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„Ich hatte Bauchschmerzen“

Der ehemalige VfB-Stürmer Daniel Ginczek spricht über die Umstände seines Wechsels nach Wolfsburg

An diesem Samstag (15.30 Uhr) kehrt Daniel Ginczek mit dem VfL Wolfsburg zurück nach Stuttgart. Der Stürmer freut sich auf das Duell – und erklärt, wieso er den VfB vor dieser Saison verlassen hat.

Stuttgart

Frage: Herr Ginczek, 2015 haben Sie den VfB in Paderborn mit Ihrem Treffer zum Klassenverbleib geschossen. Nun droht den Stuttgartern wieder ein entscheidendes Duell mit dem SC – in der Relegation . . .

Antwort: . . . kein Problem, ich habe dann Urlaub und hätte Zeit (lacht).

Frage: Mal im Ernst: Als Sie den VfB nach der vergangenen Saison verlassen haben – hätten Sie geglaubt, dass der Absturz von Platz sieben auf Rang 16 so extrem ausfallen könnte?

Antwort: Nein, auf keinen Fall, das hat mich schon sehr überrascht. Allerdings habe ich schon vor Monaten gesagt: Wir hatten in der Rückrunde der vergangenen Saison auch viele Spiele glücklich gewonnen – und man hat sich in Stuttgart, so wirkt es zumindest für mich als jetzt Außenstehenden, von diesem siebten Platz am Ende der Spielzeit blenden lassen . . .

Frage: . . . aber, und darauf wurde oft hingewiesen, nur einen Stammspieler ziehen lassen.

Antwort: Ja, mich.

Frage: Hat man Ihre Abstinenz unterschätzt? Ihr Kumpel Matthias Zimmermann, der zu Fortuna Düsseldorf gewechselt ist, sagte, der VfB habe Qualität geholt, aber Mentalität abgegeben.

Antwort: Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich weiß nur zwei Dinge. Erstens: Neue Spieler, und seien sie noch so gut, brauchen Zeit zur Eingewöhnung. Das ging mir in Wolfsburg nicht anders, und ich gehöre schon zu den erfahreneren Spielern. Und: Wir hatten in der Rückrunde der vergangenen Saison einfach ein sehr präsentes Sturmduo auf dem Platz.

Frage: Allerdings heißt es auch, Sie seien wenig begeistert gewesen, als der VfB im Winter 2017/18 Mario Gomez verpflichtet hat.

Antwort: Sehen Sie, wir haben damals unter Hannes Wolf ein System mit einer Spitze gespielt, das der Trainer auch nicht umstellen wollte. Und wenn der Verein dann einen Spieler wie Mario Gomez holt, ist doch klar, dass der nicht auf der Bank sitzen wird. Da machst du dir als ähnlicher Stürmertyp dann schon so deine Gedanken.

Frage: Warum hat es doch gemeinsam funktioniert?

Antwort: Weil der neue Trainer, Tayfun Korkut, in der Rückrunde auf zwei Stürmer umgestellt hat. So haben Mario und ich uns gut ergänzt. Ich gehe auch gerne mal in die Tiefe und konnte so wichtige Räume schaffen – ähnlich gut hat es in der Vorrunde dieser Saison auch hier in Wolfsburg mit Wout Weghorst funktioniert.

Frage: Wie groß war dann der Trennungsschmerz?

Antwort: Mario hat mir, als sich mein Wechsel abzeichnete, eine lange SMS geschrieben und mich noch versucht umzustimmen. Und ich muss zugeben: Ich hatte auch mehrere Wochen Bauchschmerzen. In vier Jahren hatte ich mir mit meiner Familie schließlich einiges aufgebaut in Stuttgart. Und ich denke, auch bei den Fans hatte ich einen guten Stand.

Frage: Warum dann überhaupt der Wechsel?

Antwort: Mich hat die sportliche Perspektive gereizt – auch wenn das seltsam klingt, wenn man vom Siebten zum 16. wechselt. Aber ich habe einfach große Lust, in meiner Karriere auch noch einmal international zu spielen. Da sah ich in Wolfsburg schneller die Möglichkeit.

Frage: Vonseiten der VfB-Verantwortlichen hieß es seinerzeit, es sei hauptsächlich ums Geld gegangen.

Antwort: Es wäre doch bei jedem anderen Berufstätigen ähnlich: Hat man die Möglichkeit, in einem anderen Unternehmen mehr zu verdienen, macht man sich Gedanken. Ich möchte aber schon festhalten: Das Finanzielle war nicht das Entscheidende.

Frage: Was dann?

