Löw: „Gibt keinen Grund, alles über den Haufen zu werfen“

dpa Frankfurt/Main. Mit Joachim Löw gibt es auch in der großen Krise nur ein Weiter so! Nach dem Spanien-Debakel weicht der Bundestrainer nicht von seinen Grundprinzipien ab. Mit Arbeitgeber DFB herrscht „Explosionsgefahr“. Drei Ex-Weltmeister nennt Löw nicht einmal beim Namen.

Bundestrainer Joachim Löw in der DFB-Zentrale beim digitalen Pressegespräch. Foto: Thomas Boecker/DFB/dpa

Bundestrainer Joachim Löw in der DFB-Zentrale beim digitalen Pressegespräch. Foto: Thomas Boecker/DFB/dpa

Joachim Löw kam blitzschnell aus der Defensive. In seinem weinroten Rollkragenpulli rieb sich der nach dem 0:6-Desaster in Spanien angeschlagene Bundestrainer noch einmal kurz die Hände.

Dann hob er bei seinem ersten öffentlichen Auftritt nach der schwarzen Nacht von Sevilla zu einer in seiner ewig anmutenden Amtszeit einmaligen Rechtfertigungsrede an. Klar machte Löw sofort: Trotz des Debakels zum unrühmlichen Ausklang des Corona-Jahres 2020 und dem folgenden radikalen öffentlichen Gegenwind weicht der 60-Jährige nicht von seinen Leitlinien beim zuletzt frustrierenden Erneuerungskurs der Fußball-Nationalmannschaft ab.

„Wir verfolgen unsere rote Linie! Es gibt keinen Grund, alles über den Haufen zu werfen“, postulierte Löw seine Maxime für das EM-Jahr 2021. Auch die Fragen zum Dauerthema um die aussortierten Ex-Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng umkurvte Löw mit seinem schon immer praktizierten Vokabular. „Im Moment“ gibt es laut Löw keine Veranlassung für eine Rückkehr des Trios. Selbstverständlich werde er bei der EM-Nominierung im Mai 2021 aber genau bewerten, „was bringt uns den größten Erfolg, was ist das Beste für den deutschen Fußball“, sagte Löw. Die Namen Hummels, Müller und Boateng nahm er dabei nicht in dem Mund.

Selbstkritik ja, aber vor allem Frust und Ärger über Indiskretionen bis hinauf in die Führungsspitze seines Arbeitgebers, beschäftigten Löw noch massiv. Von einer „klaffenden Wunde“ sprach Löw. „Es gab eine Pressemitteilung, der Trainer brauche emotionale Distanz“, sagte der 60-Jährige in dem Videogespräch. „Das war für mich unverständlich, weil emotionale Distanz brauche ich nicht.“

Mit DFB-Chef Fritz Keller habe er die Dissonanzen in einem Telefonat bereinigt. Er werde nicht über Interna reden, tat es somit aber doch. „Da weiß man, da herrscht Explosionsgefahr bei mir, wenn da Dinge nach außen gehen, die nicht nach außen gehören“, sagte Löw. Der Bundestrainer kann auch ziemlich nachtragend sein.

Ein Rücktritt kam für den Rekord-Bundestrainer auch nach der höchsten Pflichtspielniederlage in 120 Jahren DFB-Gesichte nicht infrage. „Diesen Gedanken gab es bei mir nicht. Für mich persönlich, klar, man ist völlig frustriert, diese Niederlage hängt mir persönlich immer noch an und ich stehe mit diesem Frust manchmal morgens auf. Aber als Trainer weiß man schon, wie kann man es einordnen und stimmt der Weg?“, sagte Löw 20 Tage nach dem Debakel im letzten Länderspiel 2020.

Von seinem Weg, das wissen nun endgültig alle, lässt sich Löw nicht abbringen. Ein möglicher Jobverlust ist für ihn keine Gedankenbremse. „Ich bin lange im Geschäft. Ich weiß, wie die Uhren ticken. Wenn man sagt, dass man kein Vertrauen in mich hat, dann nehme ich das an und nehme das hin. Dann ist das absolut professionell“, sagte Löw.

Die vergangenen 20 Tage nach dem Desaster von Sevilla waren eine Mini-Kopie des Nachlaufs zur total verkorksten WM 2018 in Russland. Wie damals machte sich Löw nach der sportlichen Fehlleistung erstmal rar. Den Vorwurf, er tauche ab, wies er energisch zurück. Alles sei vom DFB-Präsidium vorgegeben worden - die nächste Spitze gegen den ohnehin führungsschwachen Arbeitgeber.

Indirekte Unterstützung bekam Löw von DFL-Chef Christian Seifert. „Generell wünsche ich dem DFB, dass er aus sich heraus zur Ruhe kommt und das teilweise sehr unwürdige Schauspiel an Illoyalität langsam sein Ende findet“, sagte der Vorsitzender der Profivereinigung praktisch parallel zu Löws Ausführungen.

Das von DFB-Boss Keller ausgegebene Mindestziel Halbfinale will Löw für das Turnier 2021 nicht einfach übernehmen. Diesem Ergebnisdruck setzt er sich nach mehr als 14 Jahren im Amt vor seinem siebten Großereignis nicht aus. „Die Erwartungen sind sicherlich sehr groß, aber das ist unser eigener Anspruch. Wir wollen so weit wie möglich kommen, das Finale erreichen, das Turnier gewinnen.“ Aber er wisse, dass bei einem Turnier „viele Dinge“ passieren könnten, sagte Löw: „Wir gehen Schritt für Schritt in ein Turnier.“

Öffentlich treiben lässt sich Löw einfach nicht. Auch der Forderung des Medien-Boulevards nach mehr Stadionbesuchen in den kommenden Bundesliga-Wochen erteilte er eine klare Absage - mit Begründung. In Corona-Zeiten sei es klare Maßgabe, von den DFB-Ärzten wie auch von der Bundesregierung, Kontakte zu minimieren. „Die Bundesliga kennen wir aus dem Effeff. Wir schauen jedes Spiel. Alles fließt in unsere Datenbanken“, sagte Löw.

© dpa-infocom, dpa:201207-99-605008/7

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Erstellt:
7. Dezember 2020, 16:26 Uhr

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