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Immer wieder neue Bestmarken im Auge

Karl-Heinz Bartelt gibt sich mit 63 Sportabzeichen so wenig zufrieden wie Gisela Müller mit 53 – Mit 81 und 76 Jahren noch topfit

„Es gibt 90-Jährige, die noch das Sportabzeichen machen. Ich hoffe, ich schaffe das auch.“ Sollte Karl-Heinz Bartelt tatsächlich bis 2028 dranbleiben und seinen bislang 63 Exemplaren zehn weitere folgen lassen, dürfte Gisela Müller recht behalten. Die 76-jährige Backnangerin, die derzeit an ihrem 54. Sportabzeichen bastelt, schaut rüber zum Mitstreiter aus Großaspach und sagt schmunzelnd: „Der ist sehr fit, den hole ich nicht mehr ein.“

Karl-Heinz Bartelt schwört auf die Spikes, mit denen 1960 die Stars bei den Olympischen Spielen in Rom über die Laufbahn fegten. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Karl-Heinz Bartelt schwört auf die Spikes, mit denen 1960 die Stars bei den Olympischen Spielen in Rom über die Laufbahn fegten. Fotos: A. Becher

Von Steffen Grün

Den Rekord in der Region irgendwann an sich zu reißen, steht für Gisela Müller ohnehin nicht im Mittelpunkt des Interesses. „Es geht mir hauptsächlich darum, weiterhin viele Leute zum Sport zu bringen“, betont die frühere Sportlehrerin und erinnert sich an die Zeit an der Schillerschule: „Ich habe mit viel Herzblut und Motivation einigen Tausend Schülern das Sportabzeichen ermöglicht.“ Zudem zählt sie seit einer halben Ewigkeit zum Prüferteam der TSG Backnang und war hier wie dort stets der Meinung, eine Vorbildfunktion zu besitzen: „Wenn ich es von den Kindern verlange, muss ich es selbst auch können.“

Wenn man so will, ist die eigene Sportabzeichen-Sammelei also nur ein Nebenprodukt. Dazu passt es auch, dass sie ihre erste Prüfung im Zuge ihrer Ausbildung ablegte. 1966 war das und damit in dem Jahr, in dem die gebürtige Heilbronnerin vom Neckar an die Murr übersiedelte. Jedes Jahr kam ein weiteres Sportabzeichen dazu, damit sind es nun 53 und das 54. ist nur Formsache. Starke 106 Wiederholungen im Seilspringen hat sie schon notieren lassen, „das ist meine Lieblingsdisziplin“. Die Leistungsfähigkeit im Koordinationsbereich hat sie damit nachgewiesen, nun geht es an die Kraft, die Schnelligkeit und die Ausdauer. Müller schleudert den zwei Kilogramm schweren Medizinball auf den Rasen des Karl-Euerle-Stadions, für ihre beiden weiteren Disziplinen muss sie das Freibad aufsuchen, dort wird sie 25 und 200 Meter schwimmen. „Man sieht, wie es abwärtsgeht“, kommentiert sie ihre Zeiten und Weiten, „damit muss man sich abfinden. Solange ich nicht stark abbaue, bleibe ich dabei.“ Schienen ihr 50 Sportabzeichen früher quasi unerreichbar zu sein, so hat sie nun bereits „die 55 im Auge, aber den Bartelt hole ich nicht mehr ein“.

Der Rentner aus Großaspach ist ihr immer exakt zehn Exemplare voraus, damit erreicht das Duo die Fünfer- und Zehnerschritte stets gemeinsam und trifft sich bei den Empfängen im Neuen Schloss. Läuft alles normal, machen sich die beiden 2020 wieder auf den Weg nach Stuttgart – für Bartelt wäre es das 65. Sportabzeichen, „das offiziell ein Orden ist“, wie er betont. Mit welchen Leistungen er die bisherigen 63 ergatterte, kann der 81-Jährige auf die Sekunde oder den Zentimeter nachweisen – alles ist fein säuberlich abgeheftet, was nicht nur seinem Hang zum Perfektionismus geschuldet ist, sondern vor dem digitalen Zeitalter zwingend notwendig war. „Früher musste man alle bereits erworbenen Sportabzeichen einschicken, um das Sportabzeichen mit Zahl zu erhalten“, erinnert sich der ältere Herr mit der Figur, die viele Jüngere vor Neid erblassen lässt.