Antwort: Der VfL hat sich sehr um mich bemüht. Von VfB-Verantwortlichen – die heute übrigens nicht mehr im Verein sind – habe ich dieses Gefühl nicht gehabt. Eher im Gegenteil.

Frage: Das heißt, es hätte die Chance gegeben, Sie in Stuttgart trotz des Angebots aus Wolfsburg zu halten?

Antwort: Ich denke schon und weiß auch, dass sich zum Beispiel Tayfun Korkut vehement gegen meinen Verkauf ausgesprochen hat. Aber nun bin ich auch froh darüber, wie es gelaufen ist. Wir haben mit dem VfL bislang eine starke Saison gespielt.

Frage: Und die Erwartungen sogar übertroffen. Was macht den VfL so stabil?

Antwort: Wir treten als geschlossene Einheit auf und haben eine gute Breite im Kader. In der Vorrunde hatten wir viele Verletzte, haben quasi ohne etatmäßigen Sechser spielen müssen – und es dennoch kompensiert. Das war stark.

Frage: Das vorläufige Ergebnis ist Platz sieben, der in dieser Saison zur Teilnahme an der Europa-League-Qualifikation berechtigt. Den gilt es im Saisonfinale zu verteidigen.

Antwort: Wir wollen unsere beiden letzten Spiele gewinnen, dann wären wir nächste Saison sicher international dabei. Das war vor der Saison vielleicht nicht unser oberstes Ziel – wir taten gut daran, vom gesicherten Mittelfeld zu reden –, aber wenn du dann nach der Hinrunde auf Platz fünf stehst, willst du natürlich oben dabei bleiben. Nach einer kleinen Delle haben wir zuletzt wieder die Kurve gekriegt und sind zuversichtlich, die nötigen Punkte noch zu holen.

Frage: Der VfB benötigt jeden Zähler – darf aber wohl nicht auf einen VfL im Urlaubsmodus hoffen.

Antwort: Nein, sicher nicht. Ich freue mich nach einer anstrengenden Saison in einer unfassbar ausgeglichenen und deshalb aufreibenden Liga zwar auf meinen Urlaub, davor haben wir aber noch was zu erledigen.

Frage: Kein Mitgefühl mit dem VfB?

Antwort: Doch, schon. Ich wünsche mir sehr, dass der VfB den Relegationsplatz sichert und danach über die Relegation in der Liga bleibt. Für diese wahrscheinliche Möglichkeit sollte der Verein übrigens sehr dankbar sein, denn mit lediglich 24 Punkten ist es alles andere als selbstverständlich, noch diese Chance zu haben. Nichtsdestotrotz gehört der VfB für mich einfach in die Bundesliga und dort zumindest ins gesicherte Mittelfeld. Aber an diesem Samstag zählt für mich eben ein Erfolg mit dem VfL.

Frage: Sie kennen den VfB sehr gut. Glauben Sie, dass der Club die Kurve nach oben kriegt und sich endlich berappeln kann?

Antwort: Ich kenne Thomas Hitzlsperger sehr gut, da ich in den vergangenen Jahren oft mit ihm gesprochen habe. Und Sven Mislintat, den neuen Sportdirektor, kenne ich aus unserer gemeinsamen Zeit bei Borussia Dortmund. Ich halte viel von den beiden, das sind gute Typen, denen ich zutraue, den VfB mit klugen Entscheidungen wieder zu stabilisieren.

Frage: Sven Mislintat gilt als streitbarer Kopf – wird es anstrengend für seine Mitstreiter in Stuttgart?

Antwort: Ich kenne ihn nur in seiner Rolle als Chefscout des BVB. Da war er ein netter, lockerer Typ, der aber auch seine eigene Meinung offen und geradeheraus gesagt hat. Aber das finde ich ja gerade das Gute: Ehrlichkeit ist auch im Profifußball eine sehr wichtige Eigenschaft. Vertrauen übrigens ebenso. Ich finde es schade, dass in diesem Geschäft Pläne und Bekenntnisse mittlerweile immer schneller über den Haufen geworfen werden.

Frage: Hätte der VfB in den vergangenen Jahren also öfter mal die Ruhe bewahren und die handelnden Personen machen lassen sollen?

Antwort: Was soll ich dazu sagen? Ich hatte in meinen vier Jahren beim VfB gefühlt zehn Trainer und vier Sportchefs.

Frage: Es waren acht Trainer und vier Sportdirektoren.

Antwort: Na gut, dann streichen Sie das „gefühlt“ (lacht).

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Erstellt:
11. Mai 2019, 02:04 Uhr

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