glücklich darüber sein, wo ich bin“, sagte Vettel selbstkritisch.

Er ist neben Hamilton und Kimi Räikkönen einer von nur drei aktiven Piloten, die schon in der Türkei gewonnen haben. Zwar dürfte die Streckenkenntnis einen kleinen Vorteil bringen. Da damals mit ganz anderen Autos gefahren wurde, ist das aber nicht entscheidend. Zumal Vettel mit dem aktuellen Ferrari weiter nicht zurechtkommt. Als 14. der WM-Wertung erlebt der Hesse mit mickrigen 18 Punkten eine missratene sechste und letzte Saison bei der Scuderia. Den Wechsel zu Aston Martin im kommenden Jahr dürfte er kaum erwarten können.

„Ich denke, dass es noch etwas für mich gibt. Darauf freue ich mich sehr“, sagte Vettel. Trotz der aktuellen Probleme ist sein neuer Arbeitgeber fest vom Können des 53-maligen Grand-Prix-Siegers überzeugt. „Ich denke nicht, dass er vergessen hat, wie es geht und wie man ein Formel-1-Auto schnell bewegt“, sagte Vettels neuer Teamchef Otmar Szafnauer im Podcast „In the Fast Lane“: „Er ist ein viermaliger Weltmeister mit einer großartigen Arbeitsmoral.“ Der Deutsche wisse, „was es braucht, um ein Weltmeister-Team und ein Champion zu werden. Wir freuen uns also darauf, von ihm zu lernen“.

In den vergangenen Monaten wirkte Vettel oft ernüchtert, da er auf der Strecke kaum noch sein Können zeigen konnte und im Duell mit seinem jungen Stallrivalen Charles Leclerc (23) ziemlich chancenlos ist. Aber ein Auslaufmodell sei Vettel ganz sicher nicht, sagte sein neuer Boss vor der Reise nach Istanbul. „Seb ist nun 33 Jahre alt und wir dürfen nicht vergessen, dass Formel-1-Fahrer in diesem Alter ihren Zenit noch nicht überschritten haben“, betonte Szafnauer: „Wahrscheinlich sind sie sogar in Bestform oder steigern sich noch.“

Ein Beispiel dafür ist Hamilton, der mit 35 Jahren im überlegenen Mercedes so souverän fährt, dass ihm noch niemand etwas anhaben kann. Der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso kehrt bei Renault 2021 sogar mit 39 Jahren zurück in die Formel 1, auch Räikkönen (41) bleibt der Motorsport-Königsklasse weiter treu. Man müsse Vettel nur wieder „mental in die richtige Verfassung“ bringen, sagte Szafnauer. Es gehe auch darum, dass er „bei uns weniger Druck als bei Ferrari verspürt“, sagte der Rumäne. „99 Prozent ist eine Frage des Kopfes.“

Noch liegt das alles in der Zukunft. In Istanbul erwartet Vettel zunächst eine Strecke, „die viel Spaß machen wird“. Einen prägenden Moment erlebte er dort 2010 allerdings auch, als der Deutsche im Red Bull mit seinem Teamkollegen Mark Webber kollidierte und von der Strecke flog. Der Crash beeinflusste die Beziehung der beiden nachhaltig und sorgte fortan für ein sehr angespanntes Verhältnis. Sportlich ging Vettel allerdings als Sieger hervor und holte danach noch seine WM-Titel für den Rennstall.

© dpa-infocom, dpa:201111-99-300887/5

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Erstellt:
12. November 2020, 04:55 Uhr

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