Nachdem zum 1. April 1952 im Westen Deutschlands wieder ein einheitliches Regelwerk in Kraft getreten war, legte Bartelt los. Er sicherte sich zwei Jugendsportabzeichen, die Zählung begann aber erst mit 18 Jahren. Über Castrop-Rauxel, Aachen, Düsseldorf und Darmstadt verschlug es ihn 1973 nach Backnang und wenig später nach Aspach, wo er heimisch wurde. Egal wo, holte er sich einmal im Jahr „die persönliche Bestätigung meiner sportlichen Leistungsfähigkeit“, wie es Bartelt nennt. Er kann damit zum Beispiel nachvollziehen, dass sich seine Zeit über 20 Kilometer Radfahren zwischen dem 18. und 81. Geburtstag nur von etwa 31:30 Minuten auf rund 40 Minuten verschlechtert hat. Und das, obwohl er nach eigenem Bekunden fast gar nicht trainiert, außer sich vor Prüfungen zweimal den radelnden Senioren in Aspach anzuschließen.

„Die Technik und alles, was zum Sport gehört, habe ich als Jugendlicher erlernt“, erzählt Bartelt. „Ich war ein schlechter Schüler, aber ein guter Sportler.“ Wäre der Vater einverstanden gewesen, wäre aus ihm wohl ein Sportlehrer geworden, kein Mathematiker. Seinem Hobby frönte er fortan mit den alljährlichen Prüfungen: „Mein erstes Ziel war es, das goldene Sportabzeichen für 15 Wiederholungen bereits mit 32 Jahren zu bekommen. Das hat geklappt.“ Und es war doch nur der Anfang. Die 50er-Marke, die für ihn eine astronomische Zahl war, als er einst eine TV-Reportage sah, hat er längst gerissen, ein Ende ist nicht absehbar. „Die 70 würde ich gerne noch vollkriegen. Ich habe ein künstliches Hüftgelenk und einen Herzschrittmacher, ich bin gut versorgt.“

Statt dem Radsprint, den Bartelt nach der Hüft-OP eine Weile bevorzugte, sprintet er nun wieder mit den Beinen am Boden und möchte über 30 Meter unter sechs Sekunden bleiben. Die Laufbahn ist sein Metier, 100 Meter schaffte er einst in 11,2 Sekunden. Zwei von vier Bereichen sind mit 20 Kilometern im Sattel und 30 Metern im Stadion abgedeckt, dazu kommen Kugelstoßen oder Standweitsprung, „die bessere Leistung tragen wir ein“. Letzter Baustein ist das Seilspringen, „aber daran muss ich arbeiten“. Bei 20 bis 25 Wiederholungen soll es auf Dauer nicht bleiben.

Das Prüferteam der TSG Backnang steht bis 25. September jeden Mittwoch von 18 bis 20 Uhr im Karl-Euerle-Stadion parat. Weitere Angebote der Vereine sind unter www.sportkreis-rems-murr.de zu finden.

Eine Meisterin im Seilspringen: Gisela Müller schaffte dieses Jahr schon 106 Schwünge am Stück.

© Pressefotografie Alexander Beche

Eine Meisterin im Seilspringen: Gisela Müller schaffte dieses Jahr schon 106 Schwünge am Stück.

Hintergrund
Sportabzeichen: Die Regularien und einige Ehrungen

Das Deutsche Sportabzeichen besteht aus Disziplinen der Leichtathletik, des Turnens, Schwimmens und Radfahrens. Um die Prüfungen für Gold, Silber oder Bronze zu schaffen, müssen die Frauen und Männer altersgerechte Leistungen in den Bereichen Ausdauer, Schnelligkeit, Kraft und Koordination erbringen und ihre Schwimmfertigkeit alle fünf Jahre nachweisen. Weitere Informationen unter www.deutsches-sportabzeichen.de.

Beim Stopp der Sportabzeichen-Tour in Waiblingen waren es mehr als 2000 Teilnehmer. „Ein fantastisches Ergebnis“, freute sich Sportkreis-Präsident Erich Hägele. Zu den acht Schulen, die den Aktionstag besuchten, gehörte die Lautereck-Realschule in Sulzbach an der Murr. Angefeuert wurden die Mädchen und Buben von regionalen Sportgrößen, darunter Michael Vitzthum und Jonas Meiser von der SG Sonnenhof Großaspach.

Hägele nutzte den Anlass auch, um zwei diamantene Sportkreisehrennadeln zu verleihen – und zwar an Karl-Heinz Bartelt (Aspach) für seine insgesamt 63 bestandenen Prüfungen und an Wolfgang Wunder , der seit fast 50 Jahren das Sportabzeichentraining beim VfL Waiblingen leitet. Heinrich Ringelkamp aus Berglen, der das Thema mit seiner Frau Sigrid viele Jahre für den Sportkreis beackerte, bekam diese Ehrung schon früher und darf stattdessen nun eine Reise zum Sportabzeichenfest nach Weimar antreten.

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Erstellt:
7. August 2019, 06:00 Uhr

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