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„Gut, dass wir jetzt wissen, woran wir sind“

Die praktisch schon qualifizierte TSG-Judoka Katharina Menz hält die Olympiaverschiebung für richtig und fiebert 2021 entgegen

Sie hatte das Ticket für die Olympischen Spiele in Tokio in diesem Sommer praktisch in der Tasche, trotzdem hält Katharina Menz die Verschiebung des weltgrößten Sportereignisses auf 2021 angesichts der Coronapandemie für die richtige Entscheidung. „Weil niemand weiß, wie es weitergeht“, begründet die TSG-Judoka ihre klare Haltung. Dass sie auch nächstes Jahr in Japans Hauptstadt mitmischen will, daran lässt die 29-Jährige keinerlei Zweifel: „Ja, auf jeden Fall.“

Will nach der Verschiebung der Olympischen Spiele eben 2021 in Tokio angreifen: Katharina Menz (rechts), die Judoka der TSG Backnang. Foto: Baumann

© Pressefoto Baumann

Will nach der Verschiebung der Olympischen Spiele eben 2021 in Tokio angreifen: Katharina Menz (rechts), die Judoka der TSG Backnang. Foto: Baumann

Von Steffen Grün

Lange hatte Thomas Bach, der ehemalige deutsche Weltklassefechter an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees, auf Zeit gespielt. Der IOC-Präsident dachte offenbar wirklich noch, die Spiele in Tokio wie geplant vom 24. Juli bis zum 9. August durchziehen zu können, obwohl sich das Coronavirus derzeit auf rasante Weise auf dem ganzen Erdball ausbreitet. Eine Vorgehensweise, an der sich zunehmend lautstarke Kritik entzündete, unter anderem initiierte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) eine Athletenbefragung. „Sie kam bei mir per E-Mail erst an, als die Verschiebung gerade bekannt wurde“, erzählt Katharina Menz. Wie sie sich positioniert hätte, wenn es noch notwendig gewesen wäre, steht für die Backnangerin allerdings fest: „So hart es ist, wäre ich auch für eine Verschiebung gewesen. Eine kurzfristige Absage hätte uns Sportler noch viel schlimmer getroffen.“

In den vergangenen Tagen sei es immer schwieriger geworden, den Spagat hinzubekommen, den Thomas Bach den Sportlern mit seiner zögerlichen Herangehensweise abverlangt hatte: „Wir hätten uns eigentlich so vorbereiten müssen, als würden die Olympischen Spiele stattfinden, aber wir konnten nicht richtig trainieren.“ Wie auch, wenn die Türen der Sporthallen zugesperrt und Sparringskämpfe auf der Matte mit dem angeratenen Sicherheitsabstand von 1,50 Metern ohnehin unmöglich sind. „Daher ist es gut, dass wir jetzt wissen, woran wir sind“, sagt Katharina Menz und spricht damit wohl den meisten Sportlern aus der Seele. „Nun können wir uns alle darauf konzentrieren, gesund zu bleiben, und später dann wieder in die Olympiavorbereitung einzusteigen.“

Das bedeutet allerdings nicht, dass sich die Bundesliga-Kämpferin der TSG Backnang in den nächsten Tagen und Wochen auf das Sofa zurückzieht. „Etwas Kraft- und Ausdauertraining ist allemal drin, das werde ich auch, so gut es geht, machen“, erläutert die sechsmalige deutsche Meisterin in der Klasse bis 48 Kilogramm. „Ich habe ein paar Lang- und Kurzhanteln zu Hause, zudem können wir am Olympiastützpunkt einen kleinen Raum nutzen – mehr als ein Sportler und ein Trainer dürfen jedoch nicht gleichzeitig rein, um die Vorgaben der Behörden umzusetzen.“ Um topfit zu bleiben und vorbereitet zu sein, wenn es irgendwann wieder losgeht, wird Menz auch joggen und Rad fahren. Mindestens eine Einheit am Tag will sie unbedingt durchziehen, aber das eigentliche Judotraining ist eben nicht zu ersetzen.

Weil die in Waldrems wohnende Judoka im Oktober den 30. Geburtstag feiert, sind die Olympischen Spiele 2024 in Paris für sie keine Option mehr. „Ich habe auf keinen Fall vor, noch einmal vier Jahre weiterzumachen“, verkündet Katharina Menz. Die Verschiebung der Spiele in Tokio um maximal zwölf Monate auf 2021 wirbelt ihren Zeitplan allerdings auch nicht großartig durcheinander, denn „ein sofortiges Karriereende war nicht geplant“. Sie ziehe das jetzt definitiv bis nächstes Jahr durch, um sich den Traum zu erfüllen, im Zeichen der Ringe auf die Matte zu gehen.

