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Klare Fingerzeige

Der lange Weg zum Anführer: Marco Reus will nach den Jahren der Leiden künftig vorneweg marschieren in der Fußball-Nationalelf

Nationalelf - Es klingt komisch und verrückt: Die vielen Verletzungspausen könnten für Marco Reus jetzt sogar zum Vorteil werden – auch in der Nationalelf, in der er den nächsten Schritt machen will.

Wolfsburg Marco Reus kommt sichtbar missmutig aus der Kabine und gibt sich Mühe, seine Stirn möglichst lange in Falten zu legen. „Zu wenig Tempo“ beklagt er im Spiel der deutschen Nationalelf, bemängelt „zu viele Lücken in der Abwehr“ und vergisst auch nicht, eine „bessere Körpersprache“ der jungen Spieler anzumahnen. Kurzum: „Das war zu wenig. Wir sind immer noch Deutschland und müssen einen Zahn ­zulegen.“

Die schlechte Laune passte einerseits nicht recht zur eigenen Leistung. Reus war beim 1:1 (0:1) gegen Serbien der beste Spieler der verjüngten DFB-Elf, die er nach seiner Einwechslung zu Beginn der zweiten Hälfte vor einem kapitalen Fehlstart in die neue Ära bewahrte.

Andererseits war sein Auftreten durchaus schlüssig, denn es sendete auf unmissverständliche Weise die gewünschte Botschaft: Endgültig vorbei ist nun auch im DFB-Team die Zeit, in der sich der Edeltechniker damit begnügte, sich auf seine eigene Leistung zu konzentrieren. Er kümmert sich jetzt ums große Ganze.

Mit dem Abschied jahrelanger Platzhirsche aus der Nationalelf ist eine gewaltige Aufwertung von Marco Reus (29) verknüpft. Neben Kapitän Manuel Neuer (32), Toni Kroos (29) und Ilkay Gündogan (28) ist der Dortmunder einer von nur noch vier Routiniers. Sie sind dazu auserkoren, den nachrückenden Talenten dabei zu helfen, gestandene Nationalspieler zu werden. „Natürlich bin ich bereit, die vielen jungen Spieler zu führen“, sagt Reus, „ich will Verantwortung übernehmen“.

Es ist eine Rolle, die der Offensivspieler bisher allein deshalb nicht bekleiden konnte, weil er fast immer verletzt war, wenn es drauf ankam. Fast beispiellos ist seine Pechsträhne, die mit der kurzfristigen Absage seiner WM-Teilnahme 2010 in Südafrika wegen muskulärer Probleme begann und vier Jahre später gipfelte: Vor dem Fernseher musste Reus miterleben, wie die goldene Fußball-Generation, der auch er angehört, in Rio den Thron bestieg. Am Abend vor dem Abflug nach Brasilien hatte sich Reus im letzten Testspiel gegen Armenien das Syndesmoseband gerissen.

Doch waren dies nur die dramatischsten Blessuren. Es gab noch viele andere, die Reus in den vergangenen neun Jahren regelmäßig wochen- oder gar monatelang aus der Bahn warfen. Bitter und gleichzeitig schier unfassbar, dass dieser begnadete Fußballer, ohne Zweifel einer der talentiertesten, die es in Deutschland je gegeben hat, bislang nur eine WM und kümmerliche 38 Länderspiele bestreiten konnte.

Eins mehr hat Joshua Kimmich schon jetzt, dabei ist der Münchner gerade erst 24 geworden. Thomas Müller, drei Monate jünger als Reus, wurde mit 100 Länderspielen in den Ruhestand versetzt.

Die ewigen körperlichen Leiden waren aber nicht der einzige Grund, warum Reus für die Rolle der Führungskraft lange Zeit ungeeignet schien. Als Luftikus galt der introvertierte Westfale, als einer, dem im entscheidenden Moment der Killerinstinkt fehlt. In drei Finals gegen die Bayern ging er mit dem BVB als Verlierer vom Platz, darunter im Champions-League-Endspiel 2013 in Wembley. Ein einziger Titel steht in seiner Vita, der DFB-Pokalsieg 2017. Bei Thomas Müller sind es bislang 13, darunter der WM- und Champions-League-Titel.

Spätestens seit Beginn dieser Saison aber staunt die Fußballwelt über einen völlig neuen Marco Reus. Das Kapitänsamt hat er von BVB-Trainer Lucien Favre, seinem früheren Förderer in Gladbach, übertragen bekommen und füllt es in geradezu vorbildlicher Weise aus. So dominant und mitreißend wie in dieser Spielzeit hat man ihn noch nie erlebt – nicht allein wegen der 19 Tore in 31 Pflichtspielen. Er ist der Anführer, auf dem Platz und auch außerhalb.

Das soll er jetzt auch in der Nationalelf werden. „Er hat menschlich einen sehr guten Prozess durchlaufen“, sagt Bundestrainer Joachim Löw, „er ist reifer geworden und übernimmt mehr Verantwortung“. Klingt verrückt, aber die vielen Verletzungspausen könnten jetzt sogar zum Vorteil werden. Reus hat in seiner Profikarriere bislang 408 Spiele absolviert – in den dünnen Beinen von Thomas Müller stecken bereits 566. Wer weiß, vielleicht hat sich Reus das Beste ja tatsächlich für den Schluss aufgehoben.

Anders als gegen Serbien soll er im ersten EM-Qualifikationsspiel am Sonntag (20.45 Uhr/RTL) in den Niederlanden von Beginn an auflaufen. Allerdings gibt es eine Unwägbarkeit: Seine Freundin Scarlett ist hochschwanger, es kann jederzeit losgehen. Wieder einmal müsste Marco Reus vorzeitig abreisen – zum ersten Mal aber gesund, freiwillig und mit Freuden.

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Erstellt:
22. März 2019, 03:04 Uhr

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