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Hannah Götzer träumt vom Nationalteam

15-jährige Fußballtorhüterin aus Backnang spielt bei den Löchgauer Mädchen in der U-17-Bundesliga und bei den Waiblinger Jungs

Wer Hannah Götzer sieht und mit ihr redet, vermutet nicht auf Anhieb eine talentierte Fußballspitzentorhüterin hinter ihrer schmalen Statur und der liebenswert schüchternen Art. Doch ihr Ziel ist ein Platz in der deutschen Nationalmannschaft. Die 15-Jährige aus Backnang steht beim FV Löchgau in der B-Juniorinnen-Bundesliga zwischen den Pfosten.

Die 15-jährige Fußballtorhüterin Hannah Götzer aus Backnang hält den Ball fest. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Die 15-jährige Fußballtorhüterin Hannah Götzer aus Backnang hält den Ball fest. Foto: A. Becher

Von Heidrun Gehrke

Ein Mann, eine Wand: Als Inbegriff für dieses Bild eines Fußballtorhüters haben sich in vielen Köpfen wohl unlöschbar Oliver Kahn und seine Auftritte als „zähnefletschender Titan“ eingebrannt. „Torhüter sind oft Alphatierchen“, sagt Annette Götzer, die Mutter der 15-jährigen Torhüterin Hannah Götzer aus Backnang. Sie begleitet ihre Tochter zum Gespräch und hilft ihr an manchen Stellen auf die Sprünge. Dafür, dass Hannah Götzer seit ihrem neunten Lebensjahr schnelle Bälle abwehrt, noch dazu überwiegend in Jungenmannschaften, hat auf sie nichts von irgendeinem draufgängerischen Wesen abgefärbt. Die Fußballerin ist bescheiden, lächelt zurückhaltend und passt mit ihrer leisen Art zu sprechen in keiner Weise in die Alpharolle. Sie hält einfach gern Bälle – „vor allem die schwierigen“ – und ist auf ihre Art und Weise schon weit gekommen. Hannah Götzer spielt in der B-Juniorinnen-Bundesliga mit dem FV Löchgau und ist im erweiterten Kader der deutschen U-16-Juniorinnen-Nationalmannschaft. Das ist keine Kleinigkeit, dafür braucht es viel Training und natürlich auch Leidenschaft.

Warum macht sie ausgerechnet den undankbaren Job des Torwarts, der die Extreme anzieht? „Ich kann das einfach am besten“, antwortet das Talent. Entweder „Buhmann“ oder „Superheld“, dazwischen ist meist nichts. „Aber Tore zu verhindern macht Spaß.“ Hannah Götzer weiß, dass sich ein Torwart eigentlich keinen Fehler leisten darf. „Wenn er zwei von zehn Schüssen durchlässt, ist er schuld. Dabei hat ja auch der andere acht Gelegenheiten zum Treffer sausen gelassen“, argumentiert die junge Fußballerin pfiffig. Ihr helfe die Gewissheit, ein gutes Team hinter sich zu haben, wenn mal was daneben geht. „Ich werde immer gleich wieder aufgemuntert“, meint sie. Hannah sei, wie ihre Mutter ergänzt, so vielseitig.

Um ihr technisches Können wisse auch der Löchgauer Trainer, der sie im letzten Bundesliga-Spiel vor dem Ausbruch der Coronakrise erstmals im Feld eingesetzt hat. Hannah Götzer ist wendig, schnell und hat dadurch viele Ballkontakte – wie geschaffen für den modernen Fußball. Im Tor kommt es ihr zugute, weil der Torwart nicht mehr nur als Ballfänger gefordert ist. „Er muss auch mal mit aufs Feld und ein Anspielpartner sein. Je mehr Präsenz der Torwart hat, desto mehr Sicherheit überträgt sich auf die Mitspieler“, so Hannahs Mutter. Was sie noch verbessern könnte? Diverse Trainer sagen, Hannah Götzer könne „noch etwas lauter werden“. „Ich muss auch Anweisungen an die Spieler geben können, weil ich eine andere Sicht auf das Spiel habe.“ Die 15-Jährige ist eher der introvertierte Typ, stellt im Vergleich aber auch fest: „Mädchen im Fußball sind allgemein bescheidener und ruhiger.“

Götzers Lieblingstorwart ist Marc-André ter Stegen

Seit dem siebten Lebensjahr ist Hannah Götzer vom Fußball infiziert: „Ich habe meinem jüngeren Bruder zugeschaut und dann Lust auf den Sport bekommen.“ Sie sei dann einfach „mal mitgegangen“ zum Training, als einziges Mädchen. Von 2011 an spielte sie bei der TSG Backnang in der Jungenmannschaft mit. Die Adresse für Mädchenfußball war zu der Zeit aber Rietenau, wo sie 2013 und 2014 ihr Faible fürs Tor entwickelte. Zwei Jahre spielte sie in beiden Vereinen parallel. Den Backnangern war Götzer bis zur vergangenen Saison treu, bevor sie zum FSV Waiblingen wechselte. Dass sie Schüssen gut standhalten kann, wurde erstmals Anfang 2014 entdeckt, als sie für die Bezirksauswahl gesichtet wurde. Der Württembergische Fußballverband (WFV) nahm sie im selben Jahr in die Talentförderung auf.

Hannah Götzer spielt nicht nur selbst Fußball, sondern schaut sich das eine oder andere Spiel an. Auf die Frage, wie sie die EM-Absage findet: „Nicht so tragisch. Mich hätten eh nur die Deutschlandspiele interessiert.“ Sie war erst zweimal im VfB-Stadion. Die ARD-Sportschau schaut Götzer nur sporadisch. Sie mag den deutschen Nationalkeeper Manuel Neuer. Ihr Lieblingstorwart ist aber Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona. Zur Entspannung sitzt sie gerne mal am Klavier. Viel Zeit für andere Hobbys bleibt jedoch nicht bei siebenmal Training pro Woche. Ihre Körperstabilität verdankt sie dem Krafttraining des WFV am Olympiastützpunkt in Stuttgart. Am DFB-Stützpunkt in Schorndorf besucht sie mit Jungs das Fördertraining für Talentierte.

Ihr großer Traum wäre es, „einmal mit einer Nationalmannschaft ein Länderspiel zu machen“. Daraus wird jetzt erst mal aber nichts: In den nächsten Monaten schaut sie coronabedingt in die Röhre. Das Turnier um den Länderpokal fällt aus. Das Training in ihren beiden Vereinen – dem FSV Waiblingen und dem FV Löchgau – ist abgesagt. Um in Form zu bleiben, will sie mehr laufen. Sie erhält Trainingspläne mit Stabilitätstraining. Unter Normalbedingungen hätte ihr eine spannende Saison bevorgestanden: Es wäre ihre erste komplette Runde gewesen in Waiblingen, als Torhüterin der C-Junioren in der Oberliga. Und zugleich ihre erste Saison in der U-17-Bundesliga mit Löchgau. Ob die Saison beendet werden kann, steht in den Sternen. Ihre freie Zeit will sie nutzen, um mehr für die Schule zu tun. Denn eines ist bei allen Ambitionen für sie schon heute klar: „Ich werde Abitur machen. Vom Profifrauenfußball können nur die allerwenigsten leben.“

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Erstellt:
24. April 2020, 06:00 Uhr

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