„Die spannende Frage ist aber, wie es mit der Qualifikation weitergeht“, grübelt das zierliche Energiebündel. Die logische und auch fairste Option wäre es, nur noch die wenigen ausstehenden Turniere nachzuholen, die für die Qualifikation relevant gewesen wären (Grand Slam in Jekaterinburg, EM in Prag und Masters in Doha). In diesem Fall wäre der Backnangerin das Ticket nach Tokio auch für 2021 beinahe sicher, weil sie zuletzt nach etlichen Wettkämpfen in den vergangenen zwei Jahren Rang zwölf in der entscheidenden, weltweiten Olympiarangliste belegt hatte und insgesamt 18 Plätze über die Schiene vergeben werden. Der Deutsche Judo-Bund hatte Menz Ende Februar sogar schon nominiert, nur die offizielle Bestätigung des DOSB stand noch aus und war für den 16. Juni erwartet worden. Zusätzliche Turniere einzuschieben, wäre die zweite Option, doch Katharina Menz wünscht sich, dass es dazu nicht kommt: „Ich hoffe sehr, dass es beim bislang geplanten Qualifikationsmodus bleibt.“ Das würde zudem auch deshalb Sinn machen, weil derzeit überhaupt niemand einschätzen kann, wann es überhaupt weitergeht. „Im Moment gibt’s noch Turniere im Mai, die nicht abgesagt sind“, erklärt die TSG-Judoka, „aber dass es dabei bleibt, glaube ich eher nicht.“

Hintergrund

Schon anfangs der Woche hatte sich TSG-Turnerin Emelie Petz für die Olympiaverschiebung ausgesprochen, kurz darauf war es so weit. „Ich bin glücklich mit der IOC-Entscheidung“, sagt die 17-Jährige: „Die Athleten haben jetzt Gewissheit und können in dieser schwierigen Zeit etwas entspannter in die Zukunft blicken.“ Das deutsche Frauenteam hatte sich mit Platz neun bei der WM 2019 in Stuttgart bereits das Ticket für Tokio gesichert, daran wird sich laut Petz durch die Verschiebung auf 2021 auch nichts ändern, „das zählt“. Für die in Allmersbach im Tal lebende Turnerin geht es dann darum, sich einen der vier Plätze im deutschen Team zu sichern. Neben ihr machen sich vor allem Kim Bui, Elisabeth Seitz, Pauline Schäfer, Sarah Voss und Sophie Scheder berechtigte Hoffnungen, von Bundestrainerin Ulla Koch nominiert zu werden.

„Zwingend“ sei die Verschiebung der Olympischen Spiele angesichts der Coronapandemie gewesen, sagen der Backnanger Beachvolleyballer Yannick Harms (26) und sein Partner Philipp Arne Bergmann. Das Duo übt Kritik am IOC, das zu lange gezögert und damit für große Verunsicherung bei den Sportlern gesorgt habe. „Jetzt gibt’s Klarheit“, freut sich Harms und spricht sich dafür aus, das für die Qualifikation entscheidende Olympic Ranking beim Stand vor dem Coronaausbruch einzufrieren. Weitergehen soll es an demselben Punkt, „wenn für alle Teams wieder gleiche Verhältnisse herrschen. Das ist sportlich am fairsten und darauf kommt es an.“ Das bedeutet auch, dass Julius Thole/Clemens Wickler einen der maximal zwei deutschen Startplätze weiterhin sicher haben dürften und sich Yannick Harms/Philipp Arne Bergmann einen Wettstreit mit Nils Ehlers/Lars Flüggen liefern. Ihn zu gewinnen, reicht alleine aber nicht aus, denn es braucht auch noch einen deutlichen Vormarsch im Olympic Ranking oder den Sieg im Continental-Cup, um nach Tokio reisen zu dürfen. Sonst besteht die Gefahr, dass Deutschland nur ein Duo stellt.

Wie Menz, Petz und Harms hält auch Wladislaw Baryshnik die Olympiaverschiebung für richtig, denn wohl kaum ein Sportler auf der ganzen Welt könne sich derzeit vernünftig vorbereiten. Es sei beispielsweise kein Sparring möglich, betont der Boxer aus Backnang, und „ich habe auch keinen Sandsack zu Hause“. Was ihm außer Joggen und Krafttraining mit den Kurzhanteln bleibe, sei „reines Schattenboxen. Ich muss meine Kreativität spielen lassen.“ Bei unveränderten Qualifikationskriterien „müsste ich eigentlich die Chance in der Weltqualifikation bekommen“, so der 23-Jährige. Und zwar deshalb, weil Kastriot Sopa, mit dem er sich um den deutschen Olympiastartplatz im Halbweltergewicht streitet, bei der Europaqualifikation zuletzt früh ausschied. „Es kann aber auch sein, dass die Karten noch einmal neu gemischt werden“, sagt Baryshnik.

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Erstellt:
27. März 2020, 06:00 Uhr